zur Navigation springen

Die mangelhafte Reifeprüfung

vom

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2013 | 08:03 Uhr

Im Bildungssystem wird gern verglichen: Wie gut lesen und rechnen Grundschüler? Was können Mädchen und Jungen in Klasse 3, 6 und 8? Wer ist bei der Einschulung zu dick? Wie viele Schulabbrecher gibt es? Bildungsforscher leuchten das Schulleben aus. Um den höchsten schulischen Abschluss machen sie dabei aber lieber einen Bogen. Sitzenbleiben? Kopfnoten? Unterrichtsausfall? Passen an jeden Stammtisch. Der Wirrwarr bei der Reifeprüfung hingegen ist kaum noch zu verstehen. Das Bayern-Abitur hat einen Heiligenschein, basta! Unsere Zeitung nimmt den Abiturienten in Deutschland unter die Lupe und stößt auf eine ganze Reihe von Mankos.

Übel Nummer 1 - geografische Ungleichbehandlung:

Was in Bremen zu einem Abitur der Note 1,5 führt, reicht in Sachsen-Anhalt nicht einmal für die Zulassung zur Reifeprüfung. Günter Germann, ein ehemaliger Oberstufenlehrer aus Halle, hat die Oberstufenverordnungen der Bundesländer studiert. Sie schreiben vor, was der Schüler können muss und wie er zu bewerten ist. Mathelehrer Germann hat einen Schüler mit durchschnittlichen, etwas wechselhaften Leistungen genommen und die akrobatischen Rechenwege der Abiturbenotung nachvollzogen - mit erschreckenden Ergebnissen (siehe Grafik). Unsere Redaktion machte die Probe aufs Exempel und legte bei drei Bildungsministerien benachbarter Länder die Leistungsabrechnung aus Klasse 11 und 12 zur Bewertung vor: In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern erhielt unser Schüler ein Abitur mit 1,7. In Sachsen-Anhalt blieb er ohne Abschluss (siehe Extra). "Halbwegs gleiche Abiturnoten sind nur möglich, wenn der Schüler durchweg sehr gute bis gute Leistungen hat", sagt Günter Germann. "Eine "schreiende Ungerechtigkeit."

Übel Nummer 2 - unterschiedliche Belastung:

Was vor Jahren durch die Teilung in Leistungs- und Grundkurse auf Anhieb zu verstehen war, geht heute in einem Kauderwelsch unterschiedlichster Bezeichnungen unter: Fächer, Hauptfächer, Profilfächer, Kurse auf grundlegendem und Kurse auf erweitertem Niveau. Jedes Land gibt der Sache einen anderen Namen. Die Grundidee hat sich nicht verändert: Es gibt Leistungs- und Grundkurse im Abitur. Erstaunlich ist, wie sehr sich die Zahl der lernintensiven Leistungskurse von Land zu Land unterscheidet. Sachsen, Berlin und Bremen haben zwei, Bayern und Hamburg drei, Brandenburg fünf. Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt verlangen sechs, doppelt so viele wie in Bayern.

Zum einen darf also vermutet werden, dass sich die Ehrfurcht vor dem Bayern-Abitur vor allem auf Formalien gründet: auf die Verlässlichkeit des Bildungssystems unter Jahrzehnte währender CSU-Ägide und den Umstand der scharfen Auslese fürs Gymnasium am Ende der Grundschule. Statt Elternwille entscheiden im Freistaat die Lehrer, im Zweifel Eignungsprüfungen über die Schullaufbahn. Zum anderen fällt auf, dass ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zwei Schulstatistiken nahezu identisch aussehen: Die Zahl der Schüler, die in Klasse 11 oder 12 ein Jahr wiederholen, ist nirgendwo höher. Und: Die Noten im Fach Mathematik sind in den vergangenen Jahren so schlecht geworden wie nie zuvor. Eine Nebenwirkung der vielen Leistungskurse? Viele Lehrer sehen das so, die Ministerien bestreiten das.

Immerhin hat sich die Kultusministerkonferenz jetzt entschlossen, das Abitur deutschlandweit einheitlicher zu machen. Ab 2017 sollen Prüfungen "vergleichbar schwer" sein. Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Sachsen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg preschen voran und schaffen schon 2013 einen gemeinsamen Aufgabenpool. Das Lob für diese kleine Revolution fällt verhalten aus. Nicht nur, weil Veränderungen stets Ängste fördern, sondern vor allem, weil am Abitur zuletzt regelrecht herumgemurkst wurde. Stichwort: Turbo-Abi nach zwölf statt 13 Jahren. Fast 80 Prozent der Eltern halten die Verkürzung für einen Fehler, wie eine Bildungsstudie kürzlich zeigte. 60 Prozent könnten sich immerhin damit anfreunden, wenn die Lehrpläne angepasst würden. Genau das aber haben die Bildungsminister versäumt, womit wir beim nächsten Problem sind.

Übel Nummer 3 - chronische Überforderung:

Beispiel Mecklenburg-Vorpommern - beim Abi nach Klasse 13 standen in drei Schuljahren insgesamt 90 Wochenstunden im Plan, beim Abi nach Klasse 12 sind es 70 in zwei Jahren. Wohlgemerkt, bei gleichem Lehrstoff. Wer das Abi tur ernst nimmt, hat deutlich mehr zu bewältigen als eine 40-Stunden-Arbeitswoche. Allein rund 35 Stunden pro Woche sitzt der Abiturient in der Schule, hinzu kommen Hausaufgaben, Referate, Prüfungsvorbereitungen sowie - in einem Flächenland nicht zu unterschätzen - lange Schulwege.

Übel Nummer 4 - Gleichmacherei in Mathematik:

Seit einigen Jahren wird das Fach ausschließlich auf Leistungskursniveau unterrichtet. Um mehr mathematisches Wissen an den Abiturienten zu bringen, so der Plan. In der Prüfung kann der Schüler dann wählen, ob er Leistungs- oder Grundkursaufgaben lösen will. Eine feine Sache? Von wegen. Dass Mathe-Asse und Nicht-Mathematiker in einer Klasse sitzen, schadet allen. Lehrer schildern die Folgen des Spagats: Ein Schüler musste sich beim Start ins Mathematik-Studium anhören, dass er im Abitur unzureichend auf die Hochschule vorbereitet wurde - zu wenig Tiefgang. Für den anderen war es viel zu viel, die Prüfung auf Grundkurs niveau nützt ihm gar nichts mehr, weil er schon zu Beginn des Leistungskurses überfordert war.

Länder wie Berlin und Hamburg machen es ihren Abi turienten leichter: Die werden entweder auf Leistungs- oder auf Grundkursniveau unterrichtet und geprüft. Auch das ist möglich. Der Rahmen der KMK ist aus Weichgummi.

Und? Können und wollen Sie noch folgen? Noch fehlt...

Übel Nummer 5 - Ungleichgewicht in Mathematik:

Ein Vergleich der sechs Abi tur-Vorreiterländer Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Sachsen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg zeigt: Die Sachsen haben in Klasse 11 und 12 summa summarum 80 Wochenstunden mehr Mathematik als alle anderen. Pro Woche eine Stunde mehr - wird das bei den vergleichbaren Prüfungsaufgaben bedacht? Das Schweriner Bildungsministerium vertraut auf die Expertengruppe, sie werde keine Spezialthemen aus dem sächsischen Lehrplan in den gemeinsamen Aufgabenpool aufnehmen. Praktiker wissen es besser: Im vergangenen Schuljahr bekamen Lehrer in MV erste Probeaufgaben für ihre Schüler. Überraschung! Matrizenrechnung war dabei - ein Spezialthema aus Sachsen.

Wie lautete gleich die Aufgabenstellung der Bildungsminister? Das Abitur in Deutschland soll vergleichbarerer werden. Es wird wohl nicht ohne Nachsitzen gehen, um dafür einen praktikablen Lösungsansatz zu finden. Vorerst lässt sich leider nichts anderes konstatieren als: Reifeprüfung - mangelhaft.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen