Der teuerste Hengst der Welt : Die Kinderstube des Wunderhengstes

Totilas mit Dressurreiter Matthias Rathdpa
1 von 4
Totilas mit Dressurreiter Matthias Rathdpa

Totilas ist der teuerste Hengst der Welt und damit Gold wert. Das soll im Sinne seiner Besitzer auch so bleiben. Er steht in vollem Saft, und die Kassen klingeln.

von
24. September 2012, 10:17 Uhr

Lewitz | Für den kleinen Fan gibt es die Totilas-Tasse für 9,95 Euro. Für die Damen-Weste sind aber schon 175 Euro hinzublättern. Die gelbe Totilas-Schrift prangt dafür auf der linken Brustseite. Für die modischen Herren läuft derzeit eine Rabattaktion, statt 119 Euro sind es jetzt knapp 60 Euro für das Langarm-Shirt aus der Kollektion "Totilas Fashion". Wer mehr von Totilas will, muss dafür ordentlich was berappen. Totilas’ Samen wird mit stolzen 8000 Euro für Decktaxe gehandelt. Zunächst 4000 Euro vorneweg, dann nochmals 4000 Euro, wenn die Stute tragend ist. Preise um die 2500 Euro - für den Zuchthengst Sandro Hit beispielsweise - gelten laut Katalog eigentlich als das Höchste der Gefühle in der Zuchtlandschaft. Und "Wunderhengst" Totilas ist wirklich potent.

Auf dem Gestüt Lewitz bei Neustadt-Glewe (Landkreis Ludwigslust-Parchim) ist seit dem Frühjahr die Kinderstube des Hengstes eröffnet. Derzeit staksen und hüpfen rund 20 seiner Fohlen in den Ställen und auf den Wiesen umher. Es sind Totilas-Erben, Nachkommen, die seine Gene tragen. Prädikat absolut wertvoll.

Doch Vater Totilas tollt nicht mit über die Weide. Er glänzt durch Abwesenheit. Nur das Ergebnis der künstlichen Befruchtung tummelt sich auf dem Gestüt Lewitz - das größte Europas mit 3500 Pferden und rund 700 Fohlen auf 3000 Hektar.

Auch Marc Lämmer, Gestütsleiter und Tierarzt, kennt das Dressurpferd Totilas nicht so gut. Vielleicht zehnmal habe er ihn bisher gesehen. "Wir kriegen nicht viel von ihm mit", sagt er. Der Prachthengst, Welt- und Europameister, steht zurzeit in Kronberg im Taunus (Hessen) bei seinem Reiter Matthias Rath. Auf dem dortigen "Schafhof" wurde extra für die Zucht mit Totilas eine komplette Deckstation eingerichtet. Dreimal pro Woche springt Totilas auf eine nachgebildete Stute und erfüllt professionell seine Pflicht.

Mitbesitzer Paul Schockemöhle, der in den 80er-Jahren dreimal hintereinander Europameister im Springreiten wurde, soll laut Medienberichten von einem zwei Millionen-Euro Jahresgewinn - allein mit Rappe Totilas - ausgehen. Die Rechnung dürfte aufgehen, sofern Totilas sportliche Leistung auch unter Matthias Rath zeigt. Die größten Erfolge zelebrierte Totilas bisher allerdings mit seinem vorherigen Reiter Edward Gal.

Die Zucht-Kalkulationen klingen vielversprechend, hat Schockemöhle den Hengst doch im Herbst 2010 für die Rekordsumme von über zehn Millionen Euro aus den Niederlanden erstanden. Bis dato gezahlte Transfers lagen bei etwa 2,5 Millionen Euro. Und die Investition soll sich natürlich lohnen. Das tut sie. Die Marke Totilas boomt. Die Vermarktungsrechte liegen bei der PR-Agentur von Michael Mronz, Ehemann von Außenminister Guido Westerwelle (FDP).

Während sich Reiter Matthias Rath derzeit vom Pfeifferschen Drüsenfieber erholt, wird Totilas weiter trainiert, abgesamt und die tief gekühlten Samen werden bei Bedarf in die Lewitz geschickt. Die Nachfrage sei groß, sagt Marc Lämmer. Und das trotz der imposanten Summe von 8000 Euro. Auf dem Gestüt werde Totilas’ Samen oft bei den Dressurstuten eingesetzt. 80 bis 90 Dressurfohlen, darunter Totilas’ Erben, kommen jährlich zur Welt. Dabei liegt der Hauptschwerpunkt der Zucht auf den Springpferden, erklärt der Gestütsleiter.

Während Schockemöhle in seinem Verkaufs- und Turnierstall in Mühlen (Niedersachsen) auf turniererfolgreiche Nachwuchs- oder Springpferde für den internationalen Spitzensport setzt, findet die Zucht und Aufzucht auf dem Gestüt Lewitz statt. Erst mit mindestens zwei Jahren können diese Pferde erworben werden. Dabei steht in der Gestüts-Philosophie fest, dass "grundsätzlich keine Fohlen verkauft werden", so Marc Lämmer, der mit der Entwicklung der Totilas-Erben sehr zufrieden sei. Mehr könne man aber noch nicht sagen. Da gilt es abzuwarten.

Aber: Trotz des berühmten Vaters gibt es für seine Nachkommen keine Extrawurst. "Wir behandeln alle gleich, es gibt für kein Fohlen eine Sonderbehandlung, es sei denn, dies ist aus medizinischer Sicht notwendig", betont der Geschäftsführer. Doch bereits ab dem dritten Lebenstag werden die Fohlen an den Umgang mit anderen Pferden gewöhnt. Die Fohlen bleiben bis zum sechsten Lebensmonat bei der Mutter, dann werden sie getrennt und in Gruppen zu 30 bis 35 auf eine Weide gebracht.

Beim Stallrundgang mit Christin Jaap, Mitarbeiterin im Verkauf, wird aber schnell deutlich, dass ein Totilas-Fohlen bereits jetzt weiß, erhaben auf Besucher zu warten, fotogen in Kameraobjektive zu blinzeln und nicht kess wild umher zu springen.

Christin Jaap ist ganz entzückt. Allerliebst das Fohlen. Den Vater Totilas kennt auch sie nur aus der Ferne. Auf einem Turnier habe sie ihn einmal erleben können, sagt die Hobbyzüchterin, die seit fast zwei Jahren auf dem Gestüt arbeitet. Sie ist eine von 190 Mitarbeitern. Ein Gestüt dieser Größenordnung und mit diesen Ambitionen muss wohl organisiert sein. Weidemanagement, Abfohlbereich, Fohlen aufzuchtbereich oder eben die hauseigene Tierklinik mit 12 bis 14 Tierärzten.

Allein vier Mediziner betreuen den Nachwuchs. "Fohlen haben wie Kinder auch immer Kinderkrankheiten, denen wir zuvorkommen wollen", erklärt Marc Lämmer die prophylaktischen Gesundheitskontrollen. Die Tierärzte betreuen nur das Gestüt, es gibt eine Dienstbereitschaft beziehungsweise einen Nachtdienstplan in jedem Bereich.

Die 23-jährige Christin Jaap muss keine Nachtdienste schrubben. Sie kümmert sich auf dem Gestüt aber immerhin um 24 Pferde. Mehrstellige Nummern prangen an den Boxen. Nach Namen geht es nicht. Sie selbst denke sich auch keine aus. "Es sind einfach zu viele und sie wechseln ja nach einem verkauften Pferd immer", sagt Christin Jaap. "Geld, Geduld und Glück sind das Wichtigste", sagt sie. Das habe sie auch auf dem Gestüt gelernt.

Trotz aller Professionalität kann kann sie ihr Entzücken über die süßen Totilas-Fohlen nicht verbergen. Freut sich eigentlich auch Marc Lämmer noch, wenn ein Fohlen geboren wird? Immerhin können in einer Nacht schon eimmal zehn zur Welt kommen.

"Ja, dann gehe ich jeden Morgen durch den Stall und schaue sie mir an", gibt er zu. Auch Paul Schockemöhle schaue regelmäßig vorbei. Einmal pro Woche reise er an, schreite durch die Boxen und inspiziert die süßen Neuankömmlinge. Er entscheidet dann, ob er die Stute noch einmal mit demselben Hengst anpaart. Doch von den Erben wird es sicher nicht so schnell eine Modelinie geben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen