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Die Geschichte vom Wolf im Hasenpelz

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erstellt am 26.Feb.2013 | 10:37 Uhr

Neubrandenburg | Sie sehen den Boden an und in ihrem Schweigen steckt die stille Scham. Zwei Ueckermünder Polizisten auf steinernen Bänken im obersten Stock des obersten Neubrandenburger Gerichts, des Landgerichts. Der verkuppelte Saal mit verschlossenen Türen, dahinter verhandelt der Vorsitzende Richter Klaus Kabisch und die Beamten sind heute Zeugen. Sie sind 50 und 54. Eine schreckliche Septembernacht hat sie hierher verschlagen. Eine Nacht, in der sie nicht vorbereitet waren auf einen derart brutalen Autodieb, auf eine solch einseitige Schlägerei. Wenn die Polizisten abseits der Verhandlung von jenem Tag und jenem Täter sprechen, betonen sie, was das für ein Riese war, wie hemmungslos. Dann werden sie als Zeugen aufgerufen, um von ihren Verletzungen zu erzählen. Zwei gebrochene Rippen auf der einen Seite der Wartebank und drei Platzwunden auf der anderen Seite der Wartebank. Und in der Mitte sitzt das schlechte Gewissen.

Jagd mit Hubschrauber und Spezialeinsatzkräften

Am Ende des Tages steht fest, der brutale Autodieb Thomasz B. muss für vier Jahre ins Gefängnis. Die Verteidigung wollte eigentlich drei Jahre und vier Monate, ist mit dem Urteil aber zufrieden, und die Staatsanwaltschaft wollte eher sechs Jahre, behält sich eine Revision vor. Der verurteilte 41-Jährige saß seit fünf Monaten in U-Haft und hatte im September bundesweit von sich reden gemacht, weil er nach einem Autodiebstahl in Stralsund auf frischer Tat erwischt wurde, dann in Ahlbeck zwei Polizisten zusammenschlug und mit deren Streifenwagen und einer Dienstwaffe flüchtete. Er zerrte anschließend einen Förster aus einem Pickup und fuhr quer durch den Wald in Richtung Grenze weiter, wurde schließlich in der Nähe von Eggesin durch Hubschrauberunterstützung von Sondereinsatzkräften gefasst.

Im Gerichtssaal sitzt der Angeklagte mit seinen harten Zügen wie ein Soldat, der auf Befehle wartet. Bei gelegentlichen Nachfragen des Richters sieht er seinen Verteidiger Tomasz Kuczynski an, überfordert. Klaus Kabisch ermahnt den Angeklagten: "Sehen Sie doch ihren Verteidiger nicht immer an, wenn ich Fragen stelle. Der war zum Tatzeitpunkt doch nicht dabei, oder?"

"Ich wollte doch nur zu meiner Frau"

Thomasz B. gesteht alles, was ihm sowieso bewiesen werden kann, und wird von seinem Verteidiger als gehetzter Hase dargestellt. "Ich wollte doch nur zu meiner Frau, weil sie doch Hilfe braucht", sagt er. Er habe einfach nur Angst gehabt und diese Klappen auf den Augen. Denn er sei ein zweifacher Vater, der von 290 Euro monatlich seine Familie durchbringen müsste. Nach der Miete bleibe nichts mehr übrig. "Meine Kinder haben nichts zu essen", sagt der Angeklagte mit tränenfeuchten Augen. Für die Anklageseite riecht der ganze Fall allerdings nach bandenmäßigem Autodiebstahl, nach sogenannter organisierter Kriminalität. "Wir haben Hinweise, werden das aber niemals beweisen können", erklärt Staatsanwalt Tim Wischmann. Auf die Frage, ob Thomasz B. vielleicht aus Angst vor seinen Komplizen durchdrehte, antwortet Wischmann: "Das sind jetzt allein Spekulationen."

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