DAK-Pflegereport : „Die ganz große Überforderung“

Hilfe im Alltag: Eine Pflegerin reicht einem Patienten ein Glas Wasser.
Hilfe im Alltag: Eine Pflegerin reicht einem Patienten ein Glas Wasser.

Die meisten pflegebedürftigen Menschen wollen zu Hause betreut werden. Damit kommt eine große Belastung auf die Angehörigen zu.

svz.de von
25. September 2015, 08:00 Uhr

Vater, Mutter oder den eigenen Partner pflegen – für viele läuft das über kurz oder lang auf ganz große Überforderung hinaus. Pflegende Angehörige werden um zehn Prozent häufiger wegen psychischer Leiden behandelt und sie leiden nicht selten unter Depressionen. „Das zeigt, wieviel Druck auf Menschen lastet, die neben Job und Familie noch die Pflege eines Angehörigen übernehmen“, so Herbert Rebscher, Chef der DAK-Krankenkasse, die gestern in Berlin ihren neuen Pflegereport vorgestellt hat. Die Sorge für einen Pflegebedürftigen in der Familie wird oftmals zum gesundheitlichen Risiko.

Jeder Sechste, der zu Hause einen Angehörigen pflegt, musste im vergangenen Jahr wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen wie starken Rückenschmerzen in Behandlung. Bei Gleichaltrigen, die niemanden pflegen, war nur jeder Zehnte betroffen. Die Situation pflegender Angehöriger rückt immer stärker in den Fokus. „Die Belastungen sind hoch. Sie führen oft auch zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Angehörigen“, erklärte Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom an der Universität Duisburg-Essen, gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion.

Wenn heute der Bundestag in erster Lesung über die zweite Stufe der schwarz-roten Pflegereform berät, geht es auch um die Situation der Angehörigen und mögliche Entlastungen. Erstmals überhaupt sollen ab 2017 auch Demenzkranke voll in die gesetzliche Pflegeversicherung einbezogen werden. Das neue fünfstufige System der Pflegegrade berücksichtigt nun auch geistige Beeinträchtigungen – etwa in Folge von Demenzerkrankungen. Allein mit dem neuen Pflegegrad 1 werden 500 000 Menschen erstmals Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten – indirekt auch eine Entlastung für die Familien.

Geplant sind darüber hinaus weitere Verbesserungen: Für pflegende Angehörige sollen künftig höhere Rentenbeiträge gezahlt werden. Außerdem ist eine umfassende Absicherung in der Arbeitslosenversicherung für alle vorgesehen, die zur Pflege von Angehörigen den Job ganz aufgeben oder vorübergehend aussetzen. Die Pflegekassen werden zudem verpflichtet, spezielle Schulungen und Kurse für pflegende Angehörige anzubieten.

Bereits mit der ersten Stufe der Pflegereform, die zu Jahresbeginn in Kraft getreten war, hatte es Verbesserungen geben. So sind Tages-, Kurzzeit-, Nacht- und Verhinderungspflege inzwischen leichter miteinander zu kombinieren und können flexibler in Anspruch genommen werden. Auch gibt es verbesserte Möglichkeiten, vorübergehend eine berufliche Auszeit für die Pflege zu nehmen oder vorübergehend eine geringere Stundenzahl zu arbeiten.

Job, Familie und Pflege zu vereinbaren, bleibt eine schwere Herausforderung.
Viele fühlen sich manchmal körperlich (50 Prozent), psychisch (68 Prozent) oder zeitlich (71 Prozent) überfordert. Laut DAK-Report sind 90 Prozent der pflegenden Angehörigen Frauen, zwei Drittel davon nebenher berufstätig.

Experten warnen trotz aller Hilfen vor Überforderung von Angehörigen. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, kritisiert: „Wenn nur 21 000 Menschen in Kurzzeitpflege gehen, kann man nicht von einer Erfolgsstory reden.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen