Die ersten Sterbefälle in der Geburtshilfe

<fettakgl>Ihre Piamarie</fettakgl> hat die Schwerinerin Susann Wruck mit Hilfe einer Beleghebamme in den Helios Kliniken zur Welt gebracht. <foto>privat</foto>
Ihre Piamarie hat die Schwerinerin Susann Wruck mit Hilfe einer Beleghebamme in den Helios Kliniken zur Welt gebracht. privat

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30. Juli 2010, 06:37 Uhr

Greifswald | Es ist das Sahnehäubchen und sie verzichten drauf. Die Hebammen Imke Fleddermann aus dem ostvorpommerschen Gützkow und Kerstin Liutkus aus Greifswald haben die Geburtshilfe aufgegeben. Sie bieten weiterhin Kurse in Geburtsvorbereitung und Rückbildungssport an, sie umsorgen Mütter und Neugeborene im Wochenbett. Doch das, was vielen als Kerngeschäft des Berufes gilt, die Betreuung von Frauen bei der Geburt, kommt für die beiden nicht mehr in Frage, seit zum 1. Juli die jährliche Versicherungsprämie von 2370 auf 3689 Euro gestiegen ist. Wie sie haben bundesweit rund 400 Kolleginnen die Notbremse gezogen.

"Wenn ich bezahlen soll, um arbeiten zu gehen, und nichts mehr dabei rumkommt, was soll das dann", fragt Kerstin Liutkus. Seit 1998 hat die niedergelassene Hebamme in ihrer Praxis und bei Frauen zu Hause Babys auf die Welt geholfen. Von 2006 bis 2008 arbeitete sie darüber hinaus mit einem Vertrag als Beleghebamme im Krankenhaus Wolgast und begleitete ihre Schwangeren aus den Vorbereitungskursen zur Entbindung in die Klinik.

"Extremer Aufwand für einen Hungerlohn"

Kerstin Liutkus schildert, was Geburtshilfe bedeutet: Ab der 37. Schwangerschaftswoche, "ach was, eigentlich immer", in Rufbereitschaft zu sein, die Geburt zu betreuen, egal wie lange sie dauert und mindestens noch zwei Stunden danach, um dann eilends mit Stillberatung und der Wochenbettnachsorge zu beginnen. In dieser Zeit fallen Kurse aus, die Absagen müssen organisiert werden. Vertretung? "Deine Frauen wollen dich, nur dich, wenn du ihre Hebamme bist", sagt sie. Kerstin Liutkus, die zwei Kinder hat, gab den Belegvertrag auf, nachdem ihr eines Tages auf einer Autofahrt die Augen zugefallen waren. "Es war ein extremer Aufwand für einen Hungerlohn."

Etwa 220 Euro zahlen Krankenkassen für eine Geburt im Belegbett. Zuletzt wurden acht Euro draufgelegt, nachdem eine Schiedsstelle die Forderungen des Hebammenverbandes und die Angebote der Krankenkassen auf einen Nenner gebracht hatte. Den allerkleinsten möglichen Nenner, dem der Berufsverband und seine Mitglieder das Etikett "lächerlich" verpasst haben.

"Früher verbrannt, heute verheizt"

Seit ihrem Hebammenkongress im Mai machen die Frauen öffentlichkeitswirksam auf ihre Notlage aufmerksam. Imke Fleddermann war in Düsseldorf dabei und zum Protest mit auf der Straße. "Früher wurden Hebammen verbrannt, heute werden sie verheizt" ist eine Losung, die ihr besonders gefallen hat. Für sie war die höhere Versicherungsprämie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und Anlass für einen Befreiungsschlag.

Nach Abschluss ihrer Ausbildung 1981 in Leipzig war Imke Fleddermann ihrem Mann in den Norden gefolgt. Mit zwei kleinen Kindern kam Schichtdienst im Krankenhaus nicht mehr in Frage, die Stelle als Beratungshebamme im Landambulatorium Jarmen sicherte familienfreundlichere Arbeitszeiten. "Alle zwei Wochen kam ein Frauenarzt, ansonsten habe ich die Frauen betreut", sagt sie. Das Aus kam 1991: Aus der Landpoliklinik wurde ein Pflegeheim.

Nach Hospitationen bei einer freiberuflichen Hebamme im Westen ging Imke Fleddermann 1992 in die Selbstständigkeit, zunächst mit dem Angebot zur Vor- und Nachsorge. Später wagte sie sich mit Unterstützung der Hebammenpraxis "Lichtblick" in Greifswald an die Geburtshilfe. Auch im Verbund zahlt jede Hebamme die volle Haftpflicht, hinzu kommen für alle zusammen 1000 Euro Praxisversicherung. Mit einer Pauschale für die Rufbereitschaft, die bundesweit nur eine Versicherung den Frauen erstattet, versucht die Hebammengemeinschaft seit Kurzem, ihr Budget zu verbessern.

Bereut haben Imke Fleddermann und Kerstin Liutkus ihre Entscheidung nicht, wohl aber bedauert. Und einen Moment, den fürchten beide gleichermaßen: Wenn eine ihrer Frauen fragt, ob sie beim nächsten Mal wieder dabei sind.

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