Schwerin : Die erste Dorfschulzin

Eine Vermessungskarte von Ulrichshusen aus dem Jahr 1756 zeigt Dezernentin Elke Krügener  im Depot des Landesarchivs Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin  Fotos: Jens Büttner
Eine Vermessungskarte von Ulrichshusen aus dem Jahr 1756 zeigt Dezernentin Elke Krügener im Depot des Landesarchivs Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin Fotos: Jens Büttner

In Schwerin wurde jetzt eine Akte entdeckt, die von Mecklenburgs erster Frau an der Spitze eines Dorfes erzählt.

svz.de von
12. März 2014, 11:45 Uhr

Frauen schrieben eher selten Geschichte in Mecklenburg-Vorpommern. Von den berühmten Herzoginnen Sophie Charlotte und Luise abgesehen, kennt Elke Krügener, Dezernentin im Landesarchiv, nur wenige Berichte von weiblichen Berühmtheiten wie Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen, Hebammen oder sozial engagierten Frauen im Nordosten. Jetzt aber stießen Archivare in Schwerin auf die Akte der bis dato völlig unbekannten Maria Burmeister aus Lüdersdorf. Sie wirkte Mitte des 19. Jahrhunderts als Mecklenburgs wohl erste Schulzin, also Vorsteherin ihres Dorfes, und verfügte über weitreichende Machtbefugnisse.

Als eine sehr ungewöhnliche Frau aus dem Volke, die sich durchzusetzen verstand, schildert Landesarchivleiter Martin Schoebel die jetzt im Schweriner Hauptarchiv bekannt gewordene Maria Burmeister aus Lüdersdorf. Die schon damals relativ große Gemeinde zählte vor 170 Jahren rund 300 Einwohner und gehörte zur Landvogtei Schönberg in Westmecklenburg. Erst seit fünf Jahren werden die historischen Dokumente dieser Region systematisch erschlossen und aufgearbeitet.

Die junge Burmeister, Tochter des damaligen Lüdersdorfer Schulzen, erbte um 1844 den Vorsteherposten von ihrem Vater. Das Vererben des Amtes war gang und gäbe zu jener Zeit. Allerdings ging die Funktion bis dahin immer nur an Söhne, niemals an Töchter, wie Krügener erklärt. Der Dorfschulze war schließlich eine zentrale Position. So entschied der Gemeindevorsteher über die Verteilung von Liegenschaften, den Straßen- und Wegebau, Freistellungen vom Kriegsdienst, über die Zuteilung von Kuhweiden, Uferflächen zur Reeternte oder den Zugang zu Sand und Holz für den Hausbau.

Einer Frau traute man so wichtige Entscheidungen damals offenbar nicht zu. Jedenfalls wird der jungen Schulzin in Mecklenburg recht übel mitgespielt von der Dorfgemeinschaft, wie die Archivarin berichtet. Einladungen oder Weisungen der Burmeister, die nicht nur Frau im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, sondern auch frisch geschieden ist, ignorieren die Lüdersdorfer und boykottieren ihre neue Gemeindechefin so lange, bis diese beinahe das Handtuch wirft. Doch bevor das erbliche Schulzenamt samt aller Macht im Dorfe an den Nachbarhof geht, nimmt die couragierte Vorsteherin das Zepter wieder selbst fest in die Hand. Sie sucht sich einen neuen Mann und kündigt ihre Wiedervermählung an. Ob mit der Heirat der frühere Makel der Scheidung getilgt ist und das „Mobbing“ ein Ende findet, ist den Archiv-akten nicht zu entnehmen.

Dennoch: Eine Frau als Schulzin im Mecklenburg des 19. Jahrhunderts sei ein Novum gewesen, meint Archivleiter Schoebel. „Die Geschichte zeigt frühe Emanzipationsbestrebungen der Frauen in einer Männerdomäne.“

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