Die "englische Krankheit" ist ansteckend

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04. Juni 2008, 11:21 Uhr

Die Formulierung "Mutterland des Fußballs" gehört zu den abgedroschensten der Sport-Berichterstattung. Doch in England ist nicht nur dieses wunderbare, nach wie vor faszinierende Spiel erfunden worden, auch für die ersten Zuschauerausschreitungen haben die dortigen Fans gesorgt. Bereits im Jahre 1846 sind in Derby Gewaltexzesse randalierender Zuschauer registriert worden. Ende des 19. Jahrhunderts suchen dann immer mehr Anhänger englischer Fußballmannschaften den vielzitierten "Kick" darin, Fan-Gruppen rivalisierender Teams zu attackieren.

Zu einem Massenphänomen wird Hooliganismus allerdings erst in den 1960er Jahren infolge einer ausgiebigen - nicht selten dramatisierten - Berichterstattung der englischen Boulevardpresse über Zusammenstöße zwischen Anhängern verschiedener Clubs. Unter dem Eindruck der zu jener Zeit im Vereinigten Königreich sprunghaft angestiegenen Kriminalitätsrate, der Verbindung der Hooligan-Problematik mit der Entstehung neuer, furchteinflößender Jugendgruppen wie beispielsweise den Skinheads und unentwegten Prügeleien zwischen Anhängern konkurrierender Mannschaften entsteht das Schlagwort von der "englischen Krankheit".

Gegen den Hooligan-"Ehrenkodex", dass sich ausschließlich numerisch in etwa gleichstarke Fan-Delegationen miteinander prügeln, keine unbeteiligten Zuschauer in Mitleidenschaft gezogen werden dürfen und Waffen tabu bleiben müssen, verstoßen in den 70er Jahren immer mehr Randalierer. Der nationale Fairplay-Grundsatz "If somebody is lying on the floor - dont kick him" wird buchstäblich mit Füßen getreten. Darüber hinaus schrecken besonders berüchtigte "Hooligan Firms" wie die "Zulus" (Birmingham City) oder die "Red Army" (Manchester United) nicht davor zurück, ihre Kontrahenten mit Eisenketten und Stahlrohren zu vertrimmen. Der englischen "Yellow Press" kommt in jenen Jahren eine Art Katalysator-Funktion zu. Dass beispielsweise der "Daily Mirror" ab 1974, spiegelbildlich zur nationalen Fußballliga, eine Tabelle der gewalttätigsten Fans führt, spornt so manche Hooligan-Fraktion nur dazu an, durch noch wüstere, noch spektakulärere Prügeleien im (Zeitungs-)Tableau aufzurücken.

Gleichzeitig werden Zuschauerkrawalle zu einem weltweiten Phänomen. In der westdeutschen Bundesliga etwa genießen in den späten 70er und frühen 80er Jahren die Berliner "Hertha-Frösche" und die "Löwen" aus der Westkurve des Hamburger Volksparkstadions einen besonders zweifelhaften Ruf. Vereine und Sicherheitsbehörden reagieren mit strikterer Separierung der Anhänger und verschärften Kontrollen im Vorfeld der Spiele. Die Gegenstrategie der Randalierer: Sie legen sich ein unauffälligeres Äußeres zu - und prügeln weiter. Den verheerendsten Gewaltexzess verzeichnet die ohnehin düstere Geschichte der Fan-Randale dann am 29. Mai 1985 im Brüsseler Heysel-Stadion. Kurz vor Anpfiff des Endspiels im Europapokal der Landesmeister zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin stürmen englische Hooligans einen vermeintlich "neutralen Block", in dem jedoch überwiegend italienische Zuschauer stehen. Die Bilanz: 39 Tote und 400 Verletzte. Noch am selben Abend drängt die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher die nationale Football Association (FA) dazu, freiwillig für einige Jahre auf die Teilnahme englischer Clubs an den Wettbewerben der UEFA zu verzichten. Der europäische Fußballverband kommt der FA allerdings zuvor: Britische Teams werden für fünf Jahre vom Landesmeister-, Pokalsieger- und UEFA-Cup ausgeschlossen, der FC Liverpool für sieben.

Trotz vereinzelter neuer, mitunter heftiger Ausschreitungen, man denke nur an den im Juni 1998 von deutschen Hooligans während der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich fast totgeschlagenen Gendarmen Daniel Nivel, ebbt zumindest die Krawallvariante spontaner, desorganisierter Prügeleien verfeindeter Fan-Gruppierungen in den Folgejahren ab. Eine Entwicklung, zu der auch subtilere Präventions- und Deeskalationsstrategien, umfassende Videoüberwachung und der Einsatz sogenannter szenekundiger Zivilbeamter beigetragen haben.

Ungleich schwerer zu kontrollieren ist unterdessen der Trend der vergangenen Jahre. Besonders gewaltbereite Hooligan- und "Ultra"-Abordnungen treffen sich, zumeist abgekoppelt von Liga- oder Pokalbegegnungen ihrer Mannschaften, an zuvor per SMS oder E-Mail vereinbarten, entlegenen Orten, um dort in der "dritten Halbzeit" ihre aufgestauten Aggressionen in Form brutaler Schlägereien auszuagieren.

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