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Die Eisdiele als Höhepunkt der Ferien

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Schwerin | Wer über die Probleme von Menschen mit wenig Geld schreibt oder spricht, kann die Reaktionen absehen. Sie reichen von Betroffenheit über Ohnmacht bis zu Mitgefühl.

Als an dieser Stelle vor Monaten von einer alleinerziehenden Mutter und ihren Geldsorgen die Rede war, meldeten sich zwei Leserinnen: Eine Frau erbot sich, dem Kind der Familie die erträumte Mitgliedschaft in einem Sportverein zu finanzieren. Eine andere formulierte (begleitet von scharfem Ausatmen durch die Nase) die Vermutung, das Geld müsse doch für solche Kleinigkeiten reichen, vorausgesetzt es werde vernünftig eingesetzt.

Zwei Extreme, unversöhnlich und allem Anschein nach gewachsen aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Ein kleinster gemeinsamer Nenner indes ließ sich entdecken zwischen den Anruferinnen: Sie akzeptierten, dass Kinder Geld kosten. Wie viel - das wollten wir genauer wissen und haben zwei Familien gebeten, über die Sommerferien und den Schuljahresstart die Ausgaben für ein Kind zu notieren.

Zwei Neunjährige und ihre Familien

Max und Arno sind neun Jahre alt und gehen in die 4. Klasse, der eine in Neubrandenburg, der andere in Güs trow. Max ist der Mittlere von Dreien, seine Eltern haben einträgliche Vollzeitjobs.

Arno lebt mit seiner Mutter allein. Sie musste ihren Wunschberuf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und arbeitet nun Teilzeit mit mäßigem Entgelt, so dass sie zusätzliche Leistungen von der Arbeitsagentur in Anspruch nimmt - sie ist eine "Aufstockerin".

Für den Jungen zahlt das Jugendamt wie üblich bis zum 12. Geburtstag einen Unterhaltsvorschuss. Es ist eng - lautet das Urteil über die Familienkasse, über deren Ausgaben genau Buch geführt wird.

Drei der sechs Wochen Sommerferien hatten die beiden Güstrower gemeinsam frei. Sie verbrachten ihren Urlaub überwiegend in ihrem Garten und am See. An einem Tag sind sie mit ihrem betagten Ford auf den Darß getuckert und haben sich Fahrräder ausgeliehen. Kaffee und Kuchen für die Mutter, Fisch und Pommes für den Jungen und ein Saft, weil die mitgebrachten Getränke ausgegangen waren - unterm Strich standen einschließlich Spritkosten 70 Euro. Ein Sonnentag am Strand von Warnemünde mit kleinem Imbiss kostete weitere 30 Euro. Auch ein Besuch im Zirkus und ein weiterer in der Eisdiele zählen als Ferienhöhepunkte - macht zusammen nochmal runde 30 Euro. Die übrigen drei Wochen verbringt Arno den Vormittag allein, während seine Mutter arbeitet. Schon Ferienspiele sprengen das Budget, befürchtet sie.

Max aus Neubrandenburg fährt gleich zweimal ins Ferienlager, den ganzen Tag über wollen ihn die Eltern doch nicht gern allein lassen. Eine knappe Woche verbringt er an der Ostsee, eine zweite im vorpommerschen Hinterland - einschließlich Taschengeld und Anreise fallen dafür 400 Euro an. Für einen Ausflug mit Freunden in den Kletterwald braucht er 15 Euro, Kino zwischendurch kostet einen Zehner. Am Familienurlaub, der drei Wochen ans Mittelmeer führt, hat der Neunjährige einen Anteil von knapp 900 Euro. Darüber hinaus werden auch in den Ferien der Beitrag für den Sportverein (15 Euro pro Monat) und das Hortgeld (58 Euro) abgebucht. Die monatlich rund 45 Euro Essengeld können sich die Eltern zwar sparen, doch wird das Geld allemal in Imbissbuden, Bäckereien oder Freibädern "verbraten".

Am Monatsende ein Minus auf dem Konto

In Güstrow zahlt das Jugendamt den Hort für Arno. Auch dort entfallen in den Ferien die monatlich 40 Euro Essengeld. Allerdings reichen sie nicht, dass die Mutter, die sonst nur am Wochenende kocht, jeden Tag eine warme Mahlzeit zubereiten kann. Im Klartext: Sie muss mehr Geld fürs Essen aufwenden als in der Schulzeit. Deren Beginn ist alljährlich ein Kraftakt: In diesem Jahr brauchte Arno zu den üblichen Arbeitsmaterialien neue Haus- und Turnschuhe für die Schule und zwei Füller. Alles in allem hat seine Mutter dafür 110 Euro ausgegeben, rund 70 Euro davon übernahm die Arbeitsagentur. Schulbücher erhält Arno als Leihexemplare von seiner Schule. Nichtsdestotrotz endete der Monat August in Güstrow mit einem kleinen Minusbetrag auf dem Konto, den es im September wieder aufzuholen gilt. "Dann geht eben gar nichts mehr nebenbei", sagt seine Mutter. Sie hat ihrem Sohn erklärt, dass bei ihnen das Geld knapp ist und es darum unter anderem nicht für ein regelmäßiges Taschengeld oder andere Extras reicht. Leicht fällt es ihr nicht, so oft und immer wieder Nein sagen zu müssen.

Max bekommt zwei Euro Taschengeld pro Woche, acht im Monat. Will er ein Eis schlecken oder ins Kino gehen, gibts war obendrauf. Er hat viele Freunde, was sich unter anderem in regelmäßigen Geburtstagseinladungen zeigt. Gleich in der ersten Schulwoche musste ein Geschenk her: 12,50 Euro für ein Buch mit Anhängsel. Arbeitshefte (27 Euro) und ein Abstecher ins Schreibwarengeschäft (43 Euro), Unkostenbeiträge für Klassenkasse (10 Euro) und Werkmaterialien (6 Euro)- alles in allem vergingen die ersten Schulwochen mit den üblichen Kostenfressern. Lediglich eine Konsultation beim Heilpraktiker schlug außerplanmäßig mit 70 Euro zu Buche.

Der Preis diktiert die Auswahl

Um Kindergeburtstage kommt Arnos Mutter herum. Ob sie sich darüber freuen soll, dass ihr Sohn selbst gar nicht feiern möchte, weiß sie dabei nicht so genau. Jedenfalls bleiben ihr wohl auch darum die Gegenbesuche und -geschenke erspart. Sonderausgaben vertragen sich nicht mit der Sparsamkeit. Gekauft wird grundsätzlich, was billig ist. Zum Bäcker zu gehen beispielsweise, kommt für Arnos Mutter nicht in Frage. Fürs Frühstück holt sie eine Tüte Brötchen vom Vortag für 50 Cent oder Aufbackbrötchen vom Discounter. Manchmal, vornehmlich am Monatsende, tuts ein Toastbrot. Das gibt es schon für 45 Cent. Obst darf auf dem Speiseplan zwar nicht fehlen, doch diktiert der Preis die Auswahl. Je nachdem, was im Angebot zu haben ist, wandern Äpfel, Honigmelonen oder Pflaumen in die Brotbüchse. Zu trinken gibt es meistens "Limo, weil die am preisgünstigsten ist". Säfte kosten einiges mehr, selbst wenn sie mit Leitungswasser verdünnt werden.

In Neubrandenburg steht Saftschorle hoch im Kurs. Zu Hause wird selbst gemixt, für die Schule kommt eine Pfandflasche in den Ranzen. Die bleibt gleich dort, das Flaschengeld soll die Klassenkasse stärken.

Was wollen wir? Was können wir?

Ob im Kühlschrank oder in der Freizeit, im Urlaub oder beim Kleiderkauf - für Max und seine Familie kann die Frage "Was wollen wir?" im Vordergrund stehen. Selbst wenn es am Monatsende knapper werden sollte, lässt sich das quasi nebenbei wieder ausgleichen und gerät nicht zum Kraftakt wie bei Arno und seiner Mutter. Sie stoßen dauernd an Grenzen, wollen sie diese nicht ständig überschreiten, müssen sie sich strikt mit dem Was-können-wir bescheiden.

Max und Arno sind neun und gehen in die 4. Klasse, der eine in Neubrandenburg, der andere in Güstrow. Max kann Ferien machen für rund 1500 Euro. Arno muss mit einem Zehntel auskommen. Zwei Jungen. Zwei Welten. Ein Problem? Auf jeden Fall ein Thema, das etwas ratlos macht.

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erstellt am 24.Sep.2010 | 07:46 Uhr

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