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Kirsten Dubs bringt 100 Jahre alte Freester Werft auf neuen Kurs : Die Bootsbaumeisterin

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Wer in Freest die alte Bootsbauhalle am Peenestrom betritt, spürt sofort jahrzehntelange Tradition. Es riecht nach Teer, Lack, frischem Holz und eingemottetem Tauwerk.

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erstellt am 17.Jul.2011 | 06:51 Uhr

Freest | Wer in Freest die alte Bootsbauhalle am Peenestrom betritt, spürt sofort jahrzehntelange Tradition. Es riecht nach Teer, Lack, frischem Holz und eingemottetem Tauwerk. Im Schuppen steht das alte, verstaubte Sägegatter, das noch der erste Freester Bootsbaumeister Christian Jarling 1934 angeschafft hatte. Viele Jahre stand in der alten Traditionswerft alles still, bis eine Frau kam, die Ärmel hochkrempelte und sich im Chaos ans Aufräumen machte.

"Anfangs war das hier ein trauriger Anblick", erinnert sich Kirsten Dubs, die vor drei Jahren die vereinsamte Werft übernahm. Das Freigelände verwildert, überall Müll und alter Krempel, das Holzlager leer, transportables Gerät wie Amboss verschwunden. Immerhin: Die stationären Maschinen hatten den Stillstand gut überstanden. Winden, Slipanlage, Bandsägen und das alte Holzgatter funktionierten noch immer.

"Ich habe mir einen Lebenstraum erfüllt"

"Ich habe mir damals mit der alten Werft einen Lebenstraum erfüllt", sagt die sympathische 43-Jährige. Als die gelernte Holzbootbauerin aus Bremen seinerzeit durch einen Zufall hörte, dass der Betrieb samt seinen Liegeplätzen versteigert werden soll, wurde sie sofort neugierig. Der Standort unmittelbar neben dem Freester Fischereihafen schien ihr perfekt. Direkt an der Peenestrommündung gelegen, mit Zugang zu den Segelrevieren im Bodden, in Ostsee und Achterwasser, verhieß er jede Menge Kundschaft. Dubs machte ein Angebot, absolvierte Kurse, kniete sich in die Buchführung, beteiligte sich an einem landesweiten Existenzgründerwettbewerb, belegte den zweiten Platz und erstellte ein Betriebskonzept, das die Banken überzeugte.

Seitdem steigt Dubs, inzwischen Meisterin für Boots- und Schiffbau, jeden Morgen die knarrenden Holzstufen hinauf in ihr Büro. In einer Ecke steht dort noch das alte Zeichenbrett ihrer Vorgänger. Heute dient es als Pinnwand für die wichtigsten Aufgaben der nächsten Tage. Manchmal aber benutze sie das Brett auch noch zum Zeichnen, sagt sie. "Welcher Kleinbetrieb kann sich schon teure Konstruktions-Software für den Computer leisten!"

Bei Fischern ist das Geld knapp

Angefangen hatte die Unternehmerin mit ihrem eigenen Handwerkszeug und einem Praktikanten. Der erste Auftrag war die Reparatur einer alten Holzyacht. Der 14 Meter lange Zweimaster musste komplett überholt werden. Der Eigner war zufrieden. Heute gehören Freizeitskipper und Yachtbesitzer aus ganz Deutschland und sogar Österreich zu Dubs Auftraggebern. Manchmal steuert auch noch die eigentliche Stammkundschaft in den Werfthafen, Kutterbesatzungen der benachbarten Fischereigenossenschaft Freest. Aber solche Besuche würden immer seltener, sagt die Bootsbaumeisterin. Die Fangbegrenzung bedrohe die Existenz der einheimischen Heringsfischerei. Das Geld fehle hinten und vorn. "Reparaturen werden heutzutage immer wieder auf später verschoben. Und wenn, dann legen die Fischer selbst Hand an ihren Kuttern an."

Betrieb hat mittlerweile zehn Angestellte

Zu tun gibt es dennoch genug in der auf neuen Kurs gebrachten Werft. Mittlerweile sind hier zehn Angestellte tätig. Sie alle verbindet die Liebe zur Holzbauweise, zu schön geschwungenen Bootskörpern, die - richtig gepflegt - fast ewig halten. Dubs klettert auf einen 17 Meter langen Seefahrtskreuzer. Auf der "Storch", 1936 in Wismar gebaut, segelten einst Offiziere der deutschen Luftwaffe. Nach dem Krieg wechselte das Schmuckstück mehrfach die Besitzer. Nun lässt der neue Eigner aus Aschaffenburg das Regattaschiff in Freest komplett erneuern.

Große Sprünge sind dennoch kaum zu erwarten. Holzbootbau sei Handarbeit und brauche Zeit, sagt Dubs. Bis die wiedererwachte Werft technologisch einigermaßen auf modernem Stand ist, werden wohl noch Jahre vergehen, vielleicht erst, wenn ihr heute elfjähriger Sohn eines Tages das Unternehmen führt. "Aber das ist Zukunftsmusik!"

Ganz allein auf Bootsreparaturen will sich die Unternehmerin jedenfalls nicht verlassen. Mit Lehrgängen, Mastbaukursen, Workshops mit anschließenden Bodden-Törns und Baubetreuung hat sie sich inzwischen weitere wirtschaftliche Standbeine geschaffen. Im vergangenen Sommer hatte bei ihr eine ganze Schulklasse ihren eigenen Kanadier gebaut. Und wer möchte, kann sich künftig in Freest sogar eine Sechs-Meter-Segeljolle in Baukastenweise zulegen. Je nach Interesse, Zeit und Fähigkeiten bietet Dubs den Skippern an, die 6,40 Meter lange Yacht aus vorgefertigten Plattensätzen selbst zusammenzusetzen. "Wenn es gewünscht wird, werden wir aber auch die komplette Rumpfschale ausliefern." Der Prototyp der Freester "Bastel-Yacht" nimmt derzeit Gestalt an: Im Sommer soll er für Charterfahrten zur Verfügung stehen.

>> Die Bootsbau-Geschichte von Freest

Im Jahre 1889 hängte der 18-jährige Freester Fischer Christian Jarling die Stellnetze an den Haken und schlug mit einem Haubeil aus einem Eichenstamm den Kiel für sein erstes Boot. Auf einer Anhöhe, mehrere hundert Meter vom Peenestrom entfernt, baute er pro Jahr etwa vier schwere Holzboote, die mit einem Pferdefuhrwerk zum Wasser gebracht wurden.

1917 zog der Bootsbaumeister an den heutigen Standort und errichtet dort einen Bootsbauschuppen. Fortan wurden dort 12 bis 13 Meter lange Kutter und Zeesboote gebaut, die nicht nur an Freester Fischer, sondern auch an Kollegen auf Hiddensee und Rügen, in Kiel, Warnemünde und Stettin gingen.
Die Werft blieb in Familienbesitz. Jarlings Söhne Karl und Christian und später sein Enkel Hans führten den Bootsbau fort. Im Jahre 1937 wurde eine neue Bootshalle errichtet, in der die ersten 17- und 24-Meter-Kutter entstanden. Viele von ihnen befinden sich noch immer in Fahrt.

1959 werden die Jarlings enteignet. Die neue Produktionsgenossenschaft, die 1975 ein Betriebsteil der Fischereiproduktionsgenossenschaft Freest wurde, leitete Hans Jarling.

Mit der Wende, genau 100 Jahre nach der Firmengründung fehlten meist die Mittel für Kutterreparaturen. 1992 wurde die Hafenanlage noch einmal erneuert, doch das Ende des Freester Bootsbaus zeichnete sich ab. Eine Zeitlang können Hans und Karl-Christian Jarling, die den Familienbesitz zurückforderten, das Unternehmen mit Dienstleistungen für die Sportschifffahrt noch über Wasser halten. Schließlich ließen beide den Betrieb ruhen, die Werft verfiel. 2007 übernahm die Bootsbaumeisterin Kirsten Dubs die Traditionsfirma. raso

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