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Die Auto-Mafia in Ostdeutschland

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erstellt am 30.Jan.2012 | 11:15 Uhr

Warschau/Berlin | Es ist vier Uhr morgens an diesem unwirtlichen Januar-Sonntag. In der verschlafenen brandenburgischen Uckermark rollt ein Lieferwagen auf den Hof einer Landhandelsfirma. Der Fahrer will aussteigen. Doch im selben Augenblick nimmt er mehrere schwarze Gestalten wahr, die über das Gelände huschen. Sekunden später ist der Spuk vorbei. War es Einbildung? Keineswegs, eine Überwachungskamera zeichnet die überstürzte Flucht der Maskierten auf.

"Die Täter haben zu dieser Zeit wohl nicht mit einem Lieferanten gerechnet", sagt Michael Branding. Der 46-jährige Geschäftsführer eines Landtechnikbetriebs in der Uckermark ist von dem Raubüberfall nicht direkt betroffen. Aber Branding ist zu einer Art "Sprecher der Opfer" in der Grenzregion zu Polen geworden. Seit Wochen schlägt er Alarm, weil im östlichen Brandenburg und in Vorpommern immer häufiger Autos, Agrargeräte, Kraftstoffe oder komplette Traktoren gestohlen werden.

Fast wäre es wieder geschehen. Als die Diebe in dieser dramatischen Januar-Nacht von dem Lieferanten gestört werden, haben sie sich bereits über zwei Zugmaschinen mit Spezialanhängern im Wert von einer Dreiviertelmillion Euro hergemacht. Die Operation misslingt. Branding ist dennoch "erschüttert", wie er sagt. Angesichts der Diebstahlwelle, die mit Polens Beitritt zum grenzkontrollfreien Schengenraum im Jahr 2007 eingesetzt habe, hat er gemeinsam mit fast 100 Unterstützern eine Petition an den Landtag in Potsdam gerichtet. Die Zahl der Pkw-Diebstähle stieg in Brandenburg seit 2007 von knapp 2500 auf mehr als 4000 im Jahr 2010.

Liegt in den berühmt-berüchtigten Polenwitzen also doch mehr als ein Körnchen Wahrheit? "Besuchen Sie Polen: Ihr Auto ist schon da!"

Tatsache ist: Viele Menschen in den deutsch-polnischen Grenzgebieten zwischen der Lausitz im Süden und der Odermündung im Norden sind verunsichert. Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern kam die rechtsextreme NPD, die mit polenfeindlichen Parolen Wahlkampf gemacht hatte, im grenznahen Uecker-Randow-Kreis auf fast 15 Prozent der Stimmen.

Warschaus Botschafter in Berlin, Marek Prawda, verfolgte das Geschehen lange mit stillem Unbehagen. Anfang Januar aber platzte ihm höchst undiplomatisch der Kragen. Vielleicht sei es in der Bundesrepublik schlicht "zu einfach, Autos zu stehlen", schimpfte er in einem Interview und nahm die deutsche Polizei in die Pflicht. Dort wiederum lösten Prawdas Thesen einen Sturm der Entrüstung aus. Berlins oberster Polizeigewerkschafter Bodo Pfalzgraf spricht von dem "ahnungslosen Populismus eines Diplomaten".

Nötig gewesen wäre dieser Schlagabtausch nicht. So jedenfalls sehen es Fachleute. Die Statistiken, auf die sich die Alarmrufe aus der Uckermark beziehen, seien kaum mehr als eine optische Täuschung, argumentiert Katrin Rüter vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Seit 1993 sei die Zahl der gestohlenen Pkw in der Bundesrepublik von rund 105 000 auf nur noch 19 500 im Jahr 2010 gesunken - ein Rückgang von mehr als 80 Prozent. "Es gibt auch kein Gefälle zwischen Ost und West, wie oft behauptet wird, sondern nur zwischen Stadt und Land", sagt Rüter. Die Metropole Berlin sei bei den Diebstählen wegen ihrer Größe Spitzenreiter. "Aber die Städte in Nordrhein-Westfalen sind fast ebenso stark betroffen."

Völlig wegdiskutieren lässt sich die Trendwende seit 2007 jedoch nicht. Seither steige die Zahl der Autodiebstähle "auf niedrigem Niveau leicht an", sagt Rüter - aber eben nicht nur in Sachsen, Brandenburg oder Vorpommern.

In dem Wettrüsten zwischen den Sicherheitstechnikern der Fahrzeugindustrie und den immer professioneller werdenden Tätern habe sich das Kräfteverhältnis wieder leicht verschoben, analysiert Rüter.

Das hat auch Polizeigewerkschafter Pfalzgraf beobachtet. "Die Diebe kommen heute nicht mehr mit der Drahtschlinge, sondern mit dem Laptop. Wir reden von hochprofessionellen Banden, die ihre Spezialisten zum Teil einfliegen lassen. Sie gehen arbeitsteilig vor und handeln extrem schnell", berichtet Pfalzgraf aus der Praxis. Oft würden die Fahrzeuge zum Abtransport zerlegt. "Oder es werden nur sensible und teure Teile gestohlen. Meist handelt es sich dabei um bestellte Ware." Ähnliche Erfahrungen hat Oberst Marek Dyjasz gemacht, der Chef der Abteilung für organisierte Kriminalität bei der polnischen Polizeikommandantur in Warschau. "Unsere Operationen richten sich gegen internationale Diebesbanden", sagt er. "Sie sind hochtechnisiert. Wenn sie mit gestohlenen Wagen im Konvoi auf abgelegenen Routen durch Polen Richtung Osten fahren, verwenden sie Satellitentechnik, um Funkstreifenwagen aufzuspüren."

In Polen selbst ist die Zahl der Autodiebstähle ähnlich wie in Deutschland seit den 90er-Jahren um fast 80 Prozent gesunken. Aus Expertensicht gilt das osteuropäische Boomland schon lange nicht mehr als Markt für Hehlerware, sondern als Transitregion.

Über die Täter weiß die Polizei beiderseits der Grenze wenig. Und was sie weiß, gibt sie "aus ermittlungstechnischen Gründen" nicht preis, wie Polizeigewerkschafter Pfalzgraf erläutert. Nur so viel: "Viele Spuren führen nach Litauen, in die Ukraine oder Russland. Aber es gibt auch organisierte Kriminelle, die von Belgien oder den Niederlanden aus operieren. Das Gefasel von polnischen Kleinkriminellen, die Autos in Ostdeutschland klauen und damit über die Grenze kutschieren, ist Stammtischgerede", urteilt Pfalzgraf.

Das gibt auch der uckermärkische Landtechnik-Unternehmer Michael Branding unumwunden zu. "Aber das ist es doch gerade!", sagt er. "Wir sprechen von mafiaähnlichen Strukturen, nicht von polnischen Gelegenheitsdieben." Ob die Spur der Täter nach Osten in die Ukraine oder nach Westen in den Hafen von Rotterdam führe, das wisse er nicht. Für die Betroffenen spiele das aber ohnehin keine Rolle. Sehr wohl von Bedeutung sind solche Fragen allerdings für das Zusammenleben in der Grenzregion.

Wieso erregen sich die Menschen an Oder und Neiße derart über ein Problem, das in Wahrheit kein spezifisch deutsch-polnisches Thema ist? Krzysztof Wojciechowski sieht die Macht der Vorurteile am Werk. "Stereotype verändern sich nur langsam, oft mit einer Verzögerung von rund 20 Jahren", sagt der Soziologe, der das deutsch-polnische "Collegium Polonicum" in der Grenzstadt Slubice mitbegründet hat. "Das deutsche Polenbild stammt noch aus den 90er-Jahren - und umgekehrt", erläutert er.

Nach dem Ende des Kalten Krieges lag Polen wirtschaftlich am Boden. Die Staatsgewalt war schwach und die Kriminalitätsrate hoch. "So sehen viele Deutsche ihr Nachbarland im Osten noch immer, obwohl die Wirklichkeit längst eine andere ist", sagt Wojciechowski.

Der Soziologe hat ein Buch mit dem Titel "Meine lieben Deutschen" geschrieben. Und der 55-Jährige ist davon überzeugt, dass die beiden einstigen "Erbfeinde" auf dem Weg der Versöhnung weit vorangekommen sind. "Die Spannungen, die es gibt, resultieren vor allem aus dem Ungleichgewicht zwischen der Größe und Macht Deutschlands und dem Unterlegenheitsgefühl der Polen", erläutert er. "Minderwertigkeitskomplexe sorgen schnell für böses Blut, wenn ein Stärkerer auftrumpft." Vermutlich sei der Streit um den Autoklau zwischen den Nachbarn genau deshalb eskaliert.

Anders formuliert: Der Hilferuf aus Ostdeutschland wurde jenseits der Oder als Anklage verstanden - und dies "auch von Botschafter Prawda", wie Wojciechowski vermutet. "Deutsche und Polen bewegen sich auf dünnem Eis", sagt der Soziologe. "Ein falscher Schritt, und wir brechen gemeinsam ein."

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