zur Navigation springen

Flüchtlinge in MV : Die Angst greift um sich

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

66 Flüchtlinge und Kita-Kinder ab Montag in Dabel unter einem Dach. Die NPD schürt Hass.

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2015 | 16:00 Uhr

Innerhalb kürzester Zeit verwandeln 260 Füße grünes Buschwerk in einen stumpfen, braunen Untergrund. Sie gehören Anhängern der NPD, die in Dabel gegen die „Asylantenflut“ demonstrieren – auf der rechten Seite eines Plattenweges, der Straße der deutsch-sowjetischen Freundschaft. Es sind Plakate zu sehen: „Maria statt Scharia“ steht auf einem. Ein anderes fordert dazu auf, endlich „zu rebellieren“. Sie klatschen und grölen, als der NPD-Landtagsfraktionschef Udo Pastörs vor ein Mikrofon tritt. Er wendet sich an die Menschentraube auf der gegenüberliegenden Seite, betitelt sie als „Gutmenschen“. Ein Schimpfwort der rechten Szene für all jene, die helfen wollen.

160 Personen stellen sich gegen die Kundgebung der NPD. Sie halten Kerzen in den Händen und singen „Give peace a chance“ von John Lennon, während Pastörs von 100 Millionen Flüchtlingen spricht, die im kommenden Jahr nach Europa strömen würden. „Die meisten von ihnen nach Deutschland“, schreit er. Die großen Themen der internationalen Politik, angekommen im 1491-Seelen-Dorf Dabel. Das Corpus delicti befindet sich hinter den demonstrierenden Gruppen. Ein gelbes Container-Gebäude mit zwei großen Eingängen. Auf der linken Seite lotsen Treppen zur Kindertagesstätte „Kunterbunt“. Wenige Meter entfernt befindet sich ein zweiter Eingang, der in eine kleine Herberge führt. Ab Montag sollen hier Flüchtlinge untergebracht werden. Bis zu 66 Asylbewerber. Unbeschwerter Nachwuchs und von Krieg und Flucht traumatisierte Menschen: In Dabel wohnen sie zukünftig Tür an Tür. Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) vermietet an den Landkreis Ludwigslust-Parchim, die Arbeiterwohlfahrt (Awo) wird die Einrichtung betreuen.

Das Echo ob der Einquartierung ist vielfältig. Nicht jedes Elternteil will Flüchtlinge dort untergebracht sehen, wo die eigenen Kinder betreut werden. „Es muss wohl erst etwas passieren“, mutmaßt eine Anwohnerin. Sie hat ihren Nachwuchs aus der Kita abgemeldet – wie 15 andere vor ihr. „Sie sehen doch, was die NPD veranstaltet. Sie schüren Ängste. Das ist kein Ort für Kinder.“ Viele Eltern fühlen sich überrumpelt. Ende September erhielten sie die Nachricht, dass Flüchtlinge ins ehemalige Schullandheim kämen. Die Verträge zwischen ASB und Landkreis waren längst unterzeichnet. Selbst der Bürgermeister der Gemeinde, Herbert Rohde, fühlte sich übergangen. Landrat Rolf Christiansen (SPD) habe die Gemeinde und auch den Bürgermeister miteinbezogen, erwidert Andreas Bonin, Pressesprecher des Landkreises. Alles sei aktenkundig vermerkt. Probleme bei der Kommunikation gab es dennoch, sagt er. So wurden Sorgen bisweilen ins Lächerliche gezogen. Eine Mutter schildert, dass bei einer Elternversammlung ASB-Kreisgeschäftsführer Martin Siegert auf die Frage, wer denn die Sicherheit gewährleisten würde, entgegnet habe: „Die Erzieherinnen sind doch da.“ Mittlerweile hat der ASB einen Sicherheitsdienst beauftragt. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche: Die Kita wird stets bewacht. Zu einer Stellungnahme war Siegert nicht bereit. Die Angst aber bleibt der Hauptdarsteller.

Die Angst davor, dass die Kleinsten Augenzeuge von Gewaltverbrechen würden, womöglich sogar Opfer. Für solche Schreckensszenarien gibt es allerdings laut Innenministerium keinerlei Anlass. Demnach gab es im laufenden Jahr landesweit 33 Straftaten, die auf Unterkünfte für Flüchtlinge abzielten. Fast viermal so viel wie im Vorjahr. Sachbeschädigung, Volksverhetzung, Brandanschläge; zuletzt der in Boizenburg. Inkludiert sind auch Prügeleien von Flüchtlingen untereinander, sofern sie auf politische oder religiöse Motive zurückgeführt werden konnten. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim ist bislang nur ein Fall bekannt; eine Rangelei in Lübtheen, die nach Ankunft der Polizei schnell wieder aufgelöst wurde. Massenschlägereien oder Vergewaltigungen dagegen sind haltlose Gerüchte.

Ist es also wirklich nur die Angst um die Sicherheit der eigenen Kinder? Oder wird sie von einigen als probates Mittel missbraucht, um Fremdenfeindlichkeit zu kaschieren? Andreas Bonin berichtet von „bemerkenswerten“ Wünschen einiger Eltern. Ein Zaun auf dem Hinterhof der Kita sollte es sein. 2,50 Meter hoch, zum Schutz vor den Asylbewerbern, erzählt er. Die Berliner Mauer maß 1989 nur 110 Zentimeter mehr. Ängste seien normal und verständlich, wenn es um die eigenen Kinder geht, findet Sandra Gädt. „Aber kein Problem wird gelöst, wenn ich mich bei der Demonstration auf die rechte Seite stelle“, sagt die Kita-Leiterin. Natürlich: Die Situation sei schwierig. „Aber wo sollen die Flüchtlinge denn hin? In den Wald?“ Es ginge einzig und allein um die Menschlichkeit, denn sonst, meint sie, gewinnt am Ende noch die NPD.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen