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Horst Köhler redet erstmals Klartext über seinen Rücktritt : "Die Angriffe waren ungeheuerlich"

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Horst Köhler hat beharrlich geschwiegen: Ein Jahr lang keine Interviews, keine Erklärungsversuche. "Ich bin zurückgetreten, um Schaden vom Amt abzuwenden", meldet sich Ex-Bundespräsident Horst Köhler.

Berlin | Horst Köhler hat beharrlich geschwiegen: Ein Jahr lang keine Interviews, keine Erklärungsversuche. "Ich bin zurückgetreten, um Schaden vom Amt abzuwenden", meldet sich Ex-Bundespräsident Horst Köhler jetzt zu Wort. "Die Angriffe auf mich im Zusammenhang mit meinen Äußerungen über sicherheitspolitische Interessen Deutschlands waren ungeheuerlich und durch nichts gerechtfertigt", erinnert sich das Ex-Staatsoberhaupt.

Rückblende: 31. Mai 2010, kurz nach 14 Uhr. Horst Köhler betritt den Langhanssaal in Schloss Bellevue, an der Hand seine Frau Eva-Luise. "Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten", sagte er. "Mit sofortiger Wirkung", schiebt er hinterher. Rücktritt gut ein Jahr, nachdem ihn die Bundesversammlung im Mai 2009 im Amt bestätigt hatte. Elf knappe Sätze zum Abschied - bereits damals verweist der heute 67-Jährige auf die Kritik an seinen Äußerungen über Auslandseinsätze, die jeder Rechtfertigung entbehre.

Köhlers sofortiger Rücktritt - er war ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Alle Versuche, ihn noch umzustimmen, scheiterten. Weder Kanzlerin Angela Merkel noch der damalige FDP-Chef und Vizekanzler Guido Westerwelle konnten Köhler zum Bleiben bewegen. In einem Interview hatte er zuvor erklärt, dass Auslandseinsätze der Bundeswehr auch der Durchsetzung deutscher Handels- und Wirtschaftsinteressen dienten, und war damit auf heftigen Widerspruch gestoßen.

Lag es wirklich an der scharfen Kritik an diesen Äußerungen? Vermisste er Rückendeckung aus den Reihen der schwarz-gelben Koalition? Oder war Köhler ohnehin amtsmüde, suchte in Wahrheit nur noch einen Grund für einen Rückzug? Er habe seine Entscheidung "nie bereut", hatte er bereits vor einigen Wochen wissen lassen: "Wissen Sie, so einen Rücktritt - das schütteln Sie nicht so einfach ab."

Erstmals redet der Ex-Bundespräsident jetzt Klartext. Es sei nach seinen Äußerungen "von der Befürwortung von Wirtschaftskriegen und möglichem Verfassungsbruch" die Rede gewesen. "Kann man einem Bundespräsidenten angesichts der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts Schlimmeres vorwerfen?", fragt Köhler heute. Seine Äußerungen seien "bewusst missverstanden" und für parteipolitische Zwecke instrumentalisiert worden. Tatsächlich war es im vergangenen Jahr einsam um Köhler geworden. Nach seiner Wiederwahl war er monatelang abgetaucht, schaltete sich kaum in öffentliche Debatten ein. Führende Beamte im Bundespräsidialamt befehdeten sich. Köhler verlor mit seinem ehemaligen Staatssekretär Gert Haller, der im April 2010 starb, auch noch einen engen Vertrauten und Ratgeber. "Wo ist Horst?", fragten Boulevardzeitungen. "Präsident ohne Worte", titelte das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". So populär der gelernte Ökonom und frühere IWF-Chef Köhler bei den Bürgern war, weil er sich notfalls auch mal öffentlich gegen die Regierung stellte und Gesetzen die Unterschrift verweigerte, so sehr fremdelte er dennoch mit seiner Rolle.

Er habe sich nie in das Amt des Bundespräsidenten gedrängt, sagt er nun. Er habe sich in die Pflicht nehmen lassen. "Die Anfrage schmeichelte mir, aber 80 Prozent waren Pflichtgefühl ", erinnert sich das frühere Staatsoberhaupt. Und es hat den Anschein, als habe er tatsächlich Abstand gewonnen. Schritt für Schritt kehrt Köhler zurück in die Öffentlichkeit, sucht nach seiner Rolle. Er berät Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy in Währungsfragen, hat eine Honorarprofessur in Tübingen, will "in Ruhe" seine Memoiren schreiben. Vergangenheitsbewältigung? "Ich bin mit mir im Reinen und genieße manche Dinge, die ich vorher nicht hatte", freut sich Köhler über "ein normales Bürgerleben".

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erstellt am 08.Jun.2011 | 10:03 Uhr

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