DFB stiehlt sich aus der Verantwortung

Beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC kam es zu schweren Ausschreitungen - Innenminister Caffier sieht den DFB in der Pflicht.dpa
2 von 2
Beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC kam es zu schweren Ausschreitungen - Innenminister Caffier sieht den DFB in der Pflicht.dpa

von
25. Mai 2012, 10:20 Uhr

In Frankfurt tagt heute das Bundesgericht des Deutschen Fußballverbandes (DFB) zum Skandalspiel von Düsseldorf. Hertha BSC hofft, dass es das erstinstanzliche Urteil kassiert. Nach den Krawallen übt der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Lorenz Caffier (CDU), scharfe Kritik am DFB. Der Fußballbund stehle sich aus der Verantwortung, sagte Caffier im Interview mit Thomas Volgmann.

Herr Caffier, nach dem Skandalspiel von Düsseldorf hat der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), Wolfgang Niersbach, neue Wege gegen Gewalttäter in Stadien gefordert. Die Grenze sei erreicht, und die Politik müsse handeln. Wo gibt es Handlungsbedarf?

Zuallererst sehe ich noch einen großen Handlungsspielraum beim DFB selbst. Der Deutsche Fußballbund und die Deutsche Fußballliga sollten überlegen, was sie selbst noch für die Erhöhung der Sicherheit tun können.

Für mich ist nicht nachvollziehbar, dass der DFB schon wenige Tage nach dem Skandalspiel von Düsseldorf uns erklärt, was alles nicht geht. Zur Bekämpfung der Gewalt in Fußballstadien darf es keine Tabus mehr geben.

Gegen was richtet sich Ihre Kritik konkret?

Der Deutsche Fußballbund nimmt Millionen Euro mit der Vermarktung von Fernsehrechten ein. Vor diesem Hintergrund vermisse ich beim DFB und seinen Vereinen mehr Engagement, mit baulichen und organisatorischen Veränderungen die Sicherheit in Stadien zu erhöhen. Gewalt im Fußball ist eine gesellschaftliche Herausforderung, der sich auch die Innenminister seit Jahren stellen und Maßnahmen gegen eben diese Gewalt vorschlagen bzw. auch ausführen. Das kann aber nicht bedeuten, dass sich DFB und Vereine aus der Verantwortung stehlen. Denn der Fußballbund und die Deutsche Fußballliga sind nicht allein für den reinen Spielbetrieb auf dem Platz zuständig, sondern auch für die Sicherheit im gesamten Stadion. Deswegen ist es überhaupt nicht hilfreich, wenn der DFB Diskussionen über Themen wie beispielsweise das Abschaffen von Stehplätzen in Stadien von vornherein ablehnt. Darüber werden wir auf der Innenministerkonferenz reden. Wir sind auch mit dem DFB im Gespräch, und ich hoffe auf gute Lösungen.

Was soll im Einzelnen auf der Innenministerkonferenz in der kommenden Woche in Göhren-Lebbin zum Thema Fußball und Gewalt besprochen werden?

Wir werden in diesem Zusammenhang über einen umfangreichen Katalog beraten müssen. Dieser umfasst polizeiliche und organisatorische Maßnahmen. Darüber hinaus wird der vom DFB zum nächsten Saisonbeginn in Aussicht gestellte Verhaltenskodex für die Fußballmannschaften eine besondere Rolle spielen. Es kann doch nicht sein, dass Spieler nach dem Abpfiff ausgerechnet in die Stadionecke laufen und die Laola-Welle inszenieren, in der vorher Bengalos abgebrannt wurden.

In England gibt es seit Hillsborough 1994 aus Sicherheitsgründen keine Stehplätze mehr in Stadien. Wäre das auch eine Option für Deutschland?

Dagegen wehrt sich offenbar der DFB. Wir sind mit den Ausschreitungen in dieser Saison in Grenzbereiche angekommen, in denen es keine Denkverbote geben darf. Wenn sich herausstellt, dass der generelle Verzicht auf Stehplätze dazu beitragen kann, die Sicherheit zu erhöhen, sollte es keine Hinderungsgründe für entsprechende Konsequenzen geben.

Ein Problem ist das Abbrennen von 2000 Grad heißen Bengalos und anderer Pyrotechnik. Wären Nacktscanner wie auf Flughäfen auch eine gute Idee?

Ich habe Zweifel an der Machbarkeit. Bis zu 80000 Zuschauer durch Nacktscanner zu schleusen, ist ein Riesenaufwand. Für 90 Minuten Spiel würden einige Fans vielleicht 240 Minuten auf Einlass vor den Scannern warten. Das ist unverhältnismäßig. Zuerst jedoch sollten die Vereine als Hausrechtsinhaber ihre schon angesprochene Verantwortung wahrnehmen und die Wege der Feuerwerkskörper in die Stadien aufspüren und unterbinden. Dies scheint nicht immer der Fall zu sein.

Was halten Sie von Relegationsspielen?

Es ist bekannt, dass Relegationsspiele ein enormes emotionales Potenzial haben. Düsseldorf und Karlsruhe haben dies in der letzten Woche erneut eindringlich bewiesen. Ich erwarte, dass sich die Verantwortlichen künftig besser darauf einstellen. Wer jedoch die Liga nach unten oder oben wechselt, kann auch in der Saison und ohne Relegationsspiel entschieden werden. Das ist doch der eigentliche Sinn der Saisonspiele.

Bei Amtsantritt als Vorsitzender der Innenministerkonferenz haben Sie Gesichtsscanner an Stadioneingängen gefordert und eine Machbarkeitsstudie sowie ein Pilotprojekt beim FC Hansa Rostock angekündigt. Wie weit ist das Vorhaben?

Darüber möchte ich zuerst mit meinen Kollegen auf der Innenministerkonferenz reden. Nur so viel: Wir haben technische und datenschutzrechtliche Bedingungen untersucht. Nach wie vor halte ich technische Hilfsmittel zur Identifikation von bekannten Gewalttätern vor dem Stadion für eine gute Idee. Aber wir sind noch nicht am Ende der Diskussion.

Mehr Sicherheit bezahlt der Zuschauer mit deutlich höheren Eintrittspreisen. Wären Karten für 50 Euro statt 10 akzeptabel?

Eine solche Steigerung wäre völlig inakzeptabel. Vereine sind Wirtschaftsunternehmen, die betriebswirtschaftlich denken. Wenn sie Spieler für zig-Millionen von Euro verpflichten können, sollten sie auch das notwendige Geld in die Sicherheit investieren. Das ist übrigens gut angelegtes Geld, mit Randale im eigenen Stadion gewinnt man keine Zuschauer.

Hansa Rostock hat noch nie solche Unsummen wie die Top-Vereine aus Liga 1 für einen Spieler ausgegeben und ist gerade der Insolvenz entkommen. Was sagen Sie solchen Vereinen?

Auch für diese Vereine ist die Sicherheit im Stadion überlebenswichtig. Nicht nur Zuschauerzahlen, auch das Image und Sponsorengelder hängen davon ab.

Was entgegnen Sie den Kritikern verschärfter Sicherheitsmaßnahmen, die einen Totalverlust der Fan-Kultur befürchten?

Unser Ziel ist, dass die Sport-Fan-Kultur erhalten bleibt und auch ein Großvater wie ich auch zukünftig mit seinem Enkel ohne Angst vor Randale Fußball live im Stadion erleben kann. Unsere Vorschläge richten sich gegen Gewalttäter und damit Kriminelle. Wir wollen, dass Fußball im Stadion wieder ein Familienfest wird, ein Kräftemessen zwischen zwei Sportmannschaften auf der Grundlage der DFB-Spielregeln.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen