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Deutschland einig Raserland

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erstellt am 11.Apr.2013 | 07:38 Uhr

Berlin/Rostock | Was haben Deutschland und Nordkorea gemeinsam? Sie gehören neben Haiti und Afghanistan zu den ganz wenigen Staaten auf der Welt, die auf ein Tempolimit auf Autobahnen verzichten. Das soll sich nach Meinung von Verkehrsexperten ändern. "Die Freizügigkeit ist ein Luxus, der uns teuer zu stehen kommt", meint der Verkehrspsychologe Jens Schade von der Technischen Universität Dresden. Fachleute aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich auf der Jahrestagung der Landesverkehrswacht Mecklenburg-Vorpommern in Rostock getroffen und die Diskussion um Geschwindigkeitsbegrenzungen neu entfacht.

Eines der stichhaltigsten Argumente für eine Tempobegrenzung: Verkehrsunfälle in hohen Geschwindigkeitbereichen haben aufgrund der hohen Aufprallenergie oft verheerende Auswirkungen. "Wären Autos im Durchschnitt bei Unfällen nur um fünf Prozent langsamer unterwegs, würde die Zahl der Unfälle mit Verletzten um zehn Prozent und die mit Getöteten sogar um zwanzig Prozent sinken", zitiert Schade aus einschlägigen Untersuchungen.

Dies gilt nicht nur für Autobahnen. Doch vielen Autofahrern würde das Problembewusstsein für die Gefahr des schnellen Fahrens fehlen. Professor Dieter Müller von der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg sagte: "Ein Zusammenstoß bei Tempo 30 kommt einem Sturz aus 3,5 Metern gleich - ein Crash mit 80 Kilometern pro Stunde entspricht sogar einem Fall aus 25 Metern."

Dennoch würde viel zu häufig zu schnell gefahren. Tendenz steigend. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: 533 Verkehrssünder wurden 2011 pro Tag wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen zur Kasse gebeten. Im vergangenen Jahr waren es laut jüngster Verkehrsunfallstatistik bereits 566 erwischte Fahrer.

Doch die Reue hält sich offensichtlich in Grenzen. Die Technische Universität Dresden wollte bei einer Umfrage die subjektiv empfundene Strafenhärte bei Geschwindigkeitsverstößen herausbekommen und kam auf ein erstaunliches Ergebnis: Danach sagten 50 Prozent der befragten Autofahrer, die Geldstrafe für ein Blitzerfoto treffe sie nicht hart. 37 Prozent meinten dagegen, dass die Strafe sie schon härter treffe.

Weil auf Autobahnen das Rasen erlaubt ist, sei auch das Unrechtsbewusstsein für Geschwindigkeitsverstöße weniger vorhanden. Frei nach dem Motto. Was nicht verboten ist, kann nicht schlecht sein. "Laut Umfragen verurteilen 74 Prozent der Autofahrer zwar Alkoholverstöße. Doch zu schnelles Fahren wird lediglich von 15 Prozent der Befragten als gravierender Normenverstoß nicht toleriert", so Schade. In den Ländern, in denen Richtlinien strenger sind, gäbe es eine andere Sicherheitskultur, meinte auch der Verkehrspsychologe Martin Gründl von der Universität Regensburg in einem Interview. Aus der Perspektive des Auslands würden wir schon als rasendes Volk wahrgenommen.

Jens Schade kennt die psychologischen Ursachen für das Schnellfahren: "Wer schneller unterwegs ist, fühlt sich attraktiv und als Sieger, Langsamfahrer werden dagegen bestraft." Letztere würden oft als Hindernis wahrgenommen und bedrängt. Schonungslos würde ihnen in den Sicherheitsanstand gefahren. "Wer will da nicht zu den Siegern gehören?", fragte der Psychologe. Etwa 80 Prozent der Deutschen halten sich ohnehin für überdurchschnittlich gute Autofahrer.

Doch nicht nur Selbstüberschätzung führe zur Raserei. Die Ursachen liegen auch im Straßenbau, erklärte der Psychologe. Breite und gerade Fahrbahnen würden ein falsches Gefühl der Sicherheit suggerieren und zum Schnellfahren einladen - was allerdings objektiv die Verkehrssicherheit senke.

Mit straßenbaulichen Maßnahmen zu reagieren, empfiehlt auch Dr. Detlev Lippard, Referatsleiter beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat. Kreisverkehre seien bei gefährlichen Kreuzungen oft eine bessere Alternative. Doch weil dafür häufig das Geld fehle, plädiert er für eine flächendeckende Geschwindigkeitüberwachung. Ein Drittel der etwa 500 deutschen Blitzkästen steht in Nordrhein-Westfalen, ein Viertel in Baden-Württemberg - in Bayern und Rheinland-Pfalz sind ganz wenige installiert.

"Bereits einige Tage nach dem Aufbau eines Starenkastens fährt kaum noch jemand zu schnell", so Lippard. "Abzocke" sei das nicht. Es würden schließlich nur die geblitzt, die sich nicht an die Tempolimits halten.

Die Geschwindigkeitsbegrenzungen will die Verkehrswacht deutlich senken. Auf Autobahnen soll generell nicht schneller als 130 Kilometer pro Stunde gefahren werden. In Alleen empfiehlt der Verein die Einführung von Tempo 80. Auch innerorts soll mindestens einen Gang zurückgeschaltet werden. 30 Kilometer pro Stunde sind - geht es nach dem nach dem Willen Verkehrswacht - Regelgeschwindigkeit.

Das hätte zur Folge, dass auf größeren Vorfahrtsstraßen innerhalb von Städten zwar weiter Tempo 50 gelten kann, aber in Wohngebieten ohne weitere Schilderregelung Tempo 30, sagte der Präsident der Landesverkehrswacht Mecklenburg-Vorpommerns, Hans-Joachim Hacker.

Der ADAC und die Junge Union lehnen die Vorschläge ab. Tempolimit auf Autobahnen sei ein Eingriff in die individuelle Freiheit der Autofahrer, erklärte gestern ein Vertreter der Union. Ein Zusammenhang zwischen generellem Tempolimit und Sicherheitsniveau auf Autobahnen ist im internationalen Vergleich nicht feststellbar, argumentierte der ADAC.

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