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Patrick Dahlemann : Der Youtube-Star will mehr als kurzen Ruhm

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Durch ein Video von seiner leidenschaftlichen Rede gegen Rechtsextremismus wurde Patrick Dahlemann über Nacht bekannt. Doch wer ist er eigentlich?

svz.de von
erstellt am 22.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Sie sind jung, engagiert und wollen etwas in ihrem Bundesland verändern: Mecklenburg-Vorpommerns Nachwuchspolitiker diskutieren mit – ob in Stadtvertretungen, auf Kreistagssitzungen oder im Europaparlament. Einer, der sich durch seine Leidenschaft hervorgetan hat, ist Patrick Dahlemann. Durch seine Rede gegen den Rechtsextremismus am offenen Mikrofon der NPD hat er sich bundesweit Respekt verdient. Auf der Internet-Plattform Youtube wurde das Video tausendfach geklickt, bis die NPD es blockte. Jetzt streitet er mit der rechtsextremen Partei um die Ausstrahlung.

Doch wer steckt hinter dem freundlichen Youtube-Gesicht? Bei einem Treffen in seiner Heimatstadt Torgelow gibt sich Dahlemann so selbstbewusst, wie er in seinem Video auftritt. Fester Händedruck, neugieriger Blick: Seine Körpersprache strahlt Offenheit aus, aber auch die Bereitschaft, jederzeit verbal auf Konfrontationskurs zu gehen. Dass er über Nacht zu einer Youtube-Berühmtheit geworden ist, macht ihn zwar stolz, doch der Nachwuchspolitiker will mehr als kurzen Ruhm – er will das Image seiner Heimatstadt Torgelow und des Landkreises Vorpommern-Greifswald verbessern.


Der Exot in der Schule


Für seinen Einsatz in der Stadtvertretung und im Kreistag wird Dahlemann von vielen gemocht. Man kennt sich in seiner Heimatstadt, es gibt gerade mal 8600 Einwohner. Als er am Freitagnachmittag ein Café direkt am Marktplatz betritt, sitzt dort eine Gruppe von Senioren bei Kaffee und Kuchen. Eine Frau stupst ihre Sitznachbarin an und sagt leise zu ihr: „Das ist doch Patrick Dahlemann.“ Er zögert keine Sekunde und begrüßt alle mit einem Handschlag. Nach ein wenig Smalltalk über Wetter und Co. dreht er sich zufrieden um und schaut auf sein Handy, das zurzeit ständig klingelt. Das ZDF war zu Besuch und gestern saß er bei Markus Lanz auf der Couch, um mit ihm über seine Rede am offenen Mikrofon zu sprechen.

Rückblick: Im Juli 2013 veranstaltet die NPD eine Kundgebung gegen ein Asylantenheim im Torgelower Stadtteil Drögeheide. Dahlemann ist zu einer Gegen-Demonstration vor Ort und beweist an diesem Tag Zivilcourage. Er nimmt all seinen Mut zusammen, geht ans offene Mikrofon und bezieht Stellung gegen die rechten Parolen.


Zuspruch und Drohungen


Er könne bis heute gar nicht fassen, was seine Rede für hohe Wellen geschlagen hat. Er ist deswegen momentan viel auf Reisen und beantwortet ständig Medienanfragen. Er holt auch im Café immer wieder sein Smartphone hervor und prüft, ob wichtige Nachrichten eingegangen sind. „Das ist eine tolle Chance für mich persönlich und auch für Torgelow. Die Stadt wird von einer Seite gezeigt, die die Menschen oft nicht wahrnehmen – nämlich von einer widerständigen gegen den Rechtsextremismus“, sagt der 25-Jährige.

Nach seiner Rede, erinnert sich Dahlemann an diesem Nachmittag, sei er direkt zu den Bürgern gegangen, habe ihnen die Hände geschüttelt und mit ihnen lange über das gesprochen, was da gerade passiert war. „Es gab sehr viel Zuspruch von den Torgelowern“, so der Nachwuchspolitiker – doch nicht ausschließlich. Es kamen auch Droh-E-Mails und zuletzt sogar nächtliche Anrufe, bei denen sich niemand meldete. Doch einschüchtern lassen wolle er sich davon nicht. „Ich gehe ganz bewusst in die Offensive“, erklärt der 25-Jährige.

Das Interesse an Politik wurde bei ihm schon früh geweckt. Er erinnert sich noch gut an eine Situation vor dem Fernseher, als Gerhard Schröder (SPD) 1998 gegen Altkanzler Helmut Kohl (CDU) die Wahl gewonnen hat. Damals sei er total fasziniert gewesen. Als er 16 Jahre alt war, trat er schließlich selbst in die SPD ein – „aus Überzeugung“, wie er sagt. Die Partei lebe die Demokratie und stehe für bodenständige Werte. In der Schule sei er wegen seines Partei-Eintritts schon mal schief angeguckt worden, selbst die Lehrer seien anfangs verwundert gewesen. Seine Herkunft habe sein politisches Engagement ebenfalls mitgeprägt. Dahlemann kommt aus einer typischen Arbeiter-Familie, in der am Ende des Monats nie viel Geld übrig bleibt. Darum unterstütze er auch die Forderung der SPD nach einem flächendeckenden Mindestlohn mit Nachdruck.

Die Aufmerksamkeit, die er zurzeit bekommt, will er so gut es geht, für seine politische Karriere nutzen. Die besten Voraussetzungen bringt er schon mal mit: Dahlemann steht gern im Mittelpunkt und liebt es zu reden. Das passende Politiker-Vokabular hat er schon perfektioniert. Er wird nicht müde von den Bürgerinnen und Bürgern zu sprechen. Und auch wenn Dahlemann in seinem weißen Hemd, seinem marineblauen Anzug und dem Handy am Ohr schon wie ein Vollblutpolitiker aussieht, steckt in ihm noch eine andere Seite – er ist auch gern Student.

An der Uni Greifswald ist er seit zehn Semestern immatrikuliert und studiert Politikwissenschaften und Öffentliches Recht. Er hat alle Scheine in der Tasche, nur die Bachelor-Arbeit steht noch aus. Das sei ein Kritikpunkt, den seine Familie immer wieder vorbringt. Dass er seinen Abschluss machen werde, daran bestünde absolut kein Zweifel. Dahlemann verrät, dass er die Arbeit vielleicht so lange herauszögert, um sich das Studentenleben noch ein wenig zu bewahren. In Greifswald hat er ein Zimmer im Studenten-Wohnheim und manchmal besucht er noch Lehrveranstaltungen, die ihn interessieren. Es sei einfach ein gutes Kontrastprogramm zu seinem Kommunalpolitiker-Alltag.


Privatleben leidet unter der Karriere


Doch sein Ziel ist klar: Er will Berufspolitiker werden. Um in seiner Region noch mehr bewegen zu können, will Dahlemann 2016 noch einmal für den Landtag kandidieren. 2011 war er knapp am Einzug gescheitert. „Es ist nicht entscheidend, wie man mit Erfolgen umgeht, sondern wie man Niederlagen wegsteckt“, so der Nachwuchspolitiker. Und das hat er lernen müssen.

Im Spiel könne er überhaupt nicht gut verlieren. Zuletzt wurde ihm das wieder bewusst, als er bei einem Parteitreffen gegen MVs Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD) beim Bowling verloren hat.

Egal, ob er 2016 den Einzug in den Landtag schafft oder nicht, in jedem Fall wolle er in Torgelow seinen Hauptwohnsitz behalten. Ihm gefalle der kleinstädtische Charme und verweist auf die Uecker, das wunderhübsche Zentrum und die vielen Brücken. Dafür bringt er sich gern ein. Vor seinen Sitzungen sei er noch heute aufgeregt, obwohl er weiß, dass das Reden zu seinen großen Stärken zählt. „Unsere Kreistagssitzungen machen mir immer richtig Spaß“, sagt Dahlemann. Er hat auch das „Nachsitzen“ eingeführt. Nach jeder Kreistagssitzung nimmt die SPD-Fraktion ein Video auf und fasst alles Wichtige zusammen.

Dahlemann hat viel Energie, so viel ist sicher. Manchmal steckt er so viel Zeit in sein politisches Engagement, dass sein Privatleben darunter leidet. Seine Ex-Freundin hatte genug davon. Und auch für seine Familie habe er momentan nur wenig Zeit. „Ich bin aber nicht der Typ, der halbe Sachen macht“, sagt Dahlemann und hat schon wieder das Handy am Ohr – dieses Mal ist es ein Genosse aus dem Kreistag.


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