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Der Weiße und die Einsamkeit

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erstellt am 04.Feb.2013 | 09:43 Uhr

Er fährt 10 000 Kilometer quer durch Afrika, nicht etwa im klimatisierten Bus oder in der bequemen Limousine. Rüdiger Behrendt aus Pasewalk fährt mit dem Fahrrad und er fährt allein. Den sogenannten "schwarzen Kontinent" hat er in zehn Etappen eingeteilt, von denen er jährlich eine bewältigen will. Der 40-jährige Unternehmer und Kommunalpolitiker ist jedoch kein unerfahrener Tourist. In den vergangenen 20 Jahren hat er mehr als 80 Länder bereist, als Rucksacktourist, als Radfahrer, als Abenteurer. Seine neueste Tour voller Sand, voller Selbstgespräche und voller Gastfreundschaft nähert sich heute dem ersten Ziel. Unser Reporter Matthias Lanin sprach mit Rüdiger Behrendt im ägyptischen Luxor, der Endstation der ersten Etappe nach 1637 Kilometern in 18 Tagen.

Wie geht’s Ihnen?

Ich bin müde, gehe früh schlafen und schlafe auch eine Stunde länger als sonst. Ansonsten fühle ich mich beim Radfahren selbst topfit. Die letzten zwei Wochen waren ja auch Training. Nur meine Knie schmerzen abends beim Hinsetzen ein wenig.

Was tut unterwegs am meisten weh?

Hmmm, tagsüber wohl der Hintern.

Obwohl Sie extra so einen handgefertigten Ledersattel aus England angebaut haben? Den B17 von Brooks.

Ja, ohne den wäre es schlimmer oder nicht auszuhalten. Ein Sattel darf sich weder bei Sonne, noch bei Regen verformen, weil mein Hintern es auch nicht tut. Er darf nirgends scheuern, nicht abfärben und er darf nicht quietschen.

Ist es in Afrika heiß oder heiß?

Jetzt im Januar geht es eigentlich. Nur von 12.30 Uhr bis 14.30 Uhr habe ich hier Temperaturen von 35 Grad Celsius und mehr.

Im Schatten?

Hier gibt es keinen in der Wüste. Aber es ist ja nie schwül, abends dafür schnell kalt. Im Norden, also am Anfang der Fahrt, hatte ich in Ägypten nachts teilweise nur fünf Grad. Die Leute hier bewundern mich dafür, dass ich bei dieser Kälte draußen im Zelt schlafe. Manche gaben mir Decken, weil sie nicht ansatzweise ahnen, wie gut mein Daunenschlafsack funktioniert.

Wer ist schuld daran, dass Sie allein durch die Wüste fahren?

Vor zehn Jahren traf ich in Tansania mal eine Truppe, die Afrika von Nord nach Süd durchradelte. Das wollte ich auch. Und die zurückliegenden Fahrradtouren gaben mir das Wissen und die Fähigkeiten, es jetzt endlich zu versuchen.

Wann hören Sie in der Wüste mit dem Denken auf?

Wenn der Gegenwind einsetzt. Ungebremst, brutal von vorn und ein Abflauen nicht in Sicht ist. Dann schaue ich auf den Kilometerzähler und teile mir die Reststrecke in kleine Etappen ein und die unterteile ich dann nochmals. Jedes Etäppchen ein Erfolg, ein Grund zur Freude. Manchmal fluche und schimpfe ich dann auch laut. Mich hört ja doch keiner.

Welche Ablenkungen erlauben Sie sich unterwegs?

Die Wüste ist so überraschend und schön, jeder Kilometer ist anders. Das Schauen und Gucken ist Ablenkung genug. Auf der letzten Etappe höre ich manchmal Musik, nehme die Ohrstöpsel aber raus, wenn ich Behausungen erreiche, weil ich sonst die Hunde nicht höre, bevor sie mich angreifen.

Wie sah und sieht Ihre Diät unterwegs aus?

Viel Platz zum Transportieren von Lebensmitteln gibts auf dem Fahrrad nicht. Also esse ich in den Oasen, meist Hühnchen oder Falafel, auch Bananen und Orangen kaufe ich mir gern. Kekse nehme ich mir auf die Wüstenetappen mit, das muss zur Not ausreichen. Ich wurde jedoch abends immer an meinen Übernachtungsstationen von den Soldaten, Polizisten oder Sanitätern zum gemeinsamen Abendrot gebeten. Das ist dann vegetarisch, aber meist super lecker und immer wirklich reichlich.

Wie lange hat die Planung der Tour gedauert?

Es begann mit der Flugbuchung im April 2012. Seitdem sammele ich Informationen und Daten. So viel war aufgrund der Erfahrungen früherer Fahrradtouren gar nicht vorzubereiten. Aber entscheidender war für mich das Hilfsprojekt. Dafür habe ich seit April Spender akquiriert, erst in der Vorweihnachtszeit bis jetzt hat sich da eine Dynamik entwickelt.

Spenden?

Genau, ich bin Mitglied im Freundeskreis Arusha-Tanzania, der den Massai am Mount Meru hilft. Wir finanzieren Vorschulen, die Ausbildung von Lehrern, Wasserleitungen und haben eine kleine Krankenstation aufgebaut. In den letzten 20 Jahren lernte ich auf meinen Reisen viele Länder der dritten Welt kennen. Dort sah ich das vielfältige Engagement der unterschiedlichsten Hilfsorganisationen und bei näherer Betrachtung und dem Gespräch mit Einheimischen fiel mir jedoch auf, dass das Engagement häufig eine ganz andere Wirkung erzielt, als angedacht war. Die Hilfsorganisationen schienen mir eine mitleidslose Mitleidsindustrie zu sein, die ihren Spendern eine nicht existente Illusion verkauft, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Und Sie machen das anders?

Bei uns machen Hilfsgelder nicht nur europäische Funktionäre dick, sondern sie kommen wirklich vor Ort an. Und zwar in Projekten, die die Lebenssituation der Menschen langfristig verbessern. Die Gelder von der Radtour werden zum Beispiel hundertprozentig dafür ausgegeben, dass Kinder und Lehrer in den von uns betreuten Schulen Fahrräder bekommen. Und wir wollen Fahrradwerkstätten einrichten, Mechaniker ausbilden.

Kann man noch spenden?

Ja, alle Infos gibt es unter transafrika.info.

Sie fahren also für dieses hehre Ziel?

Nein. Ich fahre für mich ganz persönlich, weil ich es will. Die Spendensache ist ein positiver Nebeneffekt.

Was nehmen Sie mit nach Hause?

Viele Eindrücke und völlig neue Bilder. Auch schaltet man drei Wochen perfekt ab, weil man rund um die Uhr mit sich und der Radtour zu tun hat.

Was war Ihre schönste Afrika-Erfahrung bisher?

Definitiv die Gastfreundschaft! Als ich die Magenprobleme hatte und abends total abgekämpft an einer Rettungswache des Roten Halbmondes ankam und die sofort zu meinem Übernachtungswunsch ja sagten, da standen mir fast die Tränen in den Augen. Und solche Geschichten wiederholen sich hier - außerhalb der Touristenzentren - fast täglich. Ich kriege am Tag weit mehr Tee-Einladungen, als ich trinken könnte, und keiner versucht mir etwas zu verkaufen, alle wollen nur wissen, warum dieser weiße Idiot mit dem Fahrrad fährt und nicht mit dem Bus.

Haben Sie durch dieses Interview jetzt Zeit verloren?

Verloren? Nein, die Zeit investiere ich gerne, um den Leuten von meinem Projekt zu erzählen. Vielleicht finden sich dadurch noch mehr Spender, vielleicht auch für die Etappe 2014.

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