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Der unbekannte Robinson

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erstellt am 08.Okt.2012 | 09:59 Uhr

München | Hier also wohnt ein ewiger Geheimtipp. Einigermaßen verwunschen sieht das Haus ja aus. Es passt ganz und gar nicht in diese eher biedere Münchener Straße. Die angerostete Gartentür quietscht. Efeu erobert den kleinen Vorgarten. Hinter der schmalen Fassade des Vorderhauses mag sonstwas lauern. Etwas Düsteres. Die verbotene Insel. Ein Land hinter den Spiegeln. Vergessen wir nicht, hier wohnt seit 30 Jahren ein Dichter, da ist vieles denkbar. Als "meine abgekapselte Welt", "meine Festung", wird der Hausherr später sein Refugium preisen.

Ernst Augustin öffnet. Ein stattlicher alter Mann, die grauen Haare zum Zopf gebunden. Wache Augen. Wache, fast blinde Augen. Nach einer unglücklichen Operation eines Hirntumors hat Augustin, der so viel von der Welt gesehen hat, vor zwei Jahren sein Augenlicht eingebüßt. "Ich lebe in einer Art Mitternacht."

Sehen Sie sich ruhig um, sagt der 84-Jährige. Mit dem kräftigen, norddeutschen Ton, wie er alten Schwerinern eigen ist. Er weiß, dass noch jeder Besucher staunend in diesem Treppenhaus gestanden hat. Grauer Septembertag draußen, anmutige südliche Landschaft drinnen. Ernst und Inge Augustin haben ihr Haus nach und nach in ein Kunstwerk verwandelt. Sie, die Malerin, mit wandgroßen Gemälden, Frauenfiguren, italienischen Villen auf allen drei Stockwerken, weiten Landschaften, in die man sofort aufbrechen möchte. Er, der Handwerker, hat die Marmorsäulen gemalt. Seine Spezialität. Trompe-l’œil nennt man in der Kunst diese Bilder, die das Auge zu täuschen vermögen.

"Ich will Freiheit haben"

Auch die kleine Bibliothek hat Augustin eigenhändig gezimmert. Mahagoniholz? Ach was, Sperrholz, mit gutem Bootslack dunkel gestrichen. Ein Bullauge an der Wand, ein Schiffsmodell, eine afrikanische Maske - willkommen in der Kapitänskajüte.

Viele seiner zehn Bücher, die in den vergangenen 50 Jahren entstanden sind, hat Ernst Augustin hier geschrieben. Mit dem Bleistift. So kann er den Texten mit dem Radiergummi zu Leibe rücken, bis der Rhythmus stimmt. Der Rhythmus jedes Satzes, jedes Absatzes, jeder Seite. Dann bekommen seine Bücher diesen typischen Augustin-Sound, der einzigartig in der deutschen Literaturlandschaft ist. Betörend, verwirrend, geheimnisvoll, zugleich präzise und einfach, wie gesprochene Literatur.

Der fantastisch-absurde Roman "Der Kopf" war 1962 Augustins erstes Buch und bekam gleich den Hermann-Hesse-Preis. "Der bodenlose Scherz sucht in unserer Literatur seinesgleichen", schrieb der Dichter Hans Magnus Enzensberger damals. Weitere Bücher und Preise folgten. Der große Erfolg blieb aus. Dabei sind Augustins Bücher in sieben Sprachen übersetzt. Gerade ist eine gälische Ausgabe in Irland in Vorbereitung. Der C.H.Beck-Verlag hat eine edle, achtbändige Ausgabe seiner Romane und Erzählungen herausgegeben, alle Schutzumschläge illustriert von Inge Augustin.

"Ich bin ein ewiger Geheimtipp", sagt Augustin, "weil mich das Tagesgeschehen nicht interessiert, die bundesdeutsche Wirklichkeit langweilt mich. Mich interessiert das Dasein, wie sich der Mensch in der Wildnis des Lebens einrichtet. Und nicht allein durch äußere Umstände geprägt wird, sondern auch durch seine Fantasie."


Drei Ziele im Leben

Zielt aber Literatur nicht auf das Leben mitten in der Gesellschaft? "Ich will Freiheit haben", sagt der 85-jährige Dichter da nur. Ein treffender Titel für eine Autobiografie, wären nicht alle seine Bücher nichts anderes als innere Autobiografien, in denen zumindest Schwerin-Kenner Orte, Namen und Stimmungen, Anspielungen und Dialekt wiedererkennen werden. Auch wenn diese Bilder aus der alten Heimat verfremdet, an weit entlegenen Orten, auf Zeitreisen und in Gedankenspielen wechselnder Figuren auftauchen. Versatzstücke eines Lebens, dessen Stationen von Schwerin, Rostock und Wismar, über Berlin, Afghanistan, Indien, Costa Rica bis nach München zu verfolgen sind.

"Ich hatte immer drei Ziele im Leben", sagt Augustin. "Ich wollte die Welt sehen. Ich wollte etwas bauen. Und ich wollte einen handfesten Beruf haben."

Die große Welt war für Ernst Augustin, der 1927 im Riesengebirge geboren wurde und mit sieben Jahren nach Schwerin in die Richard-Wagner-Straße kam, erstmal der Neumühler See - "mein See".

Im Roman "Der amerikanische Traum" erzählt Augustin von einem Jungen, der im Sommer 1944 Holz sammelt und auf der Heimfahrt mit dem Fahrrad von einem amerikanischen Tiefflieger erschossen wird. Vor seinem Tod fantasiert der sterbende Junge - oder der Geist des Jungen - ein abenteuerliches Leben in Südamerika. "… der Neumühler See lag mit seinen einsamen dichtbewachsenen Ufern wie ein gewundener Urwaldstrom da … der Junge hatte keine Mühe, ihn in den Oberlauf des Orinoko zu verwandeln … Hier am äußersten Rand der Zivilisation musste er sich beweisen. Bedroht von Raubkatzen, Fieber und den nadelfeinen Pfeilen der Yaqui-Indianer." Der Geist des Jungen kommt tatsächlich in den amerikanischen Dschungel, wie später auch Augustin.

Costa Rica und Südsee

Doch vorerst geht er in Schwerin ins Realgymnasium, "gelassen, ohne Ambitionen".

Augustin erzählt von Zippendorf, wo die Mutter immer im Pavillon Kuchen essen ging. Vom Alten Garten, wo er mit der HJ antrat, um sich dann beim Marsch durch die Stadt ins Restaurant "Schlosshalle" zu verdrücken. Von Mueß, wo er 1945 den Russen gegenüberlag, bis er die Flinte ins Korn warf, um sich auf dem Franzosenweg nach Hause abzusetzen. "Ich war 1,90, die hätten mich doch abgeknallt."

Augustin studiert dann in Rostock Medizin, wird in Wismar Assistenzarzt, bevor er in der Nervenklinik der Berliner Charité über Schizophrenie promoviert. Er hätte auf diesem Gebiet weiterforschen können. "Aber ich wollte keine Karriere machen. Ich wollte die Welt sehen." Welt und DDR, das passte nicht.

Die Welt kam als Brief eines Freundes zu Dr. Augustin. Daraufhin fährt er mit der S-Bahn in den Westsektor Berlins und fliegt nach Afghanistan, wo er drei Jahre für eine amerikanische Firma ein Krankenhaus leitet. Augustin erlebt ein "biblisches Afghanistan, wo noch jeder Nagel einzeln geschmiedet wurde und es wohl Patriarchen, aber keine Terroristen gab". Noch heute kann er einige Worte Paschtunisch: "Wenn es nicht besser wird, kommen Sie morgen wieder." Und Afghanistan heute? "Nee Kinder, bloß raus. Die Afghanen müssen sich selbst helfen."

Zurück aus Afghanistan, mit viel Geld in der Tasche, kauft sich der junge Arzt in Hamburg einen weißblauen Mercedes. Eigentlich will er ja im Norden bleiben. Aber es regnet. Also fahren er und seine junge Frau, die Malerin, erstmal los. In Hannover regnet es noch immer. Erst in München scheint die Sonne. Also bleiben sie. Und sind geblieben. Bis heute.

Augustin arbeitet weiter als ärzlicher Berater und später als Psychiater. Er lernt Costa Rica, die Südsee, Simbabwe, New Orleans, London, die halbe Welt kennen. Nie als Tourist. Auch diese Orte haben ihre Spuren in seinem Werk hinterlassen. Hin und wieder kauft er irgendwo ein zerfallenes Haus und baut es wieder auf. War auch mal für ein halbes Jahr spurlos verschwunden in irgendeiner Ecke der Welt. Als er das verrät, kichert Augustin, sehr hoch, sehr vielsagend. Dieses Kichern über sich und die Welt klingt auch aus seinen Büchern heraus. Die weise und selbstironisch und wahr sind und zugleich Wahrheiten in Frage stellen.

So wie Ernst Augustins vorerst letzter Roman, "Robinsons blaues Haus", der es in die engere Wahl für den Buchpreis geschafft hat. Was den Autor zwar gefreut, aber nicht sonderlich beeindruckt hat. Mit fast 85. Der Roman erzählt vom letzten Robinson in einer Welt ohne Freiräume, der durch die Welt hetzt, in Bunkern in Grevesmühlen oder London lebt, in einer Luxuswohnung in New York, auch auf einer Südseeinsel. Es ist ein Stück psychologisch-fantastischer Abenteuerliteratur, ein Alterswerk, das viele Motive der vorangegangenen Romane aufgreift. "Mein ,Faust", sagt Augustin, "mein ,Fäustchen".

Ernst Augustin erzählt von Freunden. Die nach seiner Erblindung verschwunden sind, "weil ich nicht mehr da bin. Sie wollen mit meiner Misere nichts zu tun haben." Einge der begeisterten Kritiker mutmaßten, "Robinsons blaues Haus" sei nun wohl sein letzter Roman. "Dabei habe ich", sagt Augustin, "noch ein schönes neues Buch im Kopf - ein Spaßbuch, meinen ,Felix Krull".

In seinem "Robinson" steht: "In einer früheren, ferneren Version dieser Geschichte sagt Daniel Defoe, er habe eines der unglaublichsten und abenteuerlichsten Leben gelebt.

Ich sage: Ich auch."

In diesem Satz verschmelzen natürlich Autor und Figur, oder? Augustins Reaktion: die Kicherkaskaden des großen alten Robinson.

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