Integration : Der Schmelztiegel Theater

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Was wäre unser Leben in Deutschland ohne Ausländer? Längst sind Migranten in der Kunst und Kultur anerkannt, in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen sind sie sogar unentbehrlich geworden.

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03. März 2015, 11:55 Uhr

Es wurzelt im Ärger, in der Ignoranz, im Extremismus. Es richtet sich gegen das Fremde: Patriotisch spaziert das Vorurteil. Es gehört zu Deutschland. Im antiken Griechenland hießen die Fremden Barbaren. Im Deutschland des 20. Jahrhunderts ging die heimische Barbarei zwölf Jahre unter völkischen Parolen gegen das angeblich Fremde vor. Jüdische Genies wie Einstein oder der Theaterzauberer Reinhardt verließen das Land und auch deutsche Eliten, Humanisten wie Thomas Mann, folgten ihnen ins Exil. Der britische Schauspieler Sir Peter Ustinov hat bekundet: „Mein ganzes Leben hat im Exil gespielt.“ Wenn Leute ihn fragten: „Wo sind Ihre Wurzeln?“, lautete seine Antwort: „Ich hoffe, im zivilisierten Benehmen.“

Was wäre unsere Kultur ohne Ausländer? Was wäre das Mecklenburgische Staatstheater ohne sie? „Bei uns arbeiten Menschen aus 21 Nationen, von Fernost bis Amerika, das sind etwa zehn Prozent unseres Ensemb-les, und ich kenne keine Schwierigkeiten deswegen“, erklärt Generalintendant Joachim Kümmritz und fügt an: „Wir könnten auf sie nicht verzichten, weder auf ihre Fähigkeiten noch auf ihre Erfahrungen aus anderen Kulturen. Ohne sie hätten wir unseren Spielplan nicht, keine ,Rusalka’, kein Tanztheater, und nicht die Qualität der Aufführungen. Theater ist ein Schmelztiegel.“

Die griechische Sopranistin Stamatia Gerothanasi, für ihre Tatjana in „Eugen Onegin“ mit dem Conrad-Ekhof-Preis geehrt, jüngst eine kecke Baronin im „Wildschütz“ und übrigens promoviert, bestätigt das. Sie nennt nicht nur die Arbeit mit ihren Kollegen aus Deutschland, Spanien, Russland, Ungarn, der Schweiz, der Türkei, den USA „eine wunderbare Erfahrung“. Gefragt, ob sie sich außerhalb des Theaters unwohl fühle als Ausländerin, betont sie: „Überhaupt nicht, im Gegenteil, ich begegne oft einem sehr freundlichen Interesse, werde nach meiner Heimat gefragt, und ich spüre auch Respekt für die griechische Kultur.“

Im Chor des Theaters singen auch ein japanisches Ehepaar, ein Koreaner, zwei Bulgaren. Ebenso spielen Musiker aus Bulgarien, Israel und Rumänien in der Staatskapelle, die auch von einem österreichischen Kapellmeister dirigiert wird, und ein Portugiese arbeitet in der Tischlerei. Das Ballett, jüngst wieder ein Turbo-Element im Musical „Rocky Horror Show“, ist absolut international besetzt. Ein rein deutsches Ensemble, weiß Kümmritz, wäre unter den Bedingungen dieses Berufs gar nicht mehr möglich. Die Australierin Kellymarie Sullivan, die 2006 mit dem Ekhof-Preis für ihre Kassandra ausgezeichnet wurde, tanzt heute mit Kollegen aus Italien, Belgien, Bulgarien, Moldawien, der Schweiz, Spanien, der Ukraine. Alles aufgeschlossene junge Leute, die durch internationale Schulen gegangen sind, darunter Nadya Prostota, die neben ihrem Beruf Jura studiert. „Wir sind eine Familie, die sich sehr gut versteht“, sagt die Bulgarin Eliza Kalcheva, zuletzt als bezaubernde Zuckerfee im „Nussknacker“ zu sehen. Die Fachsprache des Tanzes ist Französisch, aber Kalcheva hat in ihrem Alltag erfahren, „alle sind sehr nett, auch weil ich jetzt deutsch spreche, das hat natürlich etwas gedauert.“ Die sympathische junge Frau aus Sofia hat nirgends Probleme in ihrer deutschen Umwelt.

Der Italiener Giuseppe Salomone bestätigt (noch) auf Englisch: „Für mich herrscht hier in Germany eine sehr gute Atmosphäre in einer großen Familie.“ Selbst im Gespräch ist etwas vom Enthusiasmus dieser Truppe zu spüren. Direktor Sergej Gordienko, Ukrainer mit deutschem Pass, resümiert: „Theater wird überall international gespielt, Ballett sowieso, und es lebt und gewinnt von den Impulsen, die Tänzer verschiedener Nationalität einbringen. Es stimmt tatsächlich: Kunst verbindet alle Menschen.“

Womit sich der Kreis zu Ustinovs „zivilisiertem Benehmen“ schließt und seinem „Respekt vor dem Fremden“, über den nachzudenken auch keinem Patrioten schaden würde.









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