zur Navigation springen

Wismarer Anwalt setzt Rekord-Schmerzensgeld durch : Der Mann, der 100 000 Euro erstritt

vom

Böser Strafverteidiger, guter Opferanwalt? „Diese klassische Aufteilung gibt es in der Realität nicht“, sagt der Wismarer Anwalt Hendrik Prahl. Für eine junge Frau hat er ein Schmerzensgeld in Rekordhöhe durchgesetzt.

svz.de von
erstellt am 15.Feb.2013 | 07:13 Uhr

Wismar | Der Fall rief bundesweit Abscheu hervor: Im Mai 2009 hielt ein brutaler Vergewaltiger eine 16-jährige Schülerin tagelang gefangen. Im nordrhein-westfälischen Solingen hatte er das Mädchen auf dem Schulweg überfallen, ins Haus seiner Eltern verschleppt und sich unzählige Male an ihr vergangen. Zur Tatzeit war die Schülerin im vierten Monat schwanger. Vier Tage dauerte ihr Martyrium. Als der damals 29-jährige Täter für eine Familienfeier das Haus verließ, gelang ihr die Flucht.

Noch am gleichen Abend klickten die Handschellen, der arbeitslose Verkäufer sitzt seitdem hinter Gittern. Das Wuppertaler Landgericht verurteilte ihn 2009 zu einer Freiheitsstrafe von zwölfeinhalb Jahren wegen Vergewaltigung und Geiselnahme. Das war mehr als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Der als "gefährlicher Einzelgänger" eingestufte Sexualverbrecher, der seine grausamen Taten laut Gutachter "genossen" hat, bleibt für lange Zeit weggesperrt. So war der Fall für die Strafjustiz erledigt.

Jedoch nicht für das Opfer. In einem Zivilprozess erstritt Rechtsanwalt Hendrik Prahl, der der jungen Frau schon während des Strafprozesses als Nebenklagevertreter beistand, für sie nun ein Schmerzensgeld in Rekordhöhe. Der Jurist aus Wismar setzte damit auch neue Maßstäbe in der deutschen Rechtsprechung. 100 000 Euro sprach das Wuppertaler Landgericht der inzwischen 20-jährigen Janine zu. "So viel wurde einem Vergewaltigungsopfer in Deutschland noch nie zugestanden", sagt ihr Anwalt. 50 000 Euro war bislang die höchste Summe, die ein Gericht hierzulande für Sexualstraften festlegte. Nun das Doppelte. "Ein angemessenes Schmerzensgeld für meine Mandantin", befindet der 44-Jährige. Er selbst hatte "mindestens 80 000 Euro" gefordert und sich damit schon weit vorgewagt. Das Wuppertaler Gericht ging nun noch darüber hinaus. "Wir sind zwar gehalten, uns an vergleichbaren Fällen zu orientieren. Die bisherigen Zahlungen erscheinen uns aber einfach zu niedrig", hatte der Vorsitzende Richter die Entscheidung begründet und auf die besonders brutalen Umstände der Tat verwiesen.

Böser Strafverteidiger, guter Opferanwalt?

20 000 Euro hatte der geständige Täter bereits im Strafprozess an Janine gezahlt. "Solche Zahlungen sind nicht ungewöhnlich, um kurz vor der Urteilsverkündung noch Punkte zu sammeln", erklärt Hendrik Prahl, der nicht nur als Opferanwalt, sondern auch als Strafverteidiger arbeitet. In Schwerin, Wismar, Rostock und Berlin hat der gebürtige Lübecker schon Drogendealer und Gewaltverbrecher verteidigt. Aber auch Subventionsbetrüger wie den früheren Investor der Marina Hohen Wieschendorf. Opfer und Täter, beide Seiten zu kennen, das empfindet er eher als Vorteil denn als Belastung. Böser Strafverteidiger, guter Opferanwalt? "Diese klassische Aufteilung, die man sich gemeinhin vorstellt, die gibt es in der Realität nicht", sagt er. Überhaupt falle es ihm schwer, sich in eine Rolle zwängen zu lassen. Nur eines sei ihm schon während des Jurastudiums in Hamburg klar gewesen: dass er Anwalt sein wollte. Mit allen Unwägbarkeiten und Risiken, die diese Seite der "Juristerei" mit sich bringt. Aber sie lasse auch mehr Freiheiten zu, als sie Richter oder Staatsanwälte in den eher hierarchischen Beamten apparaten erleben.

Deshalb hat er als junger Referendar 1995 bei der Schweriner Staatsanwaltschaft auch ohne Zögern die Offerte eines angesehenen Anwalts aus Wismar angenommen, als der ihm die Mitarbeit in seiner Kanzlei anbot. Mehr als zehn Jahre lernte er bei Kai Helge Marnitz das Einmaleins des Strafverteidigers von der Pike auf, war bei spektakulären Prozessen dabei. "Nebenbei" bereitete er als Privatdozent nun seinerseits angehende Juristen in Rostock und Greifswald auf das Staatsexamen vor. Als sein Mentor, der ihm auch Freund geworden war, 2009 überraschend starb, fiel ihm die undankbare Aufgabe zu, dessen Kanzlei abzuwickeln.

Inzwischen heimisch geworden in Wismar, blieb er und eröffnete ein eigenes Büro. Er schloss sich als Seniorpartner einer Kanzlei an, die bundesweit aktiv ist, und vertrat immer wieder auch Opfer und deren Angehörige in Prozessen. "Ich habe mit einem Juristen aus Graal-Müritz zusammengearbeitet, der sich auf Nebenklagevertretung und Opferentschädigung spezialisiert hat", erklärt Hendrik Prahl.

Todesschüsse auf einen 16-jährigen Einbrecher

Über den Partner erhielt er Aufträge, die ihn weit über die Landesgrenzen hinaus führten - nach Thüringen zum Beispiel, nach Niedersachsen oder auch nach Bayern. Dort war er einer der Nebenklägervertreter im genauso spektakulären wie - aus Opfersicht - unbefriedigenden Prozess um den Einsturz der Eislaufhalle Bad Reichenhall. "Es gab 15 Tote", erinnert sich der Anwalt. "Aber im Grunde wurde niemand dafür zur Rechenschaft gezogen." Erst 2012, sieben Jahre nach dem Unglück, war der Fall juristisch abgeschlossen. Mit harscher Kritik an der Verwaltung der bayerischen Stadt, aber nur einer Verurteilung: Der Konstrukteur des Daches hatte schon 2008 eine Bewährungsstrafe erhalten.

Opfer und ihre Vertreter brauchen oft einen langen Atem, um zu ihrem Recht zu kommen. Wie auch im umstrittenen Fall aus dem niedersächsischen Sittensen, der Prahl nun seit gut drei Jahren beschäftigt. 2010 hat dort ein 78 Jahre alter Rentner einen 16-jährigen Räuber erschossen. Der Junge war mit Komplizen in das Haus des wohlhabenden Mannes eingedrungen. Doch als die Alarmanlage losging, flüchteten die Täter. Da hat der Rentner offenbar hinter ihnen her gefeuert und den 16-Jährigen tödlich getroffen. Die Mittäter sind inzwischen gefasst und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Dies sei, so Hendrik Prahl, nun mal der Gang der Dinge in einem Rechtsstaat. Nicht Selbstjustiz. Doch das Landgericht Stade ging offenbar von vornherein von Notwehr aus und wies die Anklage gegen den Rentner zurück. Die Staatsanwaltschaft nahm das hin, nicht aber der Nebenklagevertreter. Seine Beschwerde hatte Erfolg, das Oberlandesgericht Celle gab ihm jetzt Recht. "Nun kommt es doch zu einem Prozess gegen den Schützen ", sagt Hendrik Prahl. Dieses Verfahren sei wichtig für die Familie des getöteten Jungen.

Janine musste fast vier Jahre warten, bis ihr - im juristischen Sinn - Genugtuung wiederfuhr. Hendrik Prahl gesteht ein, dass es mental schwieriger ist, Opfer zu vertreten als Straftäter. Diese seien meist sehr offen und direkt, Opfer von Straftaten dagegen in der Seele verletzt und in sich gekehrt. "Aber als Anwalt muss man sich von Emotionen möglichst frei machen", sagt er. Dann muss man Erlittenes nüchtern in Zahlen pressen. Welcher Körperteil wurde verletzt, was "kostete" dies in Vergleichsfällen den Täter? Wie kann die Tatsache "verwertet" werden, dass Janine schwanger war? Wie zahlt sich die "Todesangst" des Mädchens in Heller und Pfennig aus? "Ich denke von dem Urteil über die Höhe des Schmerzensgeldes geht eine Signalwirkung aus", sagt der Jurist. Der Täter soll aus einem nicht unvermögenden Elternhaus stammen.

Ob Janine das Geld je ausgezahlt bekommt, ist dennoch fraglich. Der Anwalt des Vergewaltigers will die Entscheidung anfechten. Die junge Frau lebt mit ihrem Partner und dem zum Glück gesunden Kind inzwischen in einer anderen Stadt. Das Schmerzensgeld wird ihre seelischen Wunden nicht heilen. Das Urteil aber kann ein Zeichen sein, dass die Gesellschaft hinter dem Opfer steht.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen