Der Jahrhundertbau

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15. Dezember 2010, 12:31 Uhr

Schwerin | Da kommt Ulrich Unger ins Schwärmen: Eine feste Verbindung zwischen Deutschland und Skandinavien, "das ist das Wirtschaftsförderprojekt für die Region", glaubt der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwerin - "ein Jahrhundertbau, der die Verkehrsströme neu ordnen wird, die Wirtschaftsregionen zusammenrücken lässt und für neue Jobs sorgen wird". Seit Jahrzehnten preist Unger die Vorzüge des Projekts. Gehört haben ihn zumindest in MV nur wenige. Jetzt scheint er der Vision ein Stück näher zu kommen - der Brückenschlag am Fehmarnbelt nimmt Konturen an. Für Unger ist klar: "Es gibt nichts mehr, was das Projekt aufhalten wird."

Häfen und Reeder trotzen fester Querung

Das wird sich zeigen. Solange die Debatte um die Querung dauert, solange gibt es die Interessenkonflikte - zwischen MV und Schleswig-Holstein, zwischen Naturschützern und Verkehrsplanern, zwischen Logistikern in Westmecklenburg und Fährreedern in Rostock. "Eine feste Fehmarnbelt-Querung ist unwirtschaftlich und gefährdet Arbeitsplätze im Norden Deutschlands", wetterte noch vor drei Jahren Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU). Doch spätestens seit der Staatsvertrag zwischen Dänemark und Deutschland über den Milliarden-Bau trotz Protesten aus MV unterschrieben wurde, scheint die Wirtschaft im Land mit dem Mammutbau ihren Frieden gemacht zu haben. Die Häfen in MV rüsten sich und bereiten sich auf eine Verdopplung des Umschlags vor. Die Fährreedereien gehen in die Offensive, statt an der Kaikante zu schmollen. So hat z. B. Scandlines erst in diesem Jahr zwei neue Großfähren bei der P+S-Werft in Stralsund in Auftrag gegeben - für den Einsatz zwischen Rostock und Gedser. Mit schnellen Fährverbindungen wollen die Reeder der Fehmarnbelt-Querung trotzen. "Kein noch so fragwürdiger Brückenneubau wird uns daran hindern, in die Modernisierung der Seewege zu investieren", stellte Scandlines-Chef Stefan Sanne im Sommer klar. Selbst Projektgegner und Verkehrsminister Volker Schlotmann (SPD) muss sich geschlagen geben: Die Entscheidung müsse man "notgedrungen" akzeptieren. "Ich halte sie nach wie vor für falsch." Jetzt gehe es darum, das Beste für das Land daraus zu machen, meinte Schlotmann gestern und forderte vom Bund als Gegenleistung neben der Einrichtung eines ICE-Halts in Schwerin und den Ausbau der Hinterlandanbindungen Richtung Süden.

Gigantische Geldvernichtung oder Motor des Aufschwungs: Hamburg-Kopenhagen-Malmö in dreieinhalb Stunden statt bisher viereinhalb - ob das als Begründung für eine Investition reicht, die Rahmen sprengt, bleibt abzuwarten. 5,6 Milliarden Euro für eine Stunde Zeitgewinn? Für Unger ist die Frage längst beantwortet. Millionenaufträge für die heimische Wirtschaft erhofft er sich von dem "größten Infrastrukturprojekt Europas". Der Bau werde einen "Wachstumsschub für die Region" bringen, die technologische Zusammenarbeit zwischen Norddeutschland und Dänemark fördern und vor allem den Arbeitsmarkt fördern. Nur: Die Region müsse sich endlich aufmachen, nach Möglichkeiten zu suchen, vom Bau zu profitieren, forderte Unger.

Wismar Baustandort für Tunnelsegmente

Chancen gebe es zuhauf: 70 000 so genannte Mann-Stunden seien für den Brückenbau notwendig, rechnet IHK-Bereichsleiter Klaus Uwe Scheifler vor - Jobs für 10 000 Beschäftigte. Die Zeit drängt: Für 2013/2014 sei die Bauvergabe geplant, bevor 2014 bis 2020 die Betonmischer angeworfen werden - mit Beteiligung von Firmen aus MV, hofft die Kammer. Die IHK Schwerin sondiert schon mal das Terrain. Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums sei jetzt eine Koordinierungsstelle eingerichtet worden, die Auftragschancen ausloten solle. Das könnte lohnen: So sei für die an Land geplante Elementefertigung für den Absenktunnel je ein nördlicher und ein südlicher Bauplatz vorgesehen - einer voraussichtlich in Kopenhagen am alten Fertigungsstandort für die im Jahr 2000 eröffnet Öresund-Brücke, ein Bauplatz im Süden könnte in Wismar eingerichtet werden. 200 Meter lang, 40 bis 50 Meter breit, 70 000 Tonnen schwer: Trotz der Größe "spielt es keine Rolle, wo die Tunnelsegmente gebaut werden", weiß Scheifler. Wismar jedenfalls biete gute Voraussetzungen. Unger: "Mecklenburg-Vorpommern muss sich ins Spiel bringen." Derzeit werde bei den Unternehmen eine Gewerkeliste abgefragt, um Bieterpakete schnüren zu können. Und: Unger sieht MV im Vergleich zu Schleswig-Holstein auch darüberhinaus im Vorteil. Der Nordosten verfüge anders als das Nachbarland über ausreichende Zuschlagsstoffe wie Kiese und Sande aller Körnungen.

Zweifel an dem Projekt bleiben trotzdem. Ähnliche Träume vom Aufschwung gab es in MV schon einmal. Der Bau der Ostseeautobahn 20 würde zu einem Investitionssog entlang der West-Ost-Achse führen. Doch auf den mit viel Planungsaufwand ausgewiesenen Gewerbestandorten herrscht bislang noch größtenteils Einsamkeit. Beispiel Pommerndreieck bei Grimmen. News-Meldung der Wirtschaftsförderer: "Autohofkonzept mit ersten Ansiedlungen (McDonalds und Star-Tankstelle) erfolgreich" - und das nach jahrelanger Investorensuche für ein 223 ha großes Areal.

Die Vorbehalte bringen Unger nicht aus der Ruhe. Er ist sich sicher: "Verhindern wird MV die Fehmarnbelt-Querung nicht mehr."

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