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Der folgenreichste Kriminalfall

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erstellt am 26.Feb.2013 | 06:21 Uhr

Berlin | Es war ein Rosenmontag, als die Republik symbolisch in Flammen aufging: Kurz nach 21 Uhr wurde im Berliner Reichstag Feueralarm gegeben. Minuten später brannte das Gebäude lichterloh.

Vor 80 Jahren, am 27. Februar 1933, wurde das deutsche Parlament in Schutt und Asche gelegt. Wer hinter der Tat steckte, darüber streiten Historiker bis heute erbittert. Unstrittig ist, dass es der folgenreichste Kriminalfall der deutschen Geschichte werden sollte.

Denn damals geriet nicht nur der Reichstag in Brand, sondern sinnbildlich die ganze Republik.

Auch wenn der angebliche Täter, der Niederländer Marinus van der Lubbe, noch am Brandort festgenommen wurde: Vielen schien klar, dass die Nationalsozialisten das Feuer im Reichstag gelegt haben mussten.

"Bei uns zu Hause haben alle sofort gesagt: Den haben die Nazis selbst angezündet", sagt Ingeborg Hämmerling. Die Berlinerin war damals erst 12 Jahre alt, kann sich aber noch gut an den Tag erinnern. "Es war ein Ereignis, das regelrechtes Entsetzen hervorrief."

Adolf Hitler war kurz zuvor, am 30. Januar 1933, als Reichskanzler an die Macht gekommen. Die Faschisten verachteten das Parlament als "Quasselbude". SA-Schläger hatten bereits angefangen, Angst auf den Straßen zu verbreiten und auf Oppositionelle einzuprügeln. Doch noch herrschte offiziell Demokratie, auch wenn die Weimarer Republik schon arg beschädigt war.

Den Reichstagsbrand nutzten die Nazis dann, um Notverordnungen gegen den "kommunistischen Aufstand" zu erlassen. Die politischen Grundrechte wurden außer Kraft gesetzt. Bei der letzten Reichstagswahl im März, schon unter dem Eindruck des braunen Terrors, wurde die NSDAP stärkste Partei. Mit der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes verwandelte sich Deutschland dann vollends in eine Diktatur. Es folgten der Massenmord an sechs Millionen Juden und ein Weltkrieg mit 60 Millionen Toten.

Marinus van der Lubbe wurde im Dezember 1933 vom Leipziger Reichsgericht wegen Hochverrats und Brandstiftung zum Tode verurteilt und später hingerichtet. Während des Prozesses verschlechterte sich der Zustand des 24-Jährigen zusehends. Er starrte teilnahmslos vor sich hin, ständig lief ihm die Nase. Möglicherweise stand er unter Drogeneinfluss.

Van der Lubbe hatte ausgesagt, das Feuer im Reichstag allein gelegt zu haben. Mit Kohleanzündern soll er binnen Minuten durch den Reichstag geeilt und das riesige Gebäude angezündet haben. Mit ihrem Versuch, die Kommunisten mit dem Anschlag in Verbindung zu bringen, scheiterten die Nazis aber. Vier Mitangeklagte - der KPD-Abgeordnete Ernst Torgler, der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff und zwei weitere Kampfgenossen - wurden freigesprochen. Das 1934 vollstreckte Todesurteil gegen van der Lubbe hob die Bundesanwaltschaft erst 2007 auf.

Nach dem Krieg blieb bei vielen Deutschen die Überzeugung, die Nazis hätten das Feuer gelegt. Erst Ende der 50er Jahre gewann die These neue Nahrung, van der Lubbe allein habe den Reichstag angezündet. Der Hobbyforscher Fritz Tobias vertrat, unterstützt vom Historiker Hans Mommsen, diese Überzeugung. Der "Spiegel" startete eine Serie, in der Tobias seine Theorien über Lubbes Alleintäterschaft darlegte. Für Herausgeber Rudolf Augstein erhielt die "Jahrhundert-Legende" über eine Beteiligung der Nazis am Komplott damit den "Todesstoß".

Die Zweifel verstummten dennoch nicht, immer wieder flammte die Täter-Debatte neu auf. Etwa 1978, als der Schweizer Historiker Walter Hofer eine Dokumentation vorlegte, wonach die Nazis den Brand doch inszeniert hatten. Oder 1999 durch den Bericht des Berliner Historikers Jürgen Schmädeke. Auch er kam zum Ergebnis, die Alleintäter-These sei erst nach 1945 von ehemaligen Kriminalisten und Gestapo-Mitarbeitern aufgebracht worden. Diese Hauptzeugen des Verfassungsschützers Tobias hätten 1933 einseitig angebliche kommunistische Anstifter gesucht, Spuren in Richtung NS-Täter dagegen verwischt.

Zu diesen Spuren gehören etwa Reste von Brandbeschleunigern, die im verkohlten Plenarsaal gefunden worden waren. Ohne die hätte das Interieur aus massivem Eichenholz nach Ansicht von Sachverständigen niemals binnen Minuten in Flammen aufgehen können. "Ein Einzeltäter ist bei dem bekannten Brandverlauf nicht vorstellbar", konstatierte der ehemalige Leiter der Berliner Feuerwehr, Albrecht Broemme, 2003 in der Dokumentation "Neues vom Reichstagsbrand". Die TV-Produktion endet mit einem Zitat des Amerikaners Arthur Garfield Hays: "Auch wenn wir nicht wissen, wer das Feuer gelegt hat - feststeht: Zuerst brannte der Deutsche Reichstag und dann die ganze Welt".

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