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Der einzig wahre Häuptling

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Er wusste nicht, worauf er sich einließ, damals vor fast einem halben Jahrhundert. Pierre Brice übernahm die Rolle des "Winnetou" in der Karl-May-Verfilmung "Der Schatz im Silbersee", ohne zu wissen, wie bekannt die Bücher in Deutschland waren. Danach spielte er für vier Jahrzehnte nicht nur den Apatschen-Häuptling, er war Winnetou. Heute wird Pierre Brice, der aus altem bretonischen Adel stammt, 80 Jahre alt.

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erstellt am 06.Feb.2009 | 01:40 Uhr

In jedem der elf Karl-May-Filme gab es diesen gewissen Moment: Die Musik von Herbert Bötticher setzte ein, dann erschien ER, meist auf seinem Hengst Iltschi, die silberbeschlagene Büchse in der Hand, das Haupt stolz erhoben, den Blick in die Ferne gerichtet… Winnetou, Häuptling der Apatschen.

Das Drehbuch des jeweiligen Filmes konnte noch so übel sein, die anderen Schauspieler noch so chargenhaft - dass Pierre Brice die Idealbesetzung als Winnetou war, bezweifelte niemand, der je Karl May gelesen hatte. Heute wird Brice 80 Jahre alt.

Winnetou, der edle Indianer, wurde für den Schauspieler zum Schicksal. In seiner Heimat Frankreich blickt man eher verwundert auf den Ruf, den Brice in Deutschland genießt.

"Die Werte, die Karl May in seiner Fiktion verteidigt hat, sind auch Werte, für die ich mein ganzes Leben lang gestanden habe. Ich habe versucht, mehr als nur mein Schauspieltalent zu zeigen und auch eine Seele in diese Rolle zu legen", sagt Brice, der sowohl auf der Bühne als auch vor der Kamera für die Sache des "roten Mannes" eingetreten ist.

An einem Mittwoch, am 6. Januar 1929 wird im bretonischen Brest der Adelsspross Baron Pierre Louis Le Bris geboren. Der Vater ist Marineoffizier, geht während der deutschen Besatzung in den Widerstand - und auch der junge Pierre unterstützt die Resistance. Mit 19 Jahren meldet er sich freiwillig zum Militär. Als Fallschirmjäger kämpft er im brutalen Kolonialkrieg in Indochina (heute Vietnam). Noch heute sagt der hoch dekorierte Ex-Elitesoldat: "Nie wieder hatte ich so gute Freunde wie beim Militär."

Danach versuchte sich Brice als Model, als Tänzer, als Schauspieler. Aber der große Durchbruch blieb aus. Aber 1962 reist Brice zur Berlinale - und Produzent Horst Wendlandt, der das Drehbuch für "Der Schatz im Silbersee" fertig hat, ist auf den ersten Blick überzeugt: "Das ist mein Winnetou."

Pierre Brice, erst skeptisch, lässt sich überzeugen. In seiner Autobiografie "Winnetou und ich" berichtet Brice, der Blick in die Ferne und die weit ausholende Geste beim Gruß seien seine Ideen. Der Jubel der Deutschen nach der der ersten Premiere - für den Franzosen eine Überraschung.

Die Filme sind Kassen-Knüller. Bis 1968 spielt Brice immer wieder den Winnetou. 56 mal schafft er es auf den Titel der "Bravo", nur Nena kann da später mithalten. Und als der Apatschenhäuptling in der Verfilmung von "Winnetou III" sterben soll, protestieren die Fans. Produzent Wendlandt verspricht: Es wird auch nach Winnetou III weitere Karl-May-Verfilmungen geben. Fanatische Fans beschimpfen dennoch jahrelang Rik Battaglia, der den Mörder des Häuptlings spielt.

Elfmal wird Pierre Brice am Ende auf Iltschi und mit der Silberbüchse über die Leinwand geritten sein. Auch auf der Bühne gibt er den Apatschen: im sauerländischen Elspe und danach in Bad Segeberg reitet er für die Karl-May-Festspiele. Natürlich immer auf der Seite des Guten. Erst 1991, mit immerhin schon 62 Jahren, hängte er seine Silberbüchse endgültig an den Nagel. Gegen Unrecht kämpft der in der Bretagne geborene Schauspieler aber bis heute. "Ich hoffe, dass ich bis zum Ende meines Lebens Menschen helfen kann. Das ist für mich besser als alle Bambis und alle Preise", sagt der bekennende Konservative und begeisterte Hobbykoch, der einst mit dem Spruch "Es gibt viele Bries, aber nur einen..." Werbung für Weichkäse machte.

Dass er mit der Romanfigur eine Symbiose eingegangen ist, dessen ist sich der Schauspieler auch bewusst: "Ich bin kein Idiot. Alles, was ich jetzt mache, ist, weil ich damals Winnetou gespielt habe." Als aber Michael "Bully" Herbig mit der Parodie "Der Schuh des Manitou" einen Riesen-Kinoerfolg landetet, zeigte sich Pierre Brice nicht amüsiert: Er erwarte mehr Respekt.

Vielleicht ist es aber gerade das größte Kompliment für den Schauspieler, dass bisher noch niemand versucht hat, wieder eine ernsthafte Verfilmung der Winnetou-Romane auf die Beine zu stellen. Brice wird immer der einzig wahre "Winnetou" bleiben. Da kommt niemand ran.

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