Der Chef trägt Absatz

<fettakgl>Weiblich, selbstbewusst, Chefin: </fettakgl>Dagmar Braun leitet ein mittelständisches Unternehmen in Greifswald.<foto>Sybille Marx</foto>
Weiblich, selbstbewusst, Chefin: Dagmar Braun leitet ein mittelständisches Unternehmen in Greifswald.Sybille Marx

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04. August 2010, 01:57 Uhr

Greifswald | Dezent kann man es nicht nennen: Dr. Dagmar Braun trägt ein Kleid in kräftigen Grün- und Blautönen, ihre Füße stecken in grünen Stöckelschuhen, die Kette leuchtet ebenfalls grün. Das Outfit unterstreicht, was die 53-Jährige ganz unverblümt über sich sagt: "Ich bin keine Frau für die zweite Reihe."

Dagmar Braun ist zusammen mit ihrem Mann Geschäftsführerin der Braun Beteiligungs GmbH in Greifswald. Ein mittelständisches Unternehmen, dem inzwischen die Hauptanteile von zahlreichen Firmen im Nordosten gehören: von Greifenfleisch etwa, der Riemser Arzneimittel GmbH und dem Textil-Kaufhaus Jesske. "Ich habe so gesehen etwa 1300 Mitarbeiter. Und ständig werden es mehr", sagt Dagmar Braun.

Eine Frau an der Spitze eines Unternehmens - noch immer ist das die Ausnahme in Deutschland. Bundesweit sind nur 27 Prozent der Positionen im Top-Management von weiblichen Arbeitnehmern besetzt. Mecklenburg-Vorpommern liegt zwar mit knapp einem Drittel leicht über diesem Schnitt. Trotzdem hat Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) vor Kurzem gefordert, eine Frauenquote von 40 Prozent für die Führungsetage einzuführen und Verstöße empfindlich zu bestrafen.

Dagmar Braun, die auch Vorsitzende des Landesverbands deutscher Unternehmerinnen ist, findet das richtig - obwohl sie selbst es ohne Quote bis nach oben geschafft hat. "Seit einigen Jahren wächst der Frauenanteil in den Chefetagen, aber nicht mehr von selbst", erklärt sie; und das liege auch an der "gläsernen Decke". Ob es die überhaupt gibt, ist heftig umstritten. Lothar Wilken von der Unternehmervereinigung VUMV sagte kürzlich gegenüber Journalisten: dass männliche Chefs Netzwerke bildeten und die Posten untereinander vergäben, sei Unsinn. Dagmar Braun denkt anders: "Das hab ich selbst erlebt."

Dagmar Braun, geboren 1956, kommt aus einer Kleinstadt in Nordhessen - und weiß früh, dass sie Karriere machen und Familie haben will. Das erste Kind bekommt sie mit 23 im Medizinstudium, das zweite mit 26 nach dem Examen. Die Promotion verteilt sie auf das Studium und die Zeit danach. Pauken und Kinder versorgen, "das ist vor allem eine Organisationsfrage", sagt sie. "Als ich für das Examen lernen musste, habe ich um 17 Uhr, wenn mein Mann nach Hause kam, gesagt: deiner - und ihm unseren Sohn übergeben. Dann konnte ich bis 22 Uhr lernen." Trotzdem: Auch mit Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Organisationstalent, sagt Dagmar Braun, schaffe es eine Frau schwer auf einen leitenden Posten. Ab 1985 arbeitete sie selbst an einer hessischen Berufsschule als Ausbilderin, hatte dafür noch Pä dagogik hinterherstudiert. "Ich war dann die einzige Ärztin an der Berufsschule, die einzige mit doppeltem Examen", sagt sie. "Deshalb konnte ich auch sagen: Ich hab zwei kleine Kinder. Richtet mir meine 20 Wochenstunden bitte so ein, dass ich immer nur von 8 bis 13 Uhr unterrichte."

Ein paar Jahre später, als Dagmar Braun 38 ist, die Kinder 15 und 17, peilt sie die nächste Karrierestufe an: Sie bewirbt sich auf C4-Lehrstühle an Fachhochschulen in Bielefeld und Flensburg. "Bei beiden bin ich unter die ersten fünf gekommen und beide Male hat man dann doch einen Mann genommen", erzählt sie. "Ich hatte das Gefühl, ich komm nicht mehr weiter." Für Dagmar Braun war das die gläserne Decke: die Grenze in einem System, das Männer dominierten. "Es hieß, ich hätte zu wenig Veröffentlichungen. Mit zwei Kindern hatte ich sicher auch weniger als die männlichen Bewerber."

Ausgerechnet ein Mann war es dann auch, der ihr doch noch den Weg nach oben ebnete: "Mein Mann hat 1995 gesagt: dann komm doch mit in die Firma" - gemeint war das Pharma-Unternehmen Palmicol, das Norbert Braun seit 1991 leitete, für ihn ein Vorläufer der Riemser Arzneimittel AG. Dagmar Braun stieg auf der Leitungsebene ein - und hat es nicht bereut. "Ich bin gerne Chef", sagt sie. "So kann ich meine Ideen umsetzen - und wenn ich mal ein Bewerbungsgespräch führe, kann ich einfach sagen: Die gefällt mir, die nehm ich." Sollte die Bewerberin Kinder haben, umso besser. "Da weiß ich, die kann organisieren."

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