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Den Knubbel im Kopf besiegt

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erstellt am 14.Dez.2012 | 04:22 Uhr

Rostock/Emden | Als Conrad dem Tod von der Schippe springt, ist er gerade vier Jahre alt. "Ich habe einen Knubbel im Kopf, und den beschießen wir jetzt", sagt er. Ein bisschen Stolz schwingt in diesen Worten mit. Er hat was im Kopf, was andere nicht haben - und das kann beschossen werden. Für einen Vierjährigen hört sich das nicht unbedingt schlecht an.

Conrad hat unserer Weihnachtsaktion "Spenden für Mike Möwenherz" sein Gesicht geliehen. "Ja klar", sagt er, als er gefragt wird, ob er einverstanden ist. "Sehr gerne". Mit viel Glück, Eltern und Großeltern, die sich aufopferungsvoll um ihn gekümmert haben und der guten Behandlung in der Uniklinik Rostock hat er den Krebs besiegt.

Ohne Vorwarnung, ohne Chance sich zu vorzubereiten, trifft seine Eltern im Februar 2007 die Diagnose: Ihr kleiner Sohn hat einen Gehirntumor.

Sehr unwahrscheinlich sei das, hatten Mediziner ihnen vorher gesagt. Ein halbes Jahr tingeln die Eltern in Rostock mit ihrem kleinen Sohn von Arzt zu Arzt. Doch niemand findet eine Erklärung, warum es Conrad immer schlechter geht. Er muss sich morgens auf nüchternen Magen übergeben, torkelt wie ein Betrunkener über den Bürgersteig, Wörter fallen ihm nicht mehr ein. Auf dem Weg in die Neptunschwimmhalle brüllt er den Parkplatz zusammen. Er hat rasende Kopfschmerzen. Aber warum?

Der Vierjährige ist ein aufgeweckter kleiner Kerl. Mit blauen Augen und blonden Haaren ein niedlicher dazu. Müllmann möchte Conrad später mal werden. Die Männer in den knallorangenen Anzügen sind seine Helden in der Zeit. Mit seinem Laufrad rollt er ihnen hinterher. Im heimischen Kinderzimmer entleert das eigene Müllauto stundenlang braune und schwarze Tonnen.

Und Conrad feiert gerne. Wenn er einen Meter groß ist, möchte er eine Meter-Party veranstalten. Seit Monaten wächst der Vierjährige nicht mehr. 98 Zentimeter ist er groß und es werden nicht mehr. Irgendwann hören die Eltern auf zu messen, denn Conrad ist jetzt deutlich kleiner als seine Altersgenossen. Später, während der Chemobehandlung ist er 1,01 Meter groß. Nach Feiern ist dann aber niemandem mehr.

An einem Freitagmorgen vor fünf Jahren ist es ein Verdacht, der Conrad das Leben rettet. Das Kleinhirn des Jungen könnte entzündet sein. Die Symptome würden passen und nun soll die Untersuchung im MRT (Magnetresonanztomograph) Gewissheit bringen. "Der Arzt hat auf den Kopf geklopft und das klang hohl", erzählt sein Vater, Jürgen. "Das weiß ich noch wie heute." Das MRT liefert schließlich auch Fakten: In Conrads Kopf wächst ein Tumor groß wie ein Tischtennisball. Der verhindert, dass die Flüssigkeit zwischen Gehirn und Rückenmark zirkulieren kann. Der Druck steigt lebensbedrohlich an. Kommt der Tumor nicht schnell genug raus, stirbt er.

Wie erklärt man einem kleinen Kind, dass es einen Tumor hat und was das bedeuten kann? "Wir haben ihm immer alles gesagt, wenn er es wissen wollte", sagt seine Mutter Claudia. Die Ärzte machen den Kopf auf und holen den Knubbel da raus - das klingt plausibel für ihn.

Sechs Stunden dauert die OP. Um halb drei am Montagnachmittag sehen die Eltern ihren Sohn wieder. Verkabelt, mit Schläuchen in Mund und Nase und einer zehn Zentimeter langen Narbe am Hinterkopf. Aber jetzt beginnt der Kampf eigentlich erst. Eine Woche nach der OP zerspringt die letzte Hoffnung wie eine Glasscheibe. Eine Gewebeanalyse ergibt, dass Conrads Tumor ein Medulloblastom ist. Ein Krebs der aggressivsten Art. Nun springt die medizinische Maschinerie an: Bestrahlung, Chemo - das bestimmt die nächsten Monate. "Das war eine vernichtende Nachricht", sagt der Vater. "Danach haben wir nur noch funktioniert."

Conrad redet heute unbefangen über Chemo, Bestrahlung und die vielen Untersuchungen. Wenn man ihn fragt, was er noch weiß, dann fällt ihm das Stillliegen ein. Während der Bestrahlung muss er minutenlang mit einer Plastikmaske auf dem Gesicht liegen. Nicht unbedingt das, was kleine Kinder gerne machen. Zwei Alternativen zeigen die Ärzte auf: Entweder sechs Wochen lang jeden Tag eine Narkose, oder der Vierjährige schafft das so. Also wird zu Hause geübt. Wer hält es länger aus: Conrad oder Mama und Papa? Conrad gewinnt.

Mit der Bestrahlung fallen die Haare aus, büschelweise, und werden schließlich abrasiert. Kein Problem, sie wachsen ja nach, verkündet er.

Immer wenn eine Woche der Behandlung geschafft ist, darf sich Conrad im Spielzeuggeschäft etwas aussuchen. Denn langsam geht es an die Substanz. Die Verdauung funktioniert nicht mehr gut. Seine Haut wird wachsweiß , er verliert rapide an Gewicht. An seinem fünften Geburtstag wiegt der Junge noch 13 Kilo. "Ich durfte so viele Chips essen, wie ich wollte", erzählt Conrad. Oder Limonaden mit viel Zucker trinken. Die Eltern sind froh über jedes Kilo, das er nicht verliert.

Er ist ein Kind mit Krebs - und das sieht man jetzt auch.

In der Rostocker Strahlenklinik kümmern sie sich rührend um den kleinen Patienten. "Ein Techniker hat für mich eine Eisenbahn gebaut", erzählt Conrad. Immer wenn er eine Sitzung geschafft hat, tuckert die Bahn im Nebenzimmer schon über die Gleise und hat ein kleines Geschenk auf den Waggons.

Nahtlos schließt sich die Chemotherapie an. Mittlerweile ist die Familie nach Emden in Niedersachsen umgezogen. Alle sechs Wochen fahren sie in die Klinik nach Oldenburg. Sechs Stunden wird der Katheter mit Wasser gespült, dann laufen sechs Stunden die Medikamente durch und nochmal sechs Stunden mit Wasser spülen. Achtmal muss Conrad die Tortur über sich ergehen lassen.

Der Kleine erweist sich als zäh. Er hält die Bestrahlung durch und kann auch die Chemo vollständig hinter sich bringen. Akribisch notieren seine Eltern die Blutwerte nach jeder Untersuchung. Das Immunsystem des Vierjährigen ist schwer angeschlagen. Jede Erkältung kann für ihn gefährlich werden. Kontakt zu anderen Kinder hat Conrad kaum noch. Der Aktionsradius verengt sich bedrückend. Die Familie pendelt zwischen den eigenen vier Wänden und dem Krankenhaus. Ein paar Wochen finden sie im Urlaub in Dänemark Ablenkung. "Es ist auch für die Familie wichtig, dass man mal rauskommt." Die Krankheit soll nicht alles bestimmen.

Conrad ist heute zehn Jahre alt und hat alle Behandlungen gut überstanden. Er geht in die Grundschule und wenn es gut läuft ab dem nächsten Schuljahr auf das Gymnasium. Seine Welt dreht sich um Fragen wie: Soll er als einziger Junge im Chor bleiben oder austreten. Wie bekommt man das Fechttraining und den Chor auftritt unter einen Hut?

Alle sechs Monate muss er zur Kontrolle ins MRT. "Dann schiebt man schon Panik", sagt der Vater. In den ersten zwei Jahren nach der Chemo ist die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls am größten. Fragt man den Zehnjährigen danach, sagt er Sätze wie: "Das interessiert mich nicht." Er hatte Krebs, aber das ist vorbei.

So ganz vorbei sein, wird es nie. Jeden Tag muss Conrad sich Wachstumshormone spritzen. Sonst wächst er nicht. Nicht einen Zentimeter.

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