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Das Stigma Lichtenhagen

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erstellt am 18.Mär.2011 | 06:16 Uhr

Rostock | Die wiedervereinigten Deutschen erlebten Ende August 1992 die massivsten ausländerfeindlichen Krawalle der eigenen Nachkriegsgeschichte live im Fernsehen und trauten ihren Augen nicht. In Rostock-Lichtenhagen brüllten Jugendliche und Neonazis ihren ungezügelten Hass auf Ausländer heraus: "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!". Leute mit Baseball-Schlägern kletterten über die Balkons des Sonnenblumenhauses, in der sich die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (Zast) befand. Molotow-Cocktails flogen gegen die Wände. Tausende Sympathisanten und Schaulustige klatschten Beifall. In der Nacht auf den 25. August - die Schlimmsten von vier Brandnächten - waren 115 Vietnamesen und ein Kamera-Team im Sonnenblumenhaus eingeschlossen und in Lebensgefahr. Nur über das Dach konnten sich die bedrohten Menschen retten. Die Zast war bereits am Vormittag geräumt worden.

Kollektives Versagen

Diese Bilder von Lichtenhagen waren vor allem auch die Konsequenz eines kollektiven und eklatanten Versagens von Landespolitik, Polizei und Rostocker Stadtverwaltung. Das Innenministerium und die Hansestadt hatten die Zast in einem Hochhaus mitten in einem dichtbewohnten Stadtviertel eingerichtet. Hier mussten sich alle Asylbewerber persönlich anmelden, bevor sie auf Unterkünfte im Land verteilt wurden. Ursprünglich war man von 300 Bewerbern im Monat ausgegangen. Tatsächlich kamen im Sommer 1992 monatlich 11 500 Asylbewerber, die meisten von ihnen waren Roma aus Rumänien. Die völlig überforderte Zast ließ die Antragsteller tagelang vor dem Sonnenhaus campieren. Die Stadtverwaltung weigerte sich, Toilettenhäuschen aufzustellen. Es gab kein Wasser für die Ausländer, keine Müllabfuhr. Konflikte zwischen obdachlosen Ausländern und Lichtenhägener Einwohnern verschärften sich. Tatenlos sahen Landesregierung und Stadtverwaltung zu.

Eine der zahlreichen Konsequenzen aus den Ereignissen war, die Zast nicht wieder in dicht bewohnte städtische Regionen anzusiedeln. Die Erstaufnahmestelle wurde auf das Gelände eines Objektes der ehemaligen DDR-Grenztruppen in einem Wald bei Boizenburg verlegt. Dort befindet sich die Einrichtung noch heute - fast 19 Jahre nach den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen.

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