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Das Schlimmste, was Eltern passieren kann

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erstellt am 19.Dez.2012 | 07:49 Uhr

Rostock | Das Schlimmste, was Eltern passieren kann, ist, ihr Kind zu verlieren. Ines Borchardt hat ihren Sohn verloren. Das ist inzwischen sechs Jahre her, doch den Schmerz, den Verlust empfindet die 52-Jährige unvermindert. "Er fehlt, er fehlt jeden Tag entsetzlich", sagt die Rostockerin. Doch ihre Stimme bleibt fest. Sie hat mittlerweile gelernt, mit ihrer Trauer umzugehen. "Das heißt auch, sie zuzulassen, wenn sie mich in bestimmten Situationen wieder überfällt…"

Auch wenn Ines Borchardt traurig ist, kann sie ruhig über ihren Sohn sprechen. Maik war von seiner Geburt vor 28 Jahren an behindert. Er lebte mit dem Prader-Willi-Syndrom (PWS), einer genetisch bedingten Stoffwechselerkrankung. Dazu kam eine geistige Behinderung, die durch Sauerstoffmangel bei der Geburt verursacht worden war. Lebensbedrohlich waren diese Krankheiten nicht.

Maik wuchs behütet zusammen mit seiner fünf Jahre jüngeren Schwester im Elternhaus auf, konnte in Rostock eine Förderschule besuchen. Als er 17 war, fanden seine Eltern für ihn einen Platz in einer PWS-Wohngruppe in Niedersachsen. "Ich habe ihn schweren Herzens ziehen lassen, aber er hatte dort eine richtig schöne Zeit", erzählt seine Mutter.

Anfang 2003 bekam der junge Mann plötzlich starke Schmerzen im Arm - "und das, obwohl PWS-Patienten gar kein Schmerzempfinden haben", erklärt Ines Borchardt ihre damalige Verwirrung. Lange tappten verschiedenste Ärzte im Dunkeln. Erst, als ein Bluterguss als vermutete Ursache der Beschwerden aus dem Arm entfernt werden sollte, zeigte sich der wahre Grund für die Schmerzen: ein Sarkom, ein schnell wachsender, bösartiger Weichteiltumor.

Die Eltern beschlossen, Maik zurück nach Rostock zu holen. Hier, in der Uni-Kinderklinik, war er früher schon behandelt worden - wegen seiner Behinderung wurde er wieder aufgenommen, obwohl er vom Alter her schon auf eine Erwachsenenstation gehört hätte.

"Das Sarkom war schon weit entwickelt und hatte Metastasen gestreut", erinnert sich die Mutter. Dennoch sei sie damals keinen Augenblick davon ausgegangen, dass ihr Sohn das nicht überleben könnte.

Über Monate bekam Maik intensive Bestrahlungen und parallel dazu Chemotherapie. Wegen seines geschwächten Immunsystems wurde er zeitweise streng isoliert. Seinen 20. Geburtstag musste Maik in der Klinik feiern. Das alles zerrte an den Nerven - doch es hatte Erfolg. Maiks Zustand besserte sich, die quälenden Schmerzen verschwanden.

Bis zum ersten Rückfall im Sommer 2005. Die Schmerzen kehrten zurück. In der Lunge bildeten sich Metastasen. "Es wird nicht mehr lange dauern, nicht bis Weihnachten", habe man ihr und ihrem Mann damals gesagt, erinnert sich Ines Borchardt. Sie holten den Sohn nach Hause, waren auf alles gefasst - doch Maik starb nicht. Eine Chemo in Tablettenform wirkte, ließ die Beschwerden wieder abklingen. Noch ein Aufschub.

Der nächste Rückfall traf die Familie umso härter - und vor allem Maik. Die Schmerzen wurden noch einmal stärker. "Er konnte nicht mehr auf dem Rücken liegen, auch eine Dekubitusmatratze brachte keine Linderung", erzählt die Mutter. Ein Rollstuhl musste angeschafft werden - "Maik war darüber so wütend. Aber trotzdem wollte er weiterleben…"

In dieser Zeit, so Ines Borchardt, habe die Familie angefangen, sich über seinen Tod Gedanken zu machen. Sie suchten einen Friedhof aus, einen Bestatter. Erst jetzt wisse sie, wie wichtig das damals war - denn nach Maiks Tod sei sie nur noch in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen. "Wir wollten unbedingt, dass Maik zu Hause stirbt", betont Ines Borchardt. Doch je weiter die Krankheit vo ranschritt, umso weniger konnten sie sein Leid angesichts der unerträglichen Schmerzen mit ansehen. "Komm Maiky, wir fahren jetzt in die Klinik zu Frau Dr. Kyank", habe sie schließlich gesagt. Ob er seine Meerschweinchen und die Finken mitnehmen dürfe, habe ihr Sohn da gefragt - "schließlich sterbe ich jetzt bald, und da hat man doch einen Wunsch frei…"

Als Maik schließlich am frühen Morgen des 29. Oktober 2006 starb, war niemand aus der Familie bei ihm. "Anfangs war dieser Gedanke für uns der allerschlimmste", erinnert sich Ines Borchardt. Erst später, durch ihre Arbeit für den Rostocker Kinderhos pizverein OSKAR, habe sie erfahren, dass es ein Mythos sei, dass die meisten Menschen in den Armen ihrer Angehörigen sterben. Maik wusste wohl, dass sie ihn nicht loslassen wollte. "Deshalb ist er gegangen, als ich ihn nicht festhalten konnte." Monatelang habe sie morgens um 7.10 Uhr, zu der Zeit, zu der er gestorben war, eine Kerze für Maik angezündet. Dauernd habe sie seinen Geruch aus seinen Kleidungsstücken eingesogen. Doch irgendwann war der Geruch weg…

In dieser Phase tiefster Trauer fragte der Leiter der Kinderonkologie, Dr. Carl Friedrich Classen, Ines Borchardt, ob sie bereit sei, auf einem Symposium über Maiks Tod zu sprechen. "Ich hab spontan zugesagt - und es danach x-mal bereut." Sie habe mit der Hand aufgeschrieben, was sie sagen wollte, und die Blätter immer wieder zerknüllt, weil ihre Tränen die Schrift unleserlich gemacht hatten. Aber sie redete. Und öffnete sich auch dadurch langsam wieder dem Leben. "Ich wollte anderen Eltern helfen, die Ähnliches durchmachen müssen - deshalb war ich mit dabei, als wir hier in Rostock den Kinderhospizdienst gegründet haben."

Mehrere Familien mit sterbenden Kindern hat sie inzwischen begleitet - und auch dort erfahren, wie wichtig es ihnen war, dass die Kinder bis zum Schluss zu Hause sein konnten. "Deshalb ist das Projekt ,Mike Möwenherz entstanden. Denn es ist ganz wichtig, dass zu Hause alles dafür getan wird, dass die Kinder möglichst schmerzfrei sein können." Die Eltern bekämen so Sicherheit auch in medizinischen Fragen - sie selbst habe erlebt, wie belastend es ist, nicht zu wissen, wie man sich in einer bestimmten Situation richtig verhält. Andere Eltern - und Kinder - sollen es in dieser Hinsicht besser haben, wünscht sich Ines Borchardt.

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