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Der schlichte Angelkahn : Das Land ging unter - die Anka nicht

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Wer in der DDR gelebt hat, kennt die Anka. Sie ist ein Ruderboot aus Kunststoff und bis heute praktisch auf jedem ostdeutschen See zu Hause. Robust und unverwüstlich wird sie auch heute noch gebaut.

svz.de von
erstellt am 09.Okt.2012 | 10:21 Uhr

Schwerin | Die Anka hat überlebt - die Planwirtschaft, die Wende und den Westen. Was auch immer kommen mag, die Anka wird auch das überleben, wird weiter fröhlich über den See dümpeln.

Die Anka müsste eigentlich der Anka heißen, weil der Name schlicht die Abkürzung von Angelkahn ist, nur wird von Booten und Schiffen traditionell in der weiblichen Form gesprochen. Und die Anka ist ein Ruderboot und inzwischen eine Legende.

Ein Kahn und Millionen Geschichten

Wer aus dem Osten kommt, kennt die Anka. Sie ist dort nichts Besonderes, ist heute noch allgegenwärtig und war damals quasi der Trabant der Seen.

Und fast jeder, der im Osten aufgewachsen ist, kann eine Anka-Geschichte erzählen. Thomas zum Beispiel, dessen richtiger Name verschwiegen bleiben soll, damit seine Kinder nicht schlecht von ihm denken, hat sich in seiner Sturm- und Drangzeit mit Freunden ab und an mal eine Anka ausgeliehen. Was an sich nichts Ungewöhnliches war, waren doch diese Boote am Steg fast jeder Bootsausleihe vertäut. Nur liehen sich Thomas und seine Freunde die Boote oft dann aus, wenn ein warmer Sommer zum nächtlichen Bad lockte, aber die Ausleihe längst geschlossen hatte. Die Ruder waren zwar weggeschlossen, aber eine Anka konnte man auch mit bloßen Händen paddeln.

Und manchmal, sagt der Freund, haben sie das Boot sogar zurückgebracht, auf die Gefahr hin, dabei erwischt zu werden.

Grit erzählt gern vom romantischen Ausflug auf den See und einer völlig unromantischen Flucht vor einem Gewitter wieder herunter. Und wie wild ihr Herz geklopft hat, erst aus Liebe und dann vor Angst und wie sie sofort ihren Liebsten eingetauscht hätte, gegen einen der weniger im Kopf und mehr in den Armen hat.

Meine Anka-Geschichte ist 4,29 Meter lang, 1,40 Meter breit und wiegt dabei gerade mal 90 Kilogramm. So groß und so leicht ist der geräumige Kahn. Drei Mann - drei Ecken reichten damals zum Tragen völlig aus. Jedenfalls für das erste Stück des Wegs, das flache, bevor es steil bergab ging.

Und so musste zupacken, wer gerade verfügbar war - Nachbarn, Freunde und Verwandte. Vater wollte angeln, und deshalb ging es jedes Frühjahr über Stock und Stein hinunter zum See, wenn der Bootssteg nach dem Winter-Eis wieder gerichtet war. Den Sommer über blieb die Anka auf dem Wasser, im Herbst wurde sie den Hang wieder hinauf getragen. Den Winter verschlief sie im Garten.

Vaters Anka war innen lichtgrau und außen grün. Wie die meisten Ankas bis heute. Die Angler wollten und wollen es so. Sie glauben, dass die Fische sich vor einem dunklen Boot nicht so erschrecken, wie vor einem leuchtend roten oder gelben. Dabei sieht man, wenn man beim Tauchen nach oben schaut, doch nur einen dunklen Schatten, egal welche Farbe das Boot hat.

Stabil auch im Preis

Überhaupt diese Angler. Erst wollten sie den Kahn gar nicht haben und dann können sie nicht von ihm lassen. Das erzählt Karl-Heinz Münch. Er war damals Bootsbauer in Berlin und später als Meister auch für den Bau der Anka zuständig: "Die Angler wollten die Anka nicht. Sie war ihnen zu wacklig, im Vergleich zu den gewohnten schweren Holzbooten." Aber das änderte sich schnell. Die Anka war robust, handlich und brauchte kaum Pflege. Sie lag gut auf dem Wasser, ließ sich einfach rudern, die Sicken am Boden sicherten den Geradeauslauf.

1968 wurden die ersten Ankas im VEB Yachtwerft Berlin gebaut. Der Holzbootsbau war nicht mehr massentauglich. Immer mehr Boote wurden aus Glasfaserverstärktem Kunststoff (GfK) gefertigt. Das war moderner, war leichter und haltbarer.

"Knochenarbeit war das", erinnert sich Karl-Heinz Münch. Die Anka wurde im sogenannten Handauflege-Verfahren hergestellt. Eine Glasfasermatte wurde auf die Form gelegt und mit Kunstharz verstrichen. Lage für Lage, bis die Bootsschale die richtige Stärke hatte. Die Berliner Bootsbauer konnten selbst im Drei-Schicht-Betrieb nicht genügend Kähne herstellen. Andere Betriebe halfen später. So auch die Schiffswerft in Rechlin an der Müritz.

Der Preis war in Ordnung. 1450 DDR-Mark kostete der Kahn, egal, wo er gebaut wurde. Das war damals eine Menge Geld, aber angemessen für diesen unverwüstlichen Kahn. Und so stieg die Nachfrage rasant. Die Anka wurde zum wahren Volksboot. Kaum ein See oder größerer Teich, der nicht mit ihr befahren wurde. Der Erfolg des Kahns war auch ein Dilemma. In der DDR gab es keine Preissteigerungen. So etwas war doch dem Kapitalismus vorbehalten. Nichts wurde einfach so teurer. Es sei denn das Produkt wurde wesentlich besser. Wie der Trabant zum Beispiel, nach dem ihm eine Mäusekino genannte Kraftstoffmomentanverbrauchsanzeige eingebaut wurde. Nun, eine schlichte Tankuhr wäre sinnvoller gewesen.

Aber die Anka brauchte weder das eine noch das andere. Die Anka war gut so wie sie war und blieb bei ihrem Preis.

"Dabei kostete sie am Ende allein in der Herstellung schon 2 300 DDR-Mark", erinnert sich Karl-Heinz Münch.

Und auch deshalb ging die DDR den Bach hinunter und die Anka schwamm fröhlich drauf, für 1 450 DDR-Mark.

Untergehen konnten sie ja nicht. Die originale Anka ist zwar ein einschaliges Boot, hat aber in Bug und Heck eingearbeitet Hohlräume für den Auftrieb, die sie unsinkbar machen. Und so überlebte das Volksboot Anka die Wende. Der VEB Yachtwerft Berlin nicht, der Betrieb fiel auseinander, ein Teil des Betriebes baut heute als BBG Bootsbau Berlin GmbH Boote für den Rudersport. Die Schiffswerft Rechlin wurde abgewickelt.

Klar zur Wende

Ottomar Spiering, Bootsbauer aus Wiek auf Rügen und Geschäftsführer der Wieker Boote GmbH kaufte damals in Rechlin die Formen, die dort nicht mehr gebraucht wurden. Das Verfahren kannte er und so wurden weiter Ankas gebaut, mit dem gleichen Verfahren und der gleichen Technik. Eine nach der anderen auf Bestellung. Auch der Preis ist nahezu identisch. 1456 kostet momentan eine originale Anka von der Insel Rügen. Allerdings sind es jetzt Euro und nicht DDR-Mark. Nur an die Namensrechte hat keiner gedacht. Die Anka war ja schon immer die Anka und fertig.

Aber die Anka war nicht mehr die Anka. Unter dem Traditionsnamen trieben sich inzwischen alle möglichen Boote auf dem Markt herum, selbst kleine Ruderjollen und Billig-Kanus.

Björn Killermann ist Geschäftsführer vom Bootsdiscount Seerose aus Eberswalde. Auch er kann Anka-Geschichten erzählen. Und inzwischen eine mehr. Er ließ sich den Namen "Anka" schützen. Und seit dem dürfen nur noch Ankas auf den See, die auch den Namen verdienen. Keine Kanus mehr, keine Minikähne.

Ein Name für zwei Boote

Auch auf Rügen dürfen sie weiter Ankas bauen.

"Wir haben uns geeinigt", sagt Björn Killermann im Brandenburgischen.

"Hmmh", knirscht Ottomar Spiering auf der Insel.

"Wir sind keine Konkurrenten", sagt Björn Killermann und erzählt von seiner weiterentwickelten Anka. Sie gehört bis heute zu seinen meistverkauften Booten, gleich groß ist sie und ähnlich schwer wie das Original. Sie hat aber jetzt einen doppelten Boden, der genug Auftrieb bringt, dass sie unsinkbar bleibt und im Heck ein Fischkasten eingebaut werden kann. In den Boden wird eine wasserfeste Sperrholzplatte einlaminiert, statt eines darauf gelegten Lattenrostes beim Original. Die Sitzbank ist nicht mehr aus Holz, sondern auch aus GfK und der Spiegel ist für den Anbau eines Außenbordmotors vorbereitet. Killermann lässt seine Boote in Polen bauen. Das macht sich preislich bemerkbar. In der Grundausstattung kostet seine Anka nur 900 Euro.

Einen sehr guten Preis nennt das Killermann und verweist auf den Gebrauchtbootemarkt. Alte Ankas werden immer noch für mehrere hundert Euros gehandelt. Zu Recht. "Qualitätssorgen hatten wir damals nicht", bestätigt Karl-Heinz Münch. Die Berliner Yachtwerft hatte ein eigenes Labor, in dem die Kunstharze speziell für die Boote entwickelt wurden.

Osmose, also ein Ein- beziehungsweise Durchdringen von Wasser ist heute für Boote aus GfK ein Riesenproblem. Für die alte Anka nicht. Sie schaukelt auf ruhigeren Gewässern. Da gehört sie auch hin, mit ihrem Freibord von gerade mal 32 Zentimetern. Und wenn sie doch mal in schweres Wasser gerät: Nun, kentern ist möglich, untergehen aber kann sie nicht. Die Geschichte hat es bewiesen.

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