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Kommentar : Das Geschäft mit dem Ehrenamt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am 1. Juni nimmt die Ehrenamtsstiftung des Landes die Arbeit auf – die Vorzeichen dafür könnten schlechter kaum sein.

svz.de von
erstellt am 28.Mai.2015 | 11:45 Uhr

Drei, zwei, eins – Start! Nur noch wenige Tage, bis die „Stiftung für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Mecklenburg-Vorpommern“ mit ihrer Arbeit beginnen soll. Ihr Geschäftsführer und seine Mitarbeiter werden dann aber vor allem erst einmal Schadensbegrenzung betreiben müssen – denn im Vorfeld wurde viel Porzellan zerschlagen.

Lange wurde der Eindruck nicht entkräftet, dass die Stiftung in erster Linie SPD-Mitglieder mit Posten versorgen sollte. Denn Stiftungsrat und -vorstand sind klar sozialdemokratisch dominiert. Die ehemalige persönliche Referentin von Ministerpräsident Erwin Sellering, Franziska Hain (beide SPD), wurde bis zuletzt als Favoritin für die Geschäftsführung gehandelt – zumal sie bereits monatelang in der Staatskanzlei als Ansprechpartnerin für die Stiftung fungierte. Durch die Berufung des parteilosen Jan Holze hat der Stiftungsvorstand Kritikern aus den Oppositionsparteien im Landtag nun zumindest etwas Wind aus den Segeln genommen. Wie das bei den anderen Posten in der Stiftungs-Verwaltung aussehen wird, bleibt abzuwarten. Andere Vorwürfe bleiben sowieso, in erster Linie die der an den Personalkosten der Stiftung.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Das Ehrenamt mehr als bisher fördern zu wollen, ist aller Ehren wert. Doch Ehrenamt – der Name sagt es –, lebt davon, dass „nur für die Ehre“, nicht aber gegen Entgelt gearbeitet wird. Da stößt es echten Ehrenamtlern mehr als sauer auf, wenn für das Personal der Stiftung aus Landesmitteln in diesem Jahr für sieben Monate 280 000 Euro bereitgestellt werden, an direkten Zuwendungen für die ehrenamtliche Arbeit aber gerade einmal 242 000 Euro eingeplant sind. Für das nächste Jahr sind dann insgesamt 1,4 Millionen Euro an Landesmitteln für die Stiftung vorgesehen – auch hier liegen Personal- und Sachkosten wieder deutlich über dem Anteil, der tatsächlich den Ehrenamtlern zugutekommen soll.

Die empört auch noch etwas anderes: Sie fühlen sich verwaltet durch Menschen, die selbst gar nicht ermessen können, was Engagement in der Freizeit bedeutet. So haben echte Ehrenamtler ihre Zweifel, wenn sie hören, dass die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, die Präsidentin des Landesverfassungsgerichts Hannelore Kohl, gleich 20 verschiedene Ehrenämter ausfüllt. „Sie kann dann nur auf dem Papier Mitglied sein“, heißt es, „wirklich engagieren kann man sich in solch einer Vielzahl von Vereinen und Initiativen unmöglich.“

Bezeichnend für die vergiftete Stimmung im Umfeld der Ehrenamtsstiftung ist, dass zwar viele Engagierte bereit sind, mit Journalisten über derartige Kritikpunkte zu sprechen – im selben Atemzug aber darum bitten, ihren Namen nicht zu nennen, weil sie Repressalien fürchten.

Dabei haben sich viele, die bereits seit Jahren Ehrenamtsarbeit koordinieren, anfangs ganz engagiert in die Vorbereitung der Stiftung eingebracht. Sie dachten sich auch nichts Böses, als in den zurückliegenden Monaten von der Staatskanzlei Adressen und Kontakte bei ihnen abgefragt wurden. Doch dann wurden sie nicht weiter in die Gründung der Stiftung einbezogen. Das schmerzte – und schmerzt immer noch. Denn viele fürchten, dass ihnen die eigene Arbeitsgrundlage entzogen wird, wenn die Stiftung erst einmal ihre Arbeit aufgenommen hat.

Zumal sich niemand ernsthaft vorstellen kann, dass das Land Ehrenamtsarbeit auf längere Sicht weiter mehrgleisig fördern wird. Noch tut es das. Aus dem Budget des Sozialministeriums werden beispielsweise Mitmachzentralen in den Landkreisen gefördert, die dort potenzielle Ehrenamtler und Hilfesuchende zusammenbringen sollen. Das Land unterstützt jede der Zentralen mit je 10 000 Euro im vergangenen und in diesem Jahr – doch das ist viel zu wenig, um daraus effektiv arbeitende, geschweige denn nachhaltige Strukturen zu entwickeln.

So bleibt, trotz millionenschwerem Engagement des Landes, unverändert der Eindruck: Es fehlt eine Strategie für das Ehrenamt.

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