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Die Gemeindereform und ihre Folgen : Das Denken hört an der Dorfgrenze auf

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Welche Vorteile bringt der Zusammenschluss von Gemeinden? Eine Bestandsaufnahme im eigenständigen Pingelshagen und in der fusionierten Feldberger Seenlandschaft gibt Aufschluss.

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erstellt am 26.Apr.2011 | 08:46 Uhr

Schwerin | Man muss rechtzeitig bremsen, um noch in Pingelshagen zum Stehen zu kommen. Gerade mal 2,07 km 2 groß ist die Gemeinde, die kleinste in Mecklenburg-Vorpommern. Pingelshagen kuschelt sich eng an Schwerin, nur ein paar Gärten liegen zwischen dem nordwestlichen Stadtrand und dem Ortseingang der Gemeinde. Viel Verkehr dröhnt durch den Ort zur A20, zur Küste und zurück. Die Häuser drängeln sich im Osten an die Straße, die alten direkt, die nach der Wende gebauten verkriechen sich vor dem Lärm hinter einem Wall. Auf der Westseite der Straße versteckt sich eine brüchige Scheune, ein Blumenladen wartet auf Kunden und ein Bolzplatz auf einen Ball. Das Leben findet auf der anderen Straßenseite statt. Auf dem Parkplatz gegenüber der Gaststätte warten Autos.

Drei Viertel für die Eigenständigkeit

"Pendler" sagt die Wirtin. Ab hier teilen sie sich die Fahrt zur Arbeit in den Westen. Bürgerliche Küche wird serviert, preiswert und gut. Aus dem Dorf kommen trotzdem nicht viele zum Essen, aber zu den Veranstaltungen. Früher, als das Dorf gerade mal 150 Einwohner hatte, lag die Gaststätte noch mitten im Dorf. Der Bauboom nach der Wende rückte sie an den Rand. 728 Jahre alt ist Pingelshagen. Ein Dorf ohne Kirche, ohne Friedhof. Ein paar Bauern ackerten sich hier durch die Jahrhunderte. Als die DDR in den Geschichtsbüchern verschwand, wuchs Pingelshagen, die Einwohnerzahl vervierfachte sich. Junge Familien zogen aufs Land. Viele wollten gar nicht raus aus der Stadt, aber drinnen gab es keine Bauplätze.

Im Zuge der Kreisreform 1994 hätte Schwerin gern die Stadtrandkommune eingemeindet. Pingelshagen diskutierte. Bei einem Bürgerentscheid stimmten drei Viertel für die Eigenständigkeit. Bereut haben sie es nicht.

Die Amtswege sind kurz

Alfred Brauer stützt sich bestens gelaunt auf den Hänger seines Kommunaltraktors vor dem gemeindeeigenen Wirtschaftsgebäude. "Was heißt hier reich", sagt er, "heutzutage ist man ja schon reich, wenn man keine Schulden hat."

Brauer ist das Faktotum von Pingelshagen, seit über 14 Jahren fest und in Vollzeit angestellt als Gemeindearbeiter. Er ist Chef der Feuerwehr und dienstältester Wehrführer im Kreis. Brauer kennt in Pingelshagen jeden Stein mit Vornamen. Hat seinen Traktor schon mal vor Dieben gerettet und eine Seefahrt in den Dorfteich unternommen. Seine Geschichten sind Dorfgeschichten. Fast sein ganzes Leben hat er in Pingelshagen verbracht. Er ist stolz auf sein Dorf. Wenn eine dunkle Laterne gemeldet wird, nimmt er das Feuerwehrauto, steigt aufs begehbare Dach und schon ist wieder Licht. Die Amtswege sind kurz in Pingelshagen.

2001 hat sich die Gemeinde ein Feuerwehr- und Gemeinschaftshaus geleistet.

"Wir haben lange darauf gespart", sagt Maike Frey, sie ist hier seit 1995 Bürgermeisterin.

Von hier aus sieht man die Gemeindegrenzen. Weit gucken muss man nicht. Aber was man sieht, ist erstaunlich: In den engen Grenzen finden sich, neben den großzügigen Gemeindebauten, ein Bolzplatz, ein Abenteuerspielplatz, ein gut gepflegter Sportplatz und sogar zwei Tennisplätze. Auch ein Grünschnittcontainer steht bereit und der Jugendclub ist tatsächlich geöffnet.

"Wir sind wirklich nicht reich", sagt die Bürgermeisterin, "wir haben nur gut gewirtschaftet, uns nichts geleistet, was wir uns nicht leisten konnten."

Die Ausgangslage für andere Gemeinden war besser, die hatten eigenes Land, das sie als Bauland verkaufen konnten. Pingelshagen, in seinen engen Grenzen , hatte nichts. Auch die Einnahmen aus der Gewerbesteuer spielen kaum eine Rolle, wie in so vielen Gemeinden des Landes.

Für das letzte Baugebiet hat Pingelshagen Flächen von der Treuhand gekauft.

"Da haben wir richtig hart verhandelt", sagt Maike Frey. Die Erschließung und den Verkauf hat die Gemeinde selbst übernommen. "Dann konnten wir uns unser Gemeindehaus leisten."

Hier feiert die Feuerwehr, hier treffen sich die Hobby-Künstler zum "Kreide-Kreis", gegenüber hat der Sportverein sein Büro.

Der Vorteil klein zu sein

Drei Viertel der Einwohner von Pingelshagen sind zugezogen - die Mehrheit aus der Stadt. Das Dorf hat keine Tradition, auf die es mit besonderem Stolz verweisen kann. Aber die Eigenständigkeit hat eine Gemeinschaft geformt, die denen alter gewachsener Dörfer, mit Schulzenhof, Kirche und Anger nahe kommt.

Jeder im Dorf kennt die Bürgermeisterin. Und die Bürgermeisterin kennt neun von zehn Einwohnern mit Namen. "Mindestens", sagt sie, und "es ist auch ein Vorteil, eine kleine Gemeinde zu sein." Pingelshagen zahlt zwar den Lastenausgleich, muss sich aber nicht mit eigenem Kindergarten oder einer halbleeren Schule plagen. Die kurzen Wege in der Gemeinde sind billiger zu unterhalten als lange Zufahrtsstraßen zu entlegen Ortsteilen.

Auch Pingelshagen schrumpft. Vor allem, weil die Kinder der Familien, die sich hier Wohnraum bauten, ihr Elternhaus und damit das Dorf verlassen. Noch hat Pingelshagen über 500 Einwohner. Sinkt die Einwohnerzahl darunter, wird es eng. Das Land will die Schlüsselzuweisungen pro Einwohner für kleine Gemeinden ab 2012 um 5 Prozent kürzen. Außerdem sollen sie ausgeschlossen werden von Sonder- und Fehlbedarfszuweisungen. Mittel aus dem kommunalen Aufbaufonds soll es auch nicht geben. Gemeinden sollen so zur Fusion gezwungen werden. So könnte Pingelshagen doch noch ein Schweriner Stadtteil werden.

"Niemals!", sagt Brauer. Pingelshagen wäre nur ein Anhängsel für die Stadt. Wenn es gar nicht mehr allein geht, würde er lieber mit einer der Nachbargemeinden zusammengehen.

"Es wäre nicht gut", sagt Bürgermeisterin Maike Frey, "in einer Großgemeinde geht die Identität der Dörfer verloren."

Die Wege sind weit in der Seenlandschaft

Knapp 200 Kilometer entfernt sitzt Constance Lindheimer am Schreibtisch und sagt: "Die Strukturen spiegeln nicht wider, was erreicht werden sollte."

Constance Lindheimer ist Bürgermeisterin der größten Gemeinde des Landes, der "Feldberger Seenlandschaft". So unübersichtlich wie der Name ist auch die Gemeinde. Auf knapp 200 km 2 Fläche verteilen sich die 27 Ortsteile.

Mitten in der Gemeinde suchen Kraniche in aller Ruhe nach Futter. Einen Kilometer weiter weiden Pferde auf der Koppel. Noch einen Kilometer weiter stehen ein paar Häuser. Die DDR pöttert vorbei. Erst eine "Schwalbe", etwas später eine 150er MZ.

Die Wege sind weit in der Gemeinde einer Endmoränenlandschaft mit reichlich Wasser. Der Carwitzer See und der Breite Luzin sind die größten Eiszeitpfützen, so groß, dass Pingelshagen auf ihnen nur eine Insel wäre.

Es ist schön in der Feldberger Seenlandschaft und es ist ruhig. Sehr ruhig. Die Autobahn macht einen großen Bogen um den Ort, nicht mal eine Fernverkehrsstraße berührt die Gemeinde. Und der letzte Zug ist auch schon lange abgefahren. Vor gut zehn Jahren schnaufte die Bahn das letzte Mal in die Kreisstadt Neustrelitz. Es gibt keinen Durchgangsverkehr hier, keine zufälligen Gäste.

"Zu uns muss man kommen wollen", sagt die Bürgermeisterin. Ein Werbespruch, der aus der Not eine Tugend macht. Zu viele aber wollten einfach nur weg. Vor allem die jungen Frauen, die fehlen gleich doppelt. Weil auch die Babys fehlen, die sie jetzt woanders bekommen.

In einer Viertelstunde kommt man zu Fuß einmal durch das kleine Pingelshagen, eine Viertelstunde braucht man mit dem Auto von Feldberg in den Ortsteil Lichtenberg.

Einen Bürgermeister gibt es nicht mehr

Die zwei alten Herren am Zaun winken ab. Nein, zu Essen bekommt man hier nichts. Einen Kaffee auch nicht. "Früher, da stand hier noch eine Kneipe", sagt der Herr auf der Straße und zeigt auf eine freie Fläche.

"Bürgermeister haben wir auch nicht mehr", sagt der Herr hinterm Zaun und der andere auf der Straße: "Das ist jetzt alles in Feldberg."

Der Herr hinterm Zaun winkt ab und verschwindet im Schuppen, "...früher!"

Der Herr auf der Straße erzählt von der LPG, von der Armee und vom Wessi, der die LPG gekauft hat. Der nasse Wind treibt ihn zurück in seinen Wohnblock, ein 24er, wie er sagt, nicht der einzige im Ort. Zum Abschied erzählt er von Tanzvergnügen im Dorf, und dass sie in Feldberg jetzt Blumenrabatten bepflanzen und sich keiner mehr um ihr Dorf kümmert.

Der ehemalige Lichtenberger Bürgermeister ist jetzt im Ortsbeirat. Insgesamt fünf davon gibt es in den Ortsteilen der Gemeinde. Die werden gewählt, wie früher, werden gehört, aber sie haben nichts mehr zu entscheiden. Feldberg ist das Gemeindezentrum, auch wenn die ehemalige Stadt auf dem Papier nur ein Ortsteil unter vielen ist. Feldberg ist der größte Ortsteil, berühmt durch Hans Fallada, der im Stadtteil Carwitz lebte und arbeitete und sogar kurz einmal Bürgermeister der Stadt war.

Drei Mann für 32 Ortsteile

Aus Feldberg rücken die Mitarbeiter vom kommunalen Bauhof aus, wenn irgendwo in einem der vielen Ortsteile eine Laterne dunkel bleibt, falls jemand die Verwaltung informiert. Drei fest Angestellte versuchen in der riesigen Gemeinde Ordnung zu halten. Ohne Unterstützung aus dem Kreis durch eine Beschäftigungsgesellschaft wäre es hoffnungslos.

Weit weg in Wrechen, kurz vor der Gemeindegrenze, die gleichzeitig das Land von Brandenburg trennt, hat sich das Berliner Ehepaar Kube ein klassizistisches Gutshaus vorgenommen. Stück für Stück. Eine Pension für Stadtmüde ist schon fertig. Die Gäste kommen und fühlen sich wohl. Die Politik fehlt hier keinem. Zu Hause, in ihren Städten, sind die Bürgermeister auch weit weg.

Wir sind bürgernäher als es den Anschein hat, meint die Bürgermeisterin der Seenlandschaft. Sie haben das mal getestet und aufgelistet, vier Wochen lang. Von den rund 4750 Einwohnern kamen 1500 Anfragen per Telefon und 700 Leute kamen persönlich.

Man kann sich auch arm sparen

"Unsere Amtsfreiheit ist dabei ein großer Vorteil", sagt Constance Lindheimer. Es gibt keine extra Instanz, es kann direkt und damit schnell entschieden werden.

Aber sie fühlt sich alleingelassen von der Landespolitik. "Die Belange von Kommunen werden doch nur als Jammerei abgetan", sagt sie und sie sagt, dass die Ausgaben von Kommunen doch nicht mit der Einwohnerzahl sinken. Die Schule muss geheizt werden, auch wenn weniger Schüler kommen und Straßen werden ja nicht kürzer. Und was man nicht pflegt, muss irgendwann völlig neu gemacht werden.

"Man kann sich auch arm sparen", sagt Bürgermeisterin Constance Lindheimer.

"Politik", schimpft der Alte hinterm Zaun in Lichtenberg, "die machen doch sowieso was sie wollen."

"Je globalisierter die Welt, desto lokaler wird gedacht", sagt die Bürgermeisterin von Feldberg und ist sich dabei einig mit ihrer Amtskollegin in Pingelshagen: Erzwungene Fusionen zerstören die Identität.

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