Tier-Tötung : Darf man dies Schweinchen töten?

Bis zu 24 Ferkel können manche Schweinerassen werfen – zu viele zum Überleben.
Bis zu 24 Ferkel können manche Schweinerassen werfen – zu viele zum Überleben.

Fernsehbilder von Ferkeltötungen sorgen für Aufregung – Staatsanwaltschaft prüft jetzt die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens

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16. Juli 2014, 21:00 Uhr

„Ehne mehne muh und raus bist du“ – Eine Mitarbeiterin einer Schweinezuchtanlage steht vor einem Gehege voller Ferkel, zählt sie ab und nimmt anscheinend wahllos ein paar Tiere heraus. Die Schweine quieken. Doch nicht lange. Mit voller Wucht knallt die Frau die Tiere gegen die Stallwand. Szenen, die sich angeblich auf Gut Losten bei Wismar abgespielt haben.

Diese Bilder schockierten die Zuschauer der ARD-Sendung „Gequält, getötet und weggeworfen“ am Montag. In zehn Schweinezuchtanlagen in Deutschland wurden Kameras versteckt. Sie nahmen Bilder auf, wie Mitarbeiter Ferkel ohne Betäubung kastrierten oder die Schwänze abschnitten. Andere Aufnahmen zeigten kranke, verletzte Tiere im Dreck. Die Bilder wirken noch immer nach. Tierschützer erstatteten gegen drei der Landwirte Anzeige. Nach der Ausstrahlung bat das Schweriner Agrarministerium den Generalstaatsanwalt in Rostock, die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen Verstoßes gegen das Tierschutzrecht zu prüfen. Damit beschäftigt sich bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate die Justiz mit der umstrittenen Ferkeltötung in Schweinezuchtberieben in MV. Erst im April dieses Jahres wurden die Ermittlungen wegen illegaler Tötung von Ferkeln in Alt Tallin eingestellt. Es gebe keine ausreichenden Hinweise für ein Strafverfahren, hieß es seitens der Staatsanwaltschaft.

Auch in dem neuen Fall liegt keine Straftat vor, glaubt Philipp Aldinger, Sachgebietsleiter für Veterinärwesen in Nordwestmecklenburg: „Was dort gezeigt wurde, sind Sequenzen, die zeitgerafft und zusammengeschnitten wurden. Dass unzählige Ferkel in Losten einfach getötet werden, entspricht nicht den Tatsachen.“ Erst vorgestern hätte er den Betrieb zuletzt besucht.

Warum auch sollte eine Schweinezucht gesunde Ferkel töten? Die Sendung liefert dafür folgende Erklärung: In den letzten Jahren wurden die Muttersäue immer mehr auf Leistung gezüchtet. Das heißt, sie können bis zu 24 Ferkel bekommen und damit mehr, als sie Jungtiere ernähren können. Eine Aufzucht durch ein Ammentier sei dann sehr aufwendig. Die Folge: Ferkel müssen sterben.

Der Präsident des Landesbauernverbands, Rainer Tietböhl, ist überzeugt, dass der Gesetzgeber diese Art von Tötung zulasse. Wenn ein Tierhalter seine Tiere nicht ordnungsgemäß behandele, muss er zur Verantwortung gezogen werden, sagt auch er. Und schränkt zugleich ein: Allerdings sei in der Zucht die Tötung von Tieren unumgänglich. So könnten etwa die Würfe für eine Sau zu groß sein.

Ein Irrtum: Das ist nicht rechtens, sagt Constantin Marquardt, Sprecher des Agrarministeriums. „Nur im Einzelfall kann der Halter die Tiere töten“ – wenn diese nicht überlebensfähig sind: Ferkel, die missgebildet, stark untergewichtig oder unterkühlt seien. Die Ferkel müssen aber betäubt werden.

Erst im Dezember letzten Jahres hat das Agrarministerium auf Anweisung von Minister Till Backhaus die Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsämter über die tierschutzgerechte Tötung unterrichtet. Danach hat der Halter ordnungsgemäß abzuwägen, ob das Tier eine reale Überlebenschance hat. Eine Regelung, die die tierschutzpolitische Sprecherin der Bündnisgrünen in MV, Jutta Gerkan, scharf kritisiert: „Wer, wie Minister Backhaus, angesichts dieser schockierenden Bilder weiterhin darauf setzt, dass sich die Tierhalter weitgehend selbst kontrollieren, nimmt zumindest billigend in Kauf, dass Tiere in verachtenswerter und quälerischer Art und Weise nahezu beliebig getötet werden.“ Nur in Anwesenheit eines Tierarztes und unter schmerzfreier Betäubung sollte das Töten kranker Tier erlaubt sein. Eine Forderung, die laut Marquardt nicht umsetzbar sei: „Das ist finanziell nicht zu regeln.“ Hier sieht auch Dr. Philipp Aldinger das Problem und nimmt auch den Verbraucher in die Pflicht: „Die Konsumenten sind nicht bereit, mehr für ihr Produkt zu zahlen. Die Landwirte müssen an allen Schrauben drehen, um ihren Betrieb am Leben zu halten.“

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