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Bürger statt Mob am Sonnenblumenhaus

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erstellt am 26.Aug.2012 | 08:13 Uhr

Rostock | "Gedenken ist wichtig", sagt Adelheid Meyer aus Rostock. "Ein Gedenkbaum, eine Tafel am Rathaus, das ist gut. Aber der ganze Rummel ist zu viel, Hubschrauber, Polizisten aus anderen Bundesländern, viele gesperrte Straßen." Gemeinsam mit ihrem Partner ist Adelheid Meyer nach Lichtenhagen gekommen, um Gesicht zu zeigen, wie er sagt - am 20. Jahrestag der ausländerfeindlichen Krawalle am Sonnenblumenhaus. Und der Rostocker ist anderer Meinung als seine Frau: "Der Rahmen ist angemessen." Dafür vermisst er etwas - die Verantwortlichen von damals, Innensenator, Innenminister, Ministerpräsident.

Dafür sind alle anderen da, von Bundespräsident Joachim Gauck, über Grünen-Chefin Claudia Roth bis hin zum gegenwärtigen Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD). Das Gedenkareal, auf dem Gauck seine Rede hält, ist abgesperrt, draußen auf der Wiese, wo vor 20 Jahren der Mob tobte, drängen sich rund 2000 Bürger, um Gaucks Rede, den Kinderchor und Liedermacher Gerhard Schöne zu hören.

Doch für knapp zehn Minuten wird das nichts. Eine kleine, aber um so lautstärkere Gruppe, beschimpft Gauck als "Heuchler". Der reagiert: "Deshalb haben Menschen, die meinen, eine solche Veranstaltung stören zu müssen, keine Chance - wir sind immer mehr als ihr." Der Beifall - und die Konfliktmanager der Polizei - bringen die "Heuchler-Rufer" dann zur Ruhe. Doch etwas abseits gehen die Diskussionen weiter. Bernd, der seinen Familiennamen nicht nennen will, hat mitgerufen. "Eigentlich bin ich hier wegen der Ereignisse damals", sagt er. Aber, dass Gauck da sei, sei "ein Ärgernis". Denn "verlogen" sei die gesamte Politikerkaste. Damals habe sich keiner verantwortlich gefühlt - jetzt aber feierten sie sich als große Demokraten. Vor 20 Jahren war Bernd auch in Rostock, meint er noch: "Vor dem Fernseher mit Fremdschämen beschäftigt."

Den lautstarken Protest findet Gunter Engelhard aus Rostock-Elmenhorst weniger gut - zumal die Reden außerhalb des abgesperrten Areals nicht sonderlich gut zu verstehen sind. "Man sollte Gauck ausreden lassen. Es ist ärgerlich, wenn man nicht zuhören kann." Außerdem habe er den Bundespräsidenten noch nie als Heuchler gesehen - eher als Gegenteil. Und die Gedenkveranstaltung in Lichtenhagen sei wichtig, schon um die rechtsradikalen Bestrebungen in Mecklenburg-Vorpommern zurückzudrängen. Denn das Bundesland habe ein besonderes Problem damit: "Wenn ich den rechten Filz sehe, der sich besonders in Vorpommern ausbreitet, bereitet mir das Sorge", sagt der Rostocker. Und der Ruf des Landes sei ebenso wichtig: "Es darf nicht heißen, dass hierher kein Ausländer kommen kann."

Die Reden sind zu Ende, Gerhard Schöne und die Kinder kommen. Vorher ist der Liedermacher noch über die Wiese marschiert, das bekannte Gesicht mit Hut, die Gitarre über der Schulter. "Ich finde es eine gute Idee, mit Kindern internationale Lieder zu singen - neben den Reden von Betroffenheit." Die Lieder habe er vor zwei Wochen schon mal geprobt - für zwei Stunden mit den Mädchen und Jungen im bunten Zirkuszelt, das am Rande der Wiese steht. Die Veranstaltung selbst sei angemessen: "Ich glaube am Ende kann man alles als Feigenblatt denunzieren. Ich glaube, es ist wichtig, den Geist eines offenen Miteinanders zu beschwören."

Unmittelbar vor Beginn der zentralen Gedenkkundgebung wurde am Schauplatz des damaligen Geschehens im Stadtteil Lichtenhagen eine Eiche als Symbol des Friedens gepflanzt. Sie soll an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen am sogenannten Sonnenblumenhaus im August 1992 erinnern. So weitgehend friedlich wie die gestrige Gedenkveranstaltung verliefen auch die Demonstrationen am Sonnabend.

Zwischen 5 000 und 10 000 überwiegend junge Menschen waren vom Bahnhof Lütten Klein nach Lichtenhagen gezogen. In zahlreichen Redebeiträgen und Kundgebungen versuchten sie, "Alltagsrassismus" aufzuzeigen. Vor allem "die häufig entwürdigende Behandlung und Unterbringung von Asylbewerbern" wurde thematisiert. "Man will uns zu Faulenzern, Alkoholikern und Dieben erziehen", vermutet der aus Mauretanien stammende Sy Aboubacar, der seit 2009 in Rostock auf eine Aufenthaltserlaubnis wartet.

"Es ist skandalös, dass das Progrom vor 20 Jahren benutzt wurde, um Deutschland praktisch flüchtlingsfrei zu machen. Damit wurden die Motive des rassistischen Mobs ja nur geadelt", sagt Cornelia Kerth, Bundesvorsitzende des Vereins der Verfolgten des Naziregimes. An den europäischen Außengrenzen stürben in fast jeder Woche mehr Flüchtlinge als in 29 Jahren an der Mauer.

Die Rostocker entlang der Route zeigen sich von den Protestierenden eher gestört. "Warum immer wieder aufwärmen? Einmal vergessen, dann ist gut", sagt der 72-jährige Willi Vaass und steht damit für die Äußerungen der meisten Zuschauer seiner Generation. "Das hätten sie mal vor 20 Jahren machen sollen, jetzt bringt es nichts mehr", sagt die 29-jährige Melanie Mais. Ein Ehepaar um die 50 wundert sich: "Kommunalpolitiker habe ich heute noch keinen gesehen."


„Wir lebten in einem Land der Rücksichtslosigkeit“

Rostock „Wenn du traurig bist, dann seufze auch einmal“ – diese Zeile aus einem bekannten Kinderlied verleitet keinen der anwesenden Politiker zu Gefühlsausbrüche. Doch fängt Rostocks Oberbürgermeister den Ball gekonnt auf. Als der Kinderchor die Bühne vor dem Sonnenblumenhaus geräumt hat, beginnt er mit dem Satz: „Eigentlich ist alles gesagt, was gesagt werden muss.“

Aber vielleicht wäre dies unbefriedigend, für die geladenen Gäste ebenso wie für die Zuschauer. Darum drückt Roland Methling sein tiefes Bedauern über die Ausschreitungen und Angriffe vor 20 Jahren aus. „Sie gehören ohne Zweifel zu den dunkelsten Momenten unseres Landes. Die Gesellschaft hat versagt, in erster Linie aber die Behörden in Rostock und auf Landesebene.“ Der OB beteuert, die Aufarbeitung der Ereignisse von damals habe bereits am Tag danach begonnen und setze sich bis heute fort.

„Die Gegenwart bleibt infiziert von Fremdenhass und Gewalt“, betont Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Gedenkrede. „Lichtenhagen erzürnt mich, den Rostocker und den Bundespräsidenten“, sagt er mit Blick auf die Pogromstimmung vor 20 Jahren. „Viele fühlten sich damals unsicher, überfordert, als Verlierer der Wiedervereinigung“, schätzt Gauck die ostdeutsche Gefühlslage ein. „Wir lebten in einem Land der strukturellen Rücksichtslosigkeit.“ Alles Fremde sei verdächtig gewesen. Doch die im Herbst ´89 erkämpfte Demokratie müsse beständig gesichert, verteidigt, verbessert werden.

Noch heute frage er sich häufig: „Wie konnte es soweit kommen?“ Auch Gauck sieht das Hauptversagen bei den Behörden, die entweder die Augen verschlossen oder keine Verantwortung übernehmen wollten: „Wir brauchen aber beides: mutige Bürger und einen fähigen Staat.“

Zur aktuellen Diskussion um ein NPD-Verbotsverfahren äußert sich der Präsident nicht: „Wir hätten dieses Problem nicht, wenn mehr Bürger an den demokratischen Wahlen teilnehmen würden.“ Deutschland sei ein Einwanderungsland geworden, die Gesellschaft müsse sich aber friedlich auf ein gemeinsames Maß einigen.
Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) ist sich sicher, dass MV die Verpflichtung aus Lichtenhagen angenommen habe. Jeder einzelne Bürger, aber auch die Parteien, hätten die Aufgabe, den Neonazis die Stirn zu bieten. „Dazu gehört auch, dass wir ihnen einen Weg zurück anbieten“, bemerkt er zu dem aktuellen Fall um die Ruderin Nadja Drygalla. „Weniger Hysterie und mehr demokratisches Selbstbewusstsein“, wünscht sich Sellering in solchen Fällen.

„Wir haben gemeinsam eine Kultur der Abwehr des Extremismus trainiert“, zählt die vietnamesische Botschafterin Nguyen Thi Hoang Anh zu den Lehren aus Lichtenhagen. Sie lobt die großen Anstrengungen zum kulturellen Austausch seit den Anschlägen, vor allem den Verein Dien Hong. Dieser habe erreicht, dass das Sonnenblumenhaus heute „zu einem Symbol der Liebe und gegenseitigen Verständigung geworden ist.“ Dort könnten Migranten auch „die Gedichte von Heinrich Heine und Puschkin lesen“, sagt Anh.

Den Abschluss der Gedenkveranstaltung bildet mit Klaus-Dieter Kaiser ein Rostocker, evangelischer Pastor wie Gauck auch einer war. Er betont: „Der Fremde hat ein Recht auf Heimat, Würde und Gleichstellung. Dies ist kein Akt der Gnade, sondern ein Grundrecht, hier und überall.“ Vor dem Hintergrund der Änderung des Grundgesetzes nach den Anschlägen von Lichtenhagen, die das Recht auf Asyl drastisch eingeschränkt hat, kann dies nur als Provokation der Politik verstanden werden. Nach dem Verlesen ausgewählter Passagen aus Thora, Neuem Testament und Koran singen die Kinder aus Lichtenhagen und Evershagen erneut: „Wenn Du glücklich bist, dann klatsche in die Hand“.

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