Briefe an die Bösen: Amnesty International wird 50

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28. Mai 2011, 11:09 Uhr

London | Das Grundprinzip von Amnesty International ist ziemlich einfach: "Ein stinknormaler Mensch sitzt in einem stinknormalen Haus und schreibt einen nicht stinknormalen Brief an einen Diktator, der sich darum nichts schert...". So hat einmal der BBC-Autor John Tusa die Arbeit der größten Menschenrechtsorganisation der Welt zusammengefasst. Doch die vielen Millionen Briefe haben Wirkung gezeigt: 50 Jahre nach ihrer Gründung in London ist Amnesty aktueller - und wohl auch erfolgreicher denn je.

Die Freilassung der Oppositionellen Aung San Suu Kyi in Birma oder die Verleihung des Friedensnobelpreises an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo im vergangenen Jahr - beides hatte Amnesty maßgeblich mit beeinflusst. Beides entfaltet im Kontext einer professionell geführten Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit enormen Druck auf Machthaber in aller Welt. "In den 50 Jahren, seit Amnesty International geboren wurde, um die Rechte von Menschen, die wegen ihrer friedlichen Gesinnung gefangen gehalten werden zu schützen, hat es eine Revolution der Menschenrechte gegeben", sagt Salil Shetty, Generalsekretär der Organisation.

Als der britische Anwalt Peter Benenson an einem Sonntag im Frühjahr 1961 einen Artikel im "Observer" veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, was er auslöste. Durch Zufall hatte er vom Schicksal zweier Studenten aus Portugal gehört. Sie waren eingesperrt worden, weil sie auf ihre Freiheit angestoßen hatten. Benenson hatte das so empört, dass er in einer Kirche am Trafalgar Square eine Kerze für die beiden entzündete. Die Kerze, von Stacheldraht umwoben, ist noch heute Symbol für Amnesty International.

Aufruf mit Folgen

In dem Artikel rief der Anwalt die Menschen auf, etwas gegen die Ungerechtigkeit zu tun. "Man muss nur eine Zeitung aufschlagen, und schon stößt man auf einen Bericht über jemanden, der eingesperrt, gefoltert oder hingerichtet wird, weil seine Meinung oder seine Religion der Regierung nicht gefallen. Jedes Mal überkommt den Zeitungsleser dann ein bedrückendes Ohnmachtsgefühl. Doch wenn diese Gefühle der Abscheu rund um die Welt zu einer gemeinsamen Handlung gebündelt werden könnten, dann könnte etwas Wirkungsvolles getan werden." Dieser Aufruf im "Observer", gedruckt am 28. Mai 1961 unter der Überschrift "Die vergessenen Gefangenen" entfaltete eine Wirkung, wie Benenson sie nicht für möglich halten konnte. Aus dem zornigen Brief erwuchs eine weltweite Bewegung für die Menschenrechte.

Schon drei Jahre nach ihrer Gründung hatten die Unterstützer von Amnesty (englisch: Strafbefreiung) in tausenden Briefen an Machthaber aller Kontinente die Freilassung von mehr als 700 politischen Gefangenen gefordert - nicht weniger als 140 kamen tatsächlich frei. 1970 waren es schon 2000 Freilassungen. Das Prinzip: Möglichst viele Menschen schreiben möglichst viele Briefe an die Verletzer von Menschenrechten - so lange, bis sich etwas ändert.

Lob und Schmährufe

Amnesty zählt heute drei Millionen Unterstützer weltweit. 1977 wurde die Arbeit mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. Regierungen von den USA bis zum Iran, von Israel bis China singen - je nach Betroffenheit - Lobeshymnen oder stoßen Schmährufe auf Amnesty aus. Aus China, Nordkorea oder auch aus Russland heißt es häufig, Amnesty sei zu westlich. Doch auch in Europa, wo Regierungen Flüchtlinge in Krisenländer zurückschicken, wird Amnesty gefürchtet. Mit der Zahl der Jahre wuchsen auch die Ambitionen. Der Kampf gegen Folter kam auf die Agenda, später auch gegen die Todesstrafe.

Die Revolution der Menschenrechte stehe nun an der Grenze zu historischen Veränderungen, sagt Generalsekretär Shetty. Die aufstrebenden Wirtschaftsmächte in Lateinamerika und Asien, die Veränderungen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, vor allem aber der arabische Frühling in den vergangenen Monaten - das alles sind für den Inder die neuen Herausforderungen - genug für weitere 50 Jahre harter Arbeit.

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