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Eine angehende Grundschullehrerin will ihre Ausbildung fortsetzen : Bologna versagt beim Praxistest

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Für ganz Europa war er gedacht, doch schon zwischen Brandenburg und MV bleibt er kläglich auf der Strecke - der Bologna-Prozess. Das erlebt derzeit Elisabeth Terry, eine angehende Grundschullehrerin aus NWM.

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erstellt am 22.Jul.2011 | 09:14 Uhr

Schwerin/Potsdam | Für ganz Europa war er gedacht, doch schon zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bleibt er kläglich auf der Strecke - der Bologna-Prozess. Das erlebt derzeit Elisabeth Terry, eine angehende Grundschullehrerin aus Nordwestmecklenburg, dieser Tage. Sie hat an der Universität Potsdam ein Lehramtsstudium in der Primarstufe für die Fächer Deutsch, Sachunterricht und LER - Lebenskunde, Ethik, Religionskunde - absolviert und 2009 mit dem Abschluss Bachelor beendet. Statt gleich darauf den Master-Abschluss in Angriff zu nehmen, entschied sie sich, in die Praxis zu gehen. Sie bewarb sich auf ein Stellenangebot in der chinesischen Hauptstadt. Nach 20 Monaten im internationalen Kindergarten Peking, zuletzt als stellvertretende Leiterin der Einrichtung, kehrte sie nach Deutschland zurück. Nun sucht sie, mittlerweile Mutter eines kleinen Mädchens, Arbeit, möglichst nach ihrem Erziehungsurlaub ab Sommer kommenden Jahres.

Da in Mecklenburg-Vorpommern derzeit Lehrer - insbesondere an Grund- und Regionalschulen - gebraucht werden, fragte Elisabeth Terry im Bildungsministerium nach, ob es eine Chance gebe, in den Beruf oder aber den Vorbereitungsdienst (sprich Referendariat) zu starten. Sie erhielt eine Absage mit der Begründung, dass ein Bachelor-Abschluss für den Einstieg nicht genüge.

"In den Vorbereitungsdienst kann zugelassen werden, wer das 1. Staatsexamen oder einen vergleichbaren Abschluss hat. Ein solcher vergleichbarer Abschluss ist zumeist der Master of Education, der allerdings von der Universität beziehungsweise dem dortigen Prüfungsamt als gleichwertig mit dem 1. Staatsexamen anerkannt werden muss", heißt es im Brief des Ministeriums. Und: "Die gleichen Zugangsvoraussetzungen gelten auch für den direkten Einstieg in den Lehrerberuf ohne vorheriges Referendariat."

Entweder Bachelor-Master oder Staatsexamen

Vor dem Schritt in die Schule muss Elisabeth Terry also den zweiten Schritt in ihrer Ausbildung gehen und den nächsthöheren akademischen Abschluss erwerben. Doch auch dabei stellen sich Hindernisse in den Weg. Hintergrund: "Die Unis setzen entweder auf die Kombination Bachelor-Master oder auf den Abschluss mit Staatsexamen", erklärt sie.

Die nächstgelegene Universität Hamburg bietet zwar Masterstudiengänge an, nicht aber für einen Bachelor aus Potsdam - so wurde es der jungen Frau beschieden. Sowohl die Fächer als auch die Festlegungen der Studienordnung seien zu verschieden. "Das ist frustrierend", sagt sie. An der Universität Rostock schließt das Lehramtsstudium mit dem Staatsexamen ab. Dort wird nun geprüft, ob Elisabeth Terry ins Studium aufgenommen und inwieweit ihre Bachelor-Ausbildung angerechnet werden kann. Sie befürchtet Mehrarbeit und Zeitverlust. Von einer zusätzlichen schriftlichen Arbeit sei die Rede gewesen, "dabei habe ich doch meine Bachelorarbeit geschrieben".

Elisabeth Terry fragt sich nun, wie ihre Erfahrungen in den vielbeschworenen Bologna-Prozess passen. Das Reformvorhaben war 1999 in der gleichnamigen italienischen Stadt von zunächst 29 europäischen Bildungsministern auf den Weg gebracht worden. Ihr Anliegen: die Schaffung eines einheitlichen Europäischen Hochschulraums bis zum Jahr 2010. Mittlerweile beteiligen sich mehr als 45 Staaten an der Bologna-Reform. Sie streben international vergleichbare Studienabschlüsse an und wollen Studenten ermuntern, über Ländergrenzen hinweg Wissen zu erwerben.

Studentenvertreter kritisieren Hürden beim Hochschulwechsel

Im Fall von Elisabeth Terry hat Bologna den Praxistest verpatzt. Um ohne größere Probleme oder zusätzlichen Zeitaufwand vom Bachelor zum Master zu gelangen, wäre es für sie das Sicherste, auf die großen Versprechungen der Bildungsminister zu pfeifen und nach Potsdam zurückzukehren.

Die massiven Proteste der Studenten liegen zwar schon wieder zwei Jahre zurück, dennoch ist ihre Unzufriedenheit kaum kleiner geworden. Das hatte sich zuletzt im Mai auf der nationalen Bologna-Konferenz von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in Berlin gezeigt. Einmal mehr prangerten Studentenvertreter unter anderem die Hürden beim Hochschulwechsel an. Sie scheinen unüberwindbar - schon zwischen benachbarten Bundesländern.

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