Premiere im Bundestag : Berlin ist wie Rostock – nur drei Nummern größer

Im Gespräch: Der Rostocker mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern Fabian Patzak (M.) und Torsten Heil.
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Im Gespräch: Der Rostocker mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern Fabian Patzak (M.) und Torsten Heil.

Wenn man Zahlen hört wie 500 Millionen Euro, kriegt man schon mal feuchte Hände“, beschreibt Peter Stein seinen ersten Eindruck von der Arbeit als Abgeordneter des Bundestages.

„Die Dimensionen hier sind andere. Wenn man Zahlen hört wie 500 Millionen Euro, kriegt man schon mal feuchte Hände“, beschreibt Peter Stein seinen ersten Eindruck von der Arbeit als Abgeordneter des Bundestages. Der CDU-Mann ist neu im Berliner Parlament. Im September gewann er das Direktmandat im Landkreis Rostock.

Ganz fassen, kann es Stein noch immer nicht. „Gewählt zu werden, war für mich selbst überraschend“, sagt er mit ein wenig Rührung in der Stimme. Umso glücklicher sei er über das Vertrauen, das ihm geschenkt wurde. „Es ist eine unglaubliche Ehre, das Mandat bekommen zu haben.“

Angst macht ihm das Dasein als Neuling im Bundestag aber nicht. „Ich arbeite seit 1999 im Kreistag und war fünf Jahre im Landtag. Ich weiß, wie der Parlamentsbetrieb funktioniert. Da gibt es kaum Unterschiede. In Berlin ist alles nur drei Nummern größer“, so der selbstbewusste 45-Jährige und lacht.

Stein, der in Siegen geboren ist, an der Dortmunder Universität Architektur für Stadtplanung studiert und seine Diplomarbeit über Rostock geschrieben hat, ist seit 15 Jahren Mitglied der CDU und hat in dieser Zeit mehrere politische Ämter bekleidet. So hat er nicht nur den Vorsitz im Ausschuss für Wirtschaft, Landwirtschaft, Verkehr und Kreisentwicklung im Kreistag des Landkreises Rostock inne, er ist bis heute auch als Gemeindevertreter in Mönchhagen tätig und ist Mitglied des Landesarbeitskreises Wirtschaft und Verkehr im Landkreistag Mecklenburg-Vorpommern. Zudem saß er von 2006 bis 2011 im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, engagierte sich dort für die Ressorts Verkehr, Bau und Landesentwicklung, war Integrationspolitischer Sprecher und Mitglied der Enquete-Kommission.

Doch trotz seiner umfangreichen Erfahrungen habe er Respekt vor der neuen Aufgabe. So war er auch ein wenig aufgeregt, als bereits zwei Tage nach der Wahl, am 24. September, seine erste Fraktionssitzung in Berlin anstand, ebenso bei der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestages am 22. Oktober. Für den großgewachsenen Mann ein Moment, den er in besonderer Weise erlebte. „Um die Atmosphäre überhaupt erfassen zu können, bin ich vor der Sitzung den ganzen Saal abgelaufen, habe mich an ungefähr sieben verschiedenen Plätzen hingestellt und mich bewusst umgeschaut. Ich habe mich auch mal ans Rednerpult gestellt“, erzählt Stein.

Zudem habe er mit einigen Fraktionskollegen gesprochen, versucht sich ihre Gesichter einzuprägen. Keine leichte Aufgabe. Denn mit Stein sind 311 CDU-Mitglieder in den Bundestag gezogen. „Wenn ich so über den Flur laufe, weiß ich nicht, ob der Kollege, der mir entgegenkommt, von der CDU ist oder vielleicht doch von der SPD. Noch nicht“, plaudert Stein und holt einen Stapel Blätter hervor. Auf den Papieren sind alle CDU-Abgeordneten des derzeitigen Bundestages mit Foto abgebildet samt Namen und Nennung des Bundeslandes, aus denen sie stammen. Alle Neuen haben diese Art Gedächtnisstütze bekommen. „Einige kennt man schon aus Funk und Fernsehen“, erzählt Stein.

Aber nicht nur das Kennenlernen der anderen stand in den vergangenen Wochen auf dem Plan, Stein hatte auch reichlich zu tun, um in der Bundeshauptstadt Fuß zu fassen. So machte er sich als Erstes auf die Suche nach einer Wohnung. In der Nähe des Bundestages sollte sie sein und nicht allzu groß. Aber auch nicht zu klein. Denn seine Frau Heike will ihn an den rund 150 Tagen, die er im Jahr in Berlin verbringen wird, so oft wie möglich besuchen. Ebenso wie seine zwei Kinder. Sein Sohn Torben wohnt bereits in der Metropole, er studiert dort. „Meine Familie und Freunde sind mir wichtig“, so Stein. Vor drei Tagen konnte er nun in seine Zwei-Raum-Wohnung in der Nähe vom Gesundbrunnen einziehen. „Die liegt logistisch gesehen günstig, alle Züge aus Rostock halten dort“, erzählt Stein.

Die Anbindung zu der Hansestadt war ein entscheidendes Kriterium bei der Wahl seines neuen zeitweiligen Zuhauses. Der Grund: Stein will seinen Posten im Rostocker Kreistag nicht aufgeben. „Ich will für die Bürger präsent bleiben. Die Tätigkeit in Rostock ist für mich genauso wichtig wie die politische Arbeit in Berlin“, gibt er zu verstehen. Dabei sehe er sich selbst als Vermittler. Das Ziel in den kommenden vier Jahren: Die Interessen und Sorgen der Bürger auf lokaler Ebene mit ins politische Machtzentrum nehmen und dort Lösungen erarbeiten. Besonders Themen wie Rente, Pflege oder die Vereinbarkeit von Familien und Beruf liegen Stein am Herzen. „Wir haben den Auftrag der Bürger, uns um das zu kümmern, was sie bewegt. Sie wollen Antworten, auch wenn diese am Ende nicht immer zufriedenstellend sind“, sagt er. Dass er damit einen Nerv zu treffen scheint, zeigt sich in der Fülle an Bürgeranliegen. Mehr als 50 haben ihn bislang erreicht. „Die Anfragen kamen über sämtliche Kommunikationswege. Ich habe Briefe und E-Mails erhalten, wurde angerufen und persönlich angesprochen. Dabei ging es vom Nachbarschaftsstreit bis hin zu Problemen mit der Krankenkasse“.

Auf der anderen Seite will er den Bürgern das politische Gebaren in Berlin näherbringen. „Die Leute wollen die Dinge auch erklärt bekommen“, so Stein. Deshalb will er künftig möglichst vielen Gruppen die Gelegenheit geben, bei ihm Berlin vorbeizuschauen. Erste Terminabsprachen laufen bereits.

Um den Ansturm bewältigen zu können, benötigte Stein neben seinem Büro in Rostock ein weiteres in Berlin. Dazu Mitarbeiter, die ihm unter die Arme greifen. Doch das war leichter gesagt, als getan – zumindest was den Arbeitsplatz anging. Denn in den ersten Wochen nach der Bundestagswahl waren aufgrund der andauernden Koalitionsverhandlungen zahlreiche Abgeordnete der alten Regierung noch nicht aus ihren Arbeitszimmern ausgezogen. Die Folge: Alte und neue gewählte Vertreter teilten sich mitunter die Räumlichkeiten. So erging es auch Stein. Er kam bei Christoph Poland, ehemals Mitglied des Bundestages aus Mecklenburg-Vorpommern, im Paul-Löbe-Haus unter.

Nach dessen Auszug übernahm er das Büro. Die drei miteinander verbundenen kleinen Zimmer sind bislang nur mit dem Nötigsten ausgestattet: Schreibtische und Stühle zum arbeiten, eine Couch zum relaxen. Die Regale sind noch leer, werden sich aber schon bald mit reichlich Akten füllen. In den Wandschränken hingegen hat das ein oder andere schon seinen Platz gefunden – wie die Arbeitskluft des Abgeordneten: Anzüge, Hemden, Krawatten und ordentliche Schuhe. „Ich habe mir drei neue Anzüge zugelegt, samt Hemden und Krawatten. Meine bisherigen Tätigkeiten waren nicht so anzugslastig, aber für die Sitzungen muss man ja ausgestattet sein“, erzählt Stein, der von 1994 bis 2006 hauptberuflich als Stadtplaner der Hansestadt Rostock tätig war, ebenso von 2011 an. Hinter so mancher Schranktür ist aber noch mehr zu finden. Eine winzige Teeküche beispielsweise. Oder ein kleines Waschbecken – eine Gelegenheit zum Frischmachen, wenn der Arbeitstag wieder mal länger dauert. Das kommt häufig vor, weiß Stein zu berichten: „Ich arbeite 60 bis 70 Stunden die Woche. Da muss man seine Arbeit schon mögen und seine Zeit effektiv einteilen können.“

Alles im allen sind die Räumlichkeiten also ein beschaulicher Arbeitsplatz für Stein – und sein Team. Das besteht aus Fabian Patzak und Torsten Heil, die ihn als wissenschaftliche Mitarbeiter inhaltlich zuarbeiten. Heil ist weiterhin verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Petra Ahr leitet das Büro. Sie bringt 14 Jahre Erfahrung als Mitarbeiterin im Bundestag mit. „Was Besseres kann mir als unerfahrener Parlamentarier nicht passieren“, sagt Stein. Er stellte sie bereits an seinem ersten Tag in Berlin ein. Ahr unterstützt den Rostocker dabei, die alltäglichen Aufgaben als Abgeordneter zu bewerkstelligen. So ist sie für alle organisatorischen Anfragen zuständig und erklärt Stein, wenn nötig, die Gepflogenheiten im Bundestag. Sie ist es auch, die sich um profane Dinge wie IT-Probleme kümmert.

Und davon hatte Stein anfangs jede Menge. Als Bundestagsabgeordneter ist er angehalten, für seine Arbeit nur die vom Bund gestellten Computer und Telefone zu nutzen, die mit speziellen Programmen ausgestattet sind. Doch die liefen nicht reibungslos. „Auf den Rechnern wurde ein neues System installiert. Das funktionierte aber nicht auf Anhieb. Zudem ist der Handy-Empfang hier nicht besonders. Das glaubt man kaum“, so Stein. „Dank Frau Ahr war ich aber der Erste der neuen Abgeordneten, der ein voll funktionsfähiges Büro hatte.“

In dieses wird er sich auch zurückziehen, um die neuesten Berichte zu studieren. Und wenn ihn Zahlen wie 500 Millionen Euro dann wieder daran erinnern, dass er es in Berlin mit anderen Dimension zu tun hat als im Kreistag, wird er sicherlich so manches Mal feuchte Hände bekommen.

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