Bechern unterm Baum

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26. Dezember 2008, 08:42 Uhr

Rostock | Alle Jahre wieder bescheren die dunklen Dezember-Wochen den Menschen nicht nur heitere Feiertagslaune. Wenn sich die Finsternis der kurzen Tage mit persönlicher Niedergeschlagenheit mischt, greift mancher fast schon reflexartig zur Flasche. Zumindest bei suchtanfälligen Charakteren wandelt sich die Funktion des Alkohols im trüben Winter oft grundlegend: vom Spaßbeschleuniger im Familien- und Freundeskreis zum vermeintlichen Allheilmittel gegen psychische Probleme.

"Die Weihnachtszeit ist immer und überall die Alkohol-Hochsaison", sagt der Medizin-Professor Horst Klinkmann. Der Chef des Kuratoriums Gesundheitswirtschaft in MV glaubt, dass sich das Klischee von den besonders trinkfesten Nordlichtern mit der Lebenswirklichkeit vieler seiner Landsleute deckt. "Die Häufigkeit von Depressionen und die Anfälligkeit für Drogen nehmen in den langen, düsteren Nächten zu." Dies sei auch in Skandinavien so. "Beim Alkoholkonsum gibt es in Europa ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Warum sollten wir das verschweigen?"

Gerade "zwischen den Jahren" seien ihm als praktizierendem Arzt schlimmere Einzelfälle gemeldet worden als an anderen Wintertagen. "Wir dürfen nicht vergessen, dass nicht alle Menschen wohlbehütet feiern. Manchmal sind Verzweiflung und Einsamkeit zu Weihnachten besonders groß", sagte der frühere Direktor der Klinik für Innere Medizin an der Uni Rostock. Das zeige sich auch bei Teenagern. "Koma-Saufen bei den Jüngeren kann ein wichtiges Warnsignal sein." Wie schnell sich gelegentliches "Volltanken" in MV zu einer chronischen Krankheit entwickeln kann, weiß auch Michael Köhnke. "Wir haben klare Hinweise darauf, dass es hier deutlich mehr Klinik-Aufenthalte infolge von Alkoholsucht gibt als anderswo", sagt der Chefarzt der Rostocker Friedrich-Petersen-Klinik. Jene Diagnose passe zum höheren Pro-Kopf-Verbrauch an der Küste. Während im Bundesdurchschnitt rund 11,9 Liter reinen Alkohols pro Jahr konsumiert würden, seien es in MV 13,1 Liter.

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