Barfuß über den Haussee

<fettakgl>Mit Muskel- oder Motorkraft </fettakgl> - bei Boots-Berg ist die Hauptsache, dass es irgendwie aufs und  übers Wasser geht.
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Mit Muskel- oder Motorkraft - bei Boots-Berg ist die Hauptsache, dass es irgendwie aufs und übers Wasser geht.

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16. Juni 2012, 02:26 Uhr

Feldberg | Das Kind steht klein am Seeufer. Eine Leine führt von ihm zu einem Motorboot. Über seinen schmalen Schultern hängen Stoffbahnen. "Wenn das Boot anfährt, rennst du hinterher", wird dem Neunjährigen aufgetragen. Kurz darauf schwebt er an einem Fallschirm hoch über dem Feldberger Haussee. Angeblich rennen seine Beine da immer noch. Und er schreit aus voller Kehle. "Die unten dachten, ich schrei vor Freude." Von wegen! - Der Junge von einst ist heute ein gestandener Mann: Frank Berg, Bootsunternehmer und international erfolgreicher Wasserskisportler. An diesem Sommernachmittag sitzt er mit seinem Vater Horst in der Veranda. Der See, um den es geht, schaut zum Fenster rein. Der Schreck von einst gibt bis heute eine gute Geschichte ab. "Ich war der Leichteste damals", sagt Frank Berg. "Und rennen konnte ich auch."

Anstifter des Abenteuers war Horst Berg. In einer Westzeitung hatte er ein schwarz-weißes Bildchen gesehen. "König Hussein hing am Fallschirm hinter einem Boot. Das wollte ich unbedingt probieren." Einem Kumpel bei der Armee gelang es irgendwie, "so ’nen Fallschirm wegzufinden". Doch Horst Berg war zu schwer für das Experiment.

Dennoch hat er am, mit und auf dem Feldberger Haussee so ziemlich alles ausprobiert, was Wagemut und Bastelkünste erlauben. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Wassersportclubs Luzin und hat alle seine vier Kinder - zwei Söhne und zwei Töchter - infiziert mit der Leidenschaft für Wasser und Geschwindigkeit. Schlohweiß geworden ist er darüber.

Ein Sack voller Neopren-Flicken

Als junger Mann hatte es Horst Berg beruflich in die Feldberger Gegend verschlagen. Das Wasser begeisterte ihn, der aus einer staubtrockenen Gegend Vorpommerns stammt. Er zögerte nicht und ließ sich 1956 mit seiner Frau am Haussee nieder, etwas später kaufte er ein Feldsteinhaus direkt am Ufer. "Nach Feldberg ziehen und ein Boot anschaffen waren eins", sagt er. Schon seinem ersten Ruderkahn verpasste er einen 6-PS-Hilfsmotor. Später brummte er mit einem richtigen Motor über die Feldberger Seen.

Als die Feldberger erfuhren, dass ihr malerischer Schmaler Luzin für Motorboote gesperrt werden sollte, beschlossen sie Widerstand. 1961 gründeten sie unter dem Dach des Allgemeinen Deutschen Motorsportvereins (ADMV) den Wassersportclub (WSC) und gaben ihm den Namen Luzin. Einmal dabei, gingen einige noch weiter: Nicht mehr einfach nur befahren wollten sie die Seen, sondern dabei auch noch drauf rumlaufen - Wasserski fahren. "Ein Hobby vom ,Klassenfeind Nummer 1’, wie es damals so schön hieß", erinnert sich Horst Berg. Anfangs hing er mit einem Stück Wäscheleine und einem Knüppel hinterm Boot. "Ein Wartburgmotor war genug." Doch dann regten sich Ehrgeiz und Erfindergeist, nicht zuletzt weil die Feldberger schon 1962 zur 1. DDR-Meisterschaft gegen Vereine aus Potsdam, Grünau, Halle und Magdeburg antraten. "Das waren Materialschlachten", sagt Horst Berg. Materialschlachten in einer Zeit, der es bekanntermaßen vor allem an Material fehlte.

Also galt es zu improvisieren und günstige Gelegenheiten zu nutzen. Mal war es ein Sack voller Neopren-Reste, die vom Westbesuch zum WSC gelangte. Geklebt und vernäht entstanden daraus die ersten Anzüge. Aus Eschenbrettern wurden Slalom-Ski, aus Traktorreifen Fußhalterungen. Zwei Wartburgmotoren steigerten die Schnelligkeit der Boote. "Es waren tatsächlich Verrückte, die jede freie Minute und viel Geld reingesteckt haben", sagt Horst Berg. Wenigstens den Sprit gab’s günstiger durch den ADMV.

Zunächst nutzen die Wassersportler den Luzin zum Trainieren und für Vorführungen. Die steilen Ufer dienten als natürliche Zuschauerränge. 1968 kam dann das Aus für Motorboote. "Ich hatte rechtzeitig gehört, dass sie den See ab 1. Mai sperren wollten", sagt Horst Berg. Er zog den Saisonstart kurzerhand vor und scheuchte die Vereinssportler ab Mitte April aufs eiskalte Wasser. "Das Training hatte schon begonnen, also erhielten wir für das Jahr noch einmal eine Ausnahmegenehmigung."

Danach musste für den WSC Luzin eine neue Strecke her. Angler schlugen den Haussee vor: "Da holn wi ja eh nix rut." Fürsprecher bei Partei- und Staatsführung machten die Sache perfekt. Nach und nach wuchs auf und an Feldbergs Haussee eine Wasserskianlage mit Schanze, Zuschauertraversen, Vereinshaus und Sprecherturm, die nicht nur Lokalpatrioten als eine der schönsten überhaupt gilt.

Nationalkader und Bundesleistungszentrum

Mittlerweile liegt sogar ein Teil von Borussia Dortmund am Feldberger Haussee. 5000 Sitzschalen hatten sich die Mitglieder des Wasserskiclubs Luzin besorgt, als das Westfalenstadion zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 aufgehübscht wurde. "Mit Mengenrabatt", wie Frank Berg verrät. Gut 2000 Stück wurden montiert auf den Rängen, die sich in einem Bogen über den See erheben. Der Rest liegt als Reserve im Lager. Sich-zu-helfen-Wissen gehört einfach zu den Stärken der Wasserski-Aktivisten.

Diese Eigenschaft, ergänzt durch sportlichen Ehrgeiz und Geschick, verschafften dem WSC Luzin in Deutschland und darüber hinaus Anerkennung und Erfolg, sowohl vor als auch nach der Wende. Reihenweise DDR-Rekorde und Freundschaftspokale, Europa- und Weltmeistertitel stehen in der Chronik des Vereins, der 2011 sein 50. Gründungsjubiläum beging. Vor allem für gute Kombinierer ist der Club bekannt. Kombination ist eine von drei Wasserski-Disziplinen, der Mix aus den beiden anderen, dem Springen und dem Slalom über 259 Meter. "Die Hälfte aller Nationalkader kommt aus Feldberg", sagt Frank Berg, der sich heute als einer von drei Trainern um die Nachwuchsarbeit kümmert. Sein größter sportlicher Erfolg war der Europameistertitel im Jahr 2000. Der größte Erfolg des Vereins war es, den Zuschlag als Bundesleistungszentrum für Wasserski zu erhalten. Eines von zwei in Deutschland.

Heute gehören rund 80 Frauen und Männer zum WSC. "Wir sind als einziger Club in der glücklichen Lage, dass die Sportler bei uns kostenlos trainieren können", sagt Frank Berg. Anderswo koste jede Minute, und das nicht zu knapp, ein Euro und mehr werden verlangt. "Bei uns kommt durch die Showveranstaltungen genug Geld zusammen."

Dicke Backe, aber noch dickere Hose

Die Showveranstaltungen. Am 30. Juni steht die nächste im Kalender. "Unter Flutlicht, das kommt immer besonders gut an", sagt Horst Berg. Es sieht ein bisschen wehmütig aus dabei. Mit 78 Jahren ist ein Kopfstand hinter dem Rennboot nicht mehr drin. "Das war früher meine Nummer", sagt er und reckt sich. Heute lässt er seinem Sohn den Vortritt.

Ebenso wie beim Barfuß-Laufen. "Wie er das gelernt hat…" Horst Berg schüttelt den Kopf. Elf oder zwölf war der Junge damals. Wer auf blanken Fußsohlen schlittern will, muss üben, sich den Ski blitzschnell auszuziehen und den Fuß im richtigen Winkel aufs Wasser zu setzen. Ein verzwicktes Kunststück, das mit gemeinen Stürzen enden kann. "Das geht so fix, da hast du keine Chance. Du fällst direkt aufs Gesicht", schildert er. Sein Sohn jedenfalls war an jenem Tag mehrfach hart auf die Nase geflogen. "Sein Gesicht sah schon ganz verquollen aus, und er wollte immer nochmal", sagt der Vater. Gar nicht wohl war ihm beim Gedanken an seine Frau und die Fragen, die sie zu Hause stellen würde. Am Ende hat’s geklappt - barfuß, mit dicker Backe, aber noch dickerer Hose.

Die Bergs und Haussee - da gäbe es noch viele Geschichten. Einige von ihnen erzählen Frank und Horst Berg, wenn sie Urlauber über die Feldberger Gewässer schippern. Nahezu jeden schwimmbaren Untersatz bietet Boots-Berg im Verleih, und für Rundfahrten nutzen sie ein Hybridboot. Ohne Leine und Anhängsel.

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