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Autofahrer unter Strom

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erstellt am 10.Apr.2012 | 11:17 Uhr

Schwerin/Rostock | Für ihn steht fest: Für unsere Kinder werden Elektroautos Normalität sein, blickt Phillip Goltermann voraus. Noch gebe es vor allem bei jenen, "die es laut mögen, mentale Barrieren" gegen Elektromobilität auf der Straße, beobachtet der Manager. Und doch ist der Chef der Hamburger Drees & Sommer Projektmanagementgesellschaft überzeugt: 30, 40 Prozent aller Fahrzeuge könnten künftig mit einem E-Antrieb fahren. "Das ist technisch möglich", glaubt der Professor.

E-Power auf der Straße: Von Kopenhagen, Flensburg, Hamburg über Mecklenburg-Vorpommern mit dem Elektroauto nach Berlin - in eineinhalb Jahren sollten die ersten Wagen in einem Praxistest starten, so Goltermann. Gemeinsam mit 50 Partnern aus Wirtschaft, Forschung und Kommunen wollte er entlang der Nord-Süd-Achse an den Autobahnen 1, 7 und 24 ein engmaschiges Netz an Batteriewechselstationen für Elektroautos knüpfen - alle 70 bis 80 Kilometer eine Station. Acht bis zwölf Batteriewechsel- und 2000 Ladestationen, an Ausfahrten, Parkplätzen oder auch Tankstellen entlang der Nord-Süd-Trasse und in den angrenzenden Regionen hätten in dem Nordkorridor eingerichtet werden können - z. B. an der A 24 Höhe Gudow, in der Nähe der Tankstelle Stolpe, am Autobahndreieck Wittstock, kurz vorm Berliner Ring.

Nordkorridor fällt aus dem Wettbewerb

Goltermanns Pläne waren Teil des Projekts Schaufenster "Nordkorridor", eines von 23 Projekten in dem vom Bund ausgelobten deutschlandweiten Wettbewerb "Schaufenster Elektromobilität". Ein Meilenstein, um mehr E-Power auf die Straße zu bringen, meint Goltermann, der nun enttäuscht ist, dass dieser nicht im Norden gesetzt wird: die vier "Schaufenster" stehen nämlich seit wenigen Tagen fest. Der Wettbewerb ist entschieden - gegen Mecklenburg-Vorpommern.

Die Bundesregierung hat vor wenigen Tagen jene vier regionalen Projekte ausgewählt, die in den nächsten Jahren besonders gefördert werden sollen. Es sind Baden-Württemberg, Bayern/Sachsen, Berlin/Brandenburg und Niedersachsen. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) würdigte die Sieger mit den Worten, sie hätten "olympiareife Konzepte" vorgelegt. Er bekräftigte den Willen des Bundes, dass bis 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen verkehren sollen.

Die vier Regionen, die neben anderen eigene Konzepte für den Wettbewerb vorgestellt hatten, sollen künftig mit jeweils maximal 50 Millionen Euro gefördert werden. Insgesamt stehen 180 Millionen Euro bereit.

Das "Living Lab BW E-Mobil" aus Baden-Württemberg, das "Internationale Schaufenster der Elektromobilität" von Berlin und Brandenburg, "Unsere Pferdestärken werden elektrisch" aus Niedersachsen und "Elektromobilität verbindet" aus Bayern und Sachsen erhielten den Zuschlag. Und Ramsauer fordert: "Mehr als die Hälfte der Fahrzeuge sollte aus deutscher Produktion kommen."

Noch nicht festgelegt ist, wer wie viel bekommt. Das wird im anschließenden Bewilligungsverfahren verteilt.

Bei aller Trauer im Nordosten; rein parteipolitisch scheinen die Entscheidungen nicht gefallen zu sein.So muss zum Beispiel Bundesumweltminister Norbert Röttgen für die CDU überraschend ohne ein elektromobiles Schaufenster in den nordrhein-westfälischen Wahlkampf ziehen. Das Land, in dem Opel in Bochum ums Überleben kämpft, das wie kein anderes von Staus geprägt ist, geht völlig leer aus.Auch eine Aufweichung auf sechs oder gar sieben Projekte - mit entsprechend geschrumpften Fördersummen - wurde vermieden.

Roboterarm wechselt Batterie in drei Minuten

Enttäuschend ist allerdings, dass sich neben der Hauptstadtregion nur die Heimatregionen der drei großen Autohersteller (Daimler/Baden-Württemberg, BMW/Bayern und VW/Niedersachsen) durchgesetzt haben. Solche Großkonzerne hätten diese Subventionen weit weniger nötig gehabt, als jene 19 Verlierer-Projekte, zu denen nun auch der eingangs beschriebene "Nordkorridor" zählt.

Dabei hätte das norddeutsche Batterie-Wechsel-Projekt E-Power schon in wenigen Monaten auf die Straße bringen können und vor allem in ländlichen Gegenden für Alternativen sorgen können. Roboterarm statt Zapfpistole: Das ist wie an herkömmlichen Tankstellen, erklärt Experte Goltermann - nur noch verbraucherfreundlicher. Nach dem Stopp in der Wechselstation tauscht ein Roboterarm am Fahrzeugboden die verbrauchte Batterie gegen eine frisch aufgeladene auf. Batterie raus, Batterie rein, alles ohne dass der Fahrer den Wagen verlassen muss: "In drei Minuten ist alles vorbei", meint Goltermann. Abgerechnet wird nach gefahrenen Kilometern, ähnlich wie beim Handyvertrag und per Geldkarte- und das Fahrzeug ist wieder fahrbereit. Während bisherige Systeme oft auf Städte oder Ballungsräume begrenzt waren, könne der Batteriewechsel auch auf dem Land eine echte Mobilitätsalternative sein. Da kommen selbst Schnellladesysteme, die Batterien in 30 Minuten aufladen, nicht mit, meint Forstreuter. Durch Batteriewechsel seien der Elektromobilität keine Hindernisse gesetzt. Vor allem sei bei dem Projekt gesichert, dass zum Aufladen der Batterien nur Strom aus erneuerbaren Quellen eingesetzt werde. Ohne Anschubfinanzierung seien solche Projekt allerdings nicht zu realisieren, erklärte Goltermann.

Dänen, Franzosen und Israelis fahren voraus

Die Dänen machen es dem Autoland Deutschland indes längst vor, auch die Franzosen und Israelis - das Wechselkonzept könnte die bisher größten Probleme der Elektroautos lösen: mangelnde Reichweite und lange Ladezeiten. In Dänemark seien die ersten Wechselstationen eingerichtet, erklärt Goltermann: "Die sind uns zwei Dekaden voraus."

1,50 Euro, 1,60 Euro, 1,70 Euro je Liter Super: Spätestens seit die Spritpreise an den Tankstellen keine Grenzen mehr kennen und die Endlichkeit der Ölvorräte immer näher rückt, wächst der Druck auf alternative Antriebssysteme. Längst gebe es keine technischen oder wirtschaftlichen Gründe mehr gegen das E-Auto, nur noch Lobby-Gründe, meint Goltermann. Die gibt es reichlich: Deutschlands Autohersteller sperren sich gegen die Wechselbatterie. Zwar gehört es inzwischen für jeden Hersteller dazu, auch Elektroautos in die Modellreihe aufzunehmen. Und trotzdem kommen die surrenden Elektroflitzer auf Deutschlands Straßen nur langsam voran.


Klingt Elektroauto bald wie ein Sportwagen?

Das wundert nicht: Die Branche sieht vor allem bei Benzinern und Dieselfahrzeugen noch viel Luft nach oben - und jede Menge Gewinnchancen. "Das Potenzial, das der Verbrennungsmotor bietet, ist noch riesengroß", meint etwa VW-Chef Martin Winterkorn. Und so setzt die Automobilindustrie vorrangig auf Leichtbau mit Karbon, Kunststoff oder Aluminium, bevor die E-Cars an den Start gehen. Und wenn, dann wollen sie zumindest den Zugriff auf die Batterie der Elektrofahrzeuge behalten - der Energiespeicher ist zentrales Element der Wertschöpfung bei der Elektromobilität. Die Vorbehalte sind groß: Reine Elektrofahrzeuge sind etwas für den innenstädtischen Verkehr, glaubt VW-Chef Winterkorn und räumt den E-Cars erst eine Chance ein, wenn es um Reichweiten von 300 bis 500 Kilometer geht.

Aber trotz Elektromobilität: Ferrari-Fahrer werden dennoch so schnell kaum auf Elektrofahrzeuge umsteigen, meint Goltermann. Nur: Selbst für die, die es laut mögen, dürfte es bald keinen Grund mehr geben, E-Cars auszubremsen. Tüftler arbeiten längst daran, auch einem Elektroauto den Motorensound eines rassigen Sportwagens zu geben.

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