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ZDF-Dokumentation "Keine Gnade für 179212" rollt am Mittwoch den Fall auf : Aus dem Leben des 179212

vom

Vor 25 Jahren kam Jens Söring ins Gefängnis. Ein Geschworenengericht im US-Bundesstaat Virginia verurteilte den Deutschen wegen extrem grausamen Doppelmordes zu zweimal lebenslanger Haft.

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erstellt am 05.Jul.2011 | 08:09 Uhr

Vor genau 25 Jahren kam Jens Söring ins Gefängnis. Ein Geschworenengericht im US-Bundesstaat Virginia verurteilte den deutschen Diplomatensohn für den extrem grausamen Doppelmord an dem Manager Derek Haysom und dessen Frau Nancy zu zweimal lebenslanger Haft. Seine Unterstützer sprechen von einem Justizirrtum. Heute ist Söring Häftling 179212 im Buckingham Correctional Center im US-Bundesstaat Virginia.

Geboren 1966 als Sohn eines höheren deutschen Diplomaten, erhält er mit 18 ein Hochbegabtenstipendium an der University of Virginia. Dort verliebt sich der unerfahrene Strebertyp in seine Kommilitonin Elizabeth Haysom. Die 20-Jährige ist exzentrisch, sehr attraktiv und den Drogen zugetan. Als Elizabeths Eltern am 30. März 1985 in Lynchburg, Virginia, ermordet werden, fällt der Verdacht auf die angeblich von den Eltern missbrauchte Tochter und deren deutschen Freund. Das ungleiche Paar flüchtet nach England, später nach Asien und wird im Juni 1986 in London geschnappt. Söring will Elizabeth durch ein Geständnis vor dem elektrischen Stuhl retten - im festen Glauben, er würde als Diplomatensohn in die Heimat ausgeliefert werden. Ein fataler Irrtum. Bald darauf widerruft Söring und klagt bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Seiner Auslieferung wird unter der Voraussetzung stattgegeben, dass ihn in den USA nicht die Todesstrafe erwartet. In Virginia wird Jens Söring zu zweimal lebenslänglich verurteilt, Elizabeth Haysom zu 90 Jahren. Der Richter ist ein alter Freund der Opfer. Heute mehren sich die Anzeichen, dass Jens Söring möglicherweise nicht der Täter ist. Ein DNA-Test und ein neuer Entlastungszeuge haben den komplexen Fall wieder ins Gespräch gebracht. Die Bundesregierung setzt sich jetzt für den Deutschen ein und will ihm die Rückkehr nach Deutschland ermöglichen. Olaf Neumann hatte Gelegenheit, mit Jens Söring zu sprechen.

Herr Söring, im März sagte erstmals ein Zeuge unter Eid aus, der die Argumentation Ihrer Verteidiger untermauert. Wie geht es Ihnen?

Jens Söring: Einigermaßen gut. Nach 25 Jahren im Gefängnis ist das immer so eine Sache. Ich mache mir aber Hoffnung, dass ich vielleicht doch noch nach Deutschland zurückkommen kann. In meinem Fall hat sich vor Kurzem eine ganze Menge entwickelt. Ein Mitgefangener, der wegen vierfacher Vergewaltigung verurteilt wurde, ist gerade nach einem neuen DNA-Test auf Bewährung entlassen worden. Das ist genau das, worum ich auch bitte. Es gibt jetzt also einen Präzedenzfall.

Sie behaupten, Sie hätten die Morde auf sich genommen, um Ihre damalige Freundin Elizabeth Haysom vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Diese wiederum beschuldigt Sie bis heute, von Ihnen zum Mord angestiftet worden zu sein.

Elizabeth war zur Tatzeit 20, drogenabhängig und geisteskrank. Drei Psychiater haben bei ihr eine schwere Persönlichkeitsstörung und pathologisches Lügen festgestellt. Es besteht kein Zweifel, dass ihre Mutter sie sexuell missbraucht und davon Fotos gemacht hat. Diese Fotos waren dem Gericht bekannt. All das würde Elizabeth nach deutschem Rechtsverständnis entlasten. In Deutschland hätte sie vielleicht acht bis zehn Jahre bekommen. Und vor allem wäre sie psychiatrisch behandelt worden. Stattdessen sitzt sie jetzt seit 25 Jahren im Knast und vegetiert vor sich hin. Ich sage das nicht, weil ich sie verteidigen will. Diese Frau hat mir schrecklich geschadet, ich will nichts mit ihr zu tun haben. Aber wenn man auch nur ein bisschen Mitgefühl hat, muss man verstehen, dass auch ihr Unrecht angetan wurde.

Der Jury, die Sie verurteilte, wurde niemals ein Motiv für den Elternmord an den Haysoms genannt. Welche Indizien führten zu Ihrer Verurteilung?

Am Anfang der Verhandlung hielten mich sechs Geschworene für unschuldig und sechs für schuldig. Letztlich war es ein blutverschmierter Fußabdruck, der sie davon überzeugte, dass ich der Täter sei. Mein Verteidiger, dem später wegen Geisteskrankheit die Lizenz entzogen wurde, hatte es verbockt, ein Gegengutachten erstellen zu lassen.

Im Gefängnis sagt man Ihnen offen, dass Sie dort sterben sollen. Was macht das Leben für Sie lebenswert?

Kämpfen. Ich weiß gar nicht, ob ich damit aufhören könnte. Der Gedanke kommt mir nicht. Ich habe ja auch etwas, womit ich kämpfen kann und ich bin nicht allein. Ich habe viele Freunde, die mich unterstützen. Gewohnheit ist auch ein Grund, weiterzumachen. In gewisser Weise macht das Kämpfen ja auch ein bisschen Spaß. Mir wird oft gesagt, dass man mich beobachtet, wie ich jeden Tag am Schreibtisch sitze und wie wild schufte. Zwölf bis 14 Stunden am Tag. Und wie ich dann auf den Sportplatz rausgehe, jogge und Klimmzüge mache. Ich bin ein Sportfanatiker. Man sagt mir, ich gebe anderen Menschen Hoffnung.

Sie sagen, das größte Geheimnis, im Knast zu überleben, ist, keine Angst zu zeigen. Wie schafft man das?

Indem man ein Pokerface aufsetzt. Ich kann das prima. Wer das allerkleinste Zeichen von Schwäche zeigt, überlebt hier nicht. Zuerst mal wird man vergewaltigt. Man wird zum Sexsklaven, die werden hier "Punks" genannt. 20 Prozent aller Gefangenen werden jedes Jahr unter Drohungen dazu gezwungen, Sex gegen ihren Willen zu haben, und zehn Prozent werden brutal vergewaltigt. Bei 2,3 Millionen Gefangenen insgesamt sind das weit mehr als 400 000 Vergewaltigungen pro Jahr. Das wird öffentlich akzeptiert, es gab darüber Anhörungen vor dem Kongress.

Im Gefängnis haben Sie bislang sieben Bücher geschrieben. In "Ein Tag im Leben des 179212" beschreiben Sie Ihren Alltag hinter Gittern. Wie denken Sie über den amerikanischen Strafvollzug?

Ich sehe ihn sehr, sehr kritisch. Der amerikanische Strafvollzug ist menschenverachtend. Es gibt keinerlei Interesse an Resozialisierung. Mit dem Gedanken der Gerechtigkeit wird in den Vereinigten Staaten ausschließlich Rache verbunden. Statt Menschen, die Verbrechen begehen, als Mitbürger zu sehen, die wieder eingebürgert werden müssen, also als soziales Problem, wurde vom damaligen Präsidenten Richard Nixon ein "Krieg gegen das Verbrechen" ausgerufen. Deshalb auch die Todesstrafe. Hauptsächlich betrifft es die schwarzen Bürger.

Kann man sagen, dass die deutsche Regierung Sie vor der Todesstrafe bewahrt hat?

Die deutsche Regierung war damals Nebenkläger, was sehr wichtig war. Die Hauptarbeit wurde von meinen englischen Anwälten gemacht. Nach 25 Jahren Knast frage ich mich immer öfter, ob eine Hinrichtung nicht die bessere Option gewesen wäre. Aber naja… ich bin noch da und kämpfe noch. Ich laufe vor keinen Fragen davon. Auch nicht vor den eigenen, inneren. Ich kann nur überleben, wenn ich mich eisenhart allem stelle.

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