Streit um Betreuung Behinderter : Auf sich allein gestellt?

Der Personalschlüssel in Behinderten-Wohnheimen steht in der Kritik.
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Der Personalschlüssel in Behinderten-Wohnheimen steht in der Kritik.

Bürgerbeauftragter schaltet sich in Streit um mehr Betreuer in Wohnheimen für Behinderte ein / Personalschlüssel seit 20 Jahren unverändert

svz.de von
23. Juli 2015, 08:00 Uhr

Es ist ein unhaltbarer Zustand, den besorgte Angehörige dem Bürgerbeauftragten des Landes, Matthias Crone, schilderten: Tagsüber würde sich ein einziger Heilerzieher um acht schwerstbehinderte Menschen in einer Wohngruppe kümmern, nur teilweise unterstützt durch Freiwilligendienstleistende oder Praktikanten. Nachts sei in dem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen sogar nur ein Betreuer für 32 Betroffene vor Ort. Dadurch ergäben sich Pflegedefizite, die Bewohner würden zudem mangels ausreichender Förderung bereits erworbene Fähigkeiten wieder verlernen.

Kein Einzelfall, wie Crone mittlerweile weiß. Denn ein vor rund 20 Jahren verabschiedeter und seitdem nur geringfügig veränderter Landesrahmenvertrag für stationäre und teilstationäre Einrichtungen erlaube keine bessere Personalausstattung. „Dieser Vertrag bildet aber in einzelnen Bereichen die heutige Situation nicht mehr richtig ab“, so Crone.

Eine Ansicht, die die Landesgeschäftsführerin der Lebenshilfe, Dr. Karin Holinski-Wegerich, teilt. Auch in den elf Wohnstättenverbünden und Wohnstätten, die die Lebenshilfe in MV für Menschen mit geistiger Behinderung unterhält, habe sich der Personalschlüssel seit 20 Jahren nicht verändert. „Ein Betreuer muss sich damals wie heute rein rechnerisch um 3,7 Bewohner kümmern“, erläutert die Landesgeschäftsführerin. Inzwischen sei der Betreuungsaufwand aber sehr viel größer. „Viele Menschen, die vor 20 Jahren noch in Wohneinrichtungen lebten, werden mittlerweile ambulant betreut“, erläutert Holinski-Wegerich. „Geblieben sind die besonders schwer Geschädigten.“ Dazu käme, dass das Durchschnittsalter der Bewohner heute sehr viel höher sei als vor 20 Jahren – parallel dazu sei auch der Aufwand für die pflegerische Versorgung gestiegen. Auch die Lebenshilfe hätte sich deshalb schon an den Bürgerbeauftragten gewandt und parallel dazu den Integrationsrat eingeschaltet, nachdem die kommunalen Spitzenverbände einen geänderten Personalschlüssel nicht akzeptieren wollten. Als Nächstes soll der Sozialausschuss des Landtages um Unterstützung gebeten werden, so Holinski-Wegerich.

Auch Crone hält eine Anpassung des Landesrahmenvertrags an die gesellschaftliche und demographische Entwicklung für erforderlich. Berücksichtigt müssten neben der generellen Alterung auch weitere Wege – zum Beispiel zum Arzt. Oft müssten dann Angehörige die Begleitung der Heimbewohner übernehmen, so die Landesvorsitzende der Lebenshilfe, Hannelore Lüdtke – „denn wie soll das, vor allem an Wochenenden, der einzige diensthabende Mitarbeiter bewerkstelligen…“

Derzeit würden die Beschäftigten in den Heimen am Rande der Belastungsgrenze arbeiten, weiß Crone. „Es gibt hier einen ungelösten Konflikt zwischen Wohnheim- und Sozialhilfeträgern.“ In diesen will der Bürgerbeauftragte sich jetzt verstärkt einschalten. „Es geht darum, dass die betroffenen Menschen zu ihrem Recht kommen – und nicht die Heimträger oder die Träger der Sozialhilfe“, gibt Crone als Prämisse vor.

Auch ein weiteres Problem müsse angepackt werden: „817 Menschen, die hier im Land in Werkstätten für Behinderte arbeiten, erreichen in den nächsten Jahren das Rentenalter. Auch sie brauchen Wohnheimplätze – dafür ist aber noch gar nicht vorgesorgt worden“, so Crone.

Immerhin: Im eingangs geschilderten Fall gibt es bereits eine Lösung: Da der Personalschlüssel noch nicht voll ausgeschöpft war, konnte eine weitere Fachkraft eingestellt werden.

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