Auf Rügen rutscht die Kreide

<strong>Luftaufnahme der Abbruchstelle </strong>an der Steilküste<foto>dpa</foto>
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Luftaufnahme der Abbruchstelle an der Steilküstedpa

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28. Juli 2010, 07:57 Uhr

Sassnitz | Auf Rügen rutscht die Kreide. Es ist noch hell, als Dienstagabend 150 Tonnen an den Wissower Klinken ein ganzes Stück südlich vom weltbekannten Königsstuhl in die Tiefe rauschen. Die Kreide bricht einfach ab. Das Donnern ist Hunderte Meter weit zu hören. Eine Touristin glaubt, kurz zuvor mehrere Spaziergänger am Strand unter der 20 Meter langen Absturzstelle gesehen zu haben. Sie läuft zum Ereignisort, trifft aber niemand an. Dort, wo jetzt Geröll liegt und sich ein feiner heller Staub über alles gelegt hat. Selbst das Wasser schimmert milchig.

Die Ausflugsgaststätte "Waldhalle" ist dem Abhang ganz nah. Hier - nur 200 Meter von der Unglücksstelle entfernt - hält man für einen kurzen Moment die Luft an. "Die Aufregung ist da. Jedes Mal, wenn so etwas passiert", sagt Björn Strehlow, Sohn des Restaurantchefs. "Man ist gespannt, wie weit es jetzt wieder abbricht." Nun sieht es am Wissower Klinken aus, als ob jemand eine Schubkarre am Küstenufer ausgekippt hätte. "Dass es aber genau an dieser Stelle abgebrochen ist, scheint mir ziemlich normal. Hier war ein Überhang, der wohl durch Trockenheit oder durch den langen Winter nicht mehr gehalten hat", so Strehlow junior.

Trockenheit also. Fachleute im Nationalparkamt vermuten, dass auch diesmal eine unterirdische Wasserquelle den Abbruch forciert hat. Denn sonst waren es in der Regel immer sintflutartige Niederschläge, die an der durch ein Gemälde von Caspar David Friedrich berühmten Steilküste in den letzten Jahren Tausende Kubikmeter Kreide abbrechen ließen.

Den größten Verlust mussten die Klinken 2005 verkraften. Menschen wurden damals nicht verletzt. Allerdings gab es wenige Tage später eine Tote nach einem Uferabbruch zwischen Göhren und Lobbe im Südosten der Insel. Eine 27-Jährige aus Berlin ist an der Steilküste Rügens verschüttet und getötet worden. Die Frau ging am Strand mit ihrem Partner spazieren.

Auch diesmal sind die Rettungskräfte, die von der Touristin an den Klinken umgehend alarmiert wurden, sofort vor Ort. Doch die Suchhunde schlagen nicht an. Die Polizei stellt schließlich die Suche ein. Bis vier Uhr morgens geht zudem keine Vermisstenmeldung ein.

"Das ist Natur pur"

Michael Weigelt, Leiter der Außenstellte Jasmund des Nationalparkamtes Vorpommern, ist heilfroh darüber, dass es nicht zum Schlimmsten gekommen ist. Aber auch er kann über Ursachen des Absturzes nur mutmaßen: "Es gibt Jahreszeiten, da ist sowas eher wahrscheinlich. Das ist Natur pur." Küsten abbrüche sind auf Rügen keine Seltenheit. "Der Rückgang unserer Küste ist ein über Jahre dauernder, natürlicher Vorgang, der verursacht wird durch Frost, Brandung oder Niederschlag", sagt Weigelt. Experten haben aus gerechnet, dass pro 100 Jahre 20 Meter Küste zurückgehen.

Im kleinen Ort Lohme nördlich von Klinken und Königsstuhl kann man ein Lied davon singen. Der Hafen und die Treppe zum Ufer waren 2009 wegen Küstenabbrüchen gesperrt. Sechs Häuser, darunter das "Café Niedlich", durften wegen akuter Absturzgefahr nicht mehr genutzt werden. 2007 war am Kliff bei Lohme ein 130 Meter langes und 40 Meter breites Stück Steilküste abgebrochen. Ein an der Abbruchkante stehendes Diakonieheim musste abgerissen werden. Erst seit diesem Frühjahr können die Lohmener ihre Gebäude nach aufwändiger Sanierung wieder nutzen. Drainagen im Hang leiten jetzt pro Tag 106 Kubikmeter Grundwasser in die Ostsee. Das Land hatte die Hangsanierung mit 1,3 Millionen Euro gefördert.

Für den Wirtssohn in der "Waldhalle" an den Wissower Klinken, Björn Strehlow, haben die Kreideabbrüche aber auch einen positiven Nebeneffekt. Es kommen mehr Besucher in die Gaststätte - viele Schaulustige, die sehen wollen, was passiert ist.

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