Asyl beim "Partisan Gottes"

Für Pastor Uwe Holmer gehört Vergebung zu den wichtigsten Dingen im Leben.  dpa
Für Pastor Uwe Holmer gehört Vergebung zu den wichtigsten Dingen im Leben. dpa

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18. Januar 2010, 09:34 Uhr

Güstrow | Wenn Uwe Holmer sagt: "Vergebung gehört zu den wichtigsten Dingen im Leben", nimmt man ihm das ab. Der 80-jährige Pastor im Ruhestand hat vor 20 Jahren ein Stück deutscher Geschichte mitgeschrieben: Holmer gab dem gestürzten DDR-Staatschef Erich Honecker und seiner Frau Margot vom 30. Januar 1990 an für zehn Wochen Asyl in Lobetal, einem christlichen Dorf bei Berlin. "Am meisten hat mich die Reaktion der Öffentlichkeit darauf erstaunt, sonst war es nur eine Episode in meinem Leben", sagt Holmer, der heute im mecklenburgischen Serrahn bei Güstrow wohnt. Seine Lebenserfahrungen hat der rüstige Pfarrer in dem Buch "Der Mann, bei dem Honecker wohnte" beschrieben. Es wurde in kurzer Zeit 13 000-mal verkauft.

Damals trafen in Lobetal sehr verschiedene Lebensläufe aufeinander. Holmer ist bibelfester evangelischer Mecklenburger und 60 Jahre alt, als er den 17 Jahre älteren gestürzten DDR-Machthaber aufnimmt. Der Pastor leitet die Hoffnungstaler Anstalten, in denen rund 650 Beschäftigte mehr als 1000 Behinderte, Senioren und Suchtkranke betreuen. Traditionell ist der Leiter der diakonischen Einrichtung auch Bürgermeister von Lobetal. Der aus dem Saarland stammende Honecker, 13 Jahre lang DDR-Staatschef, hatte nach einem Krankenhausaufenthalt keine Bleibe mehr. Die 20 Kilometer entfernte Wohnsiedlung von SED-Funktionären in Wandlitz wurde am 1. Februar 1990 aufgelöst.

"Damals ließ der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel bei der Kirche anfragen, ob sie Erich und Margot aufnehmen würde", erinnert sich der Pastor. "Und warum gerade wir?", sei seine erste Antwort gewesen. Man dachte, in einem ganzen christlichen Dorf, wären die Honeckers sicherer. Holmer stimmte zu: "Wir können nicht im Vaterunser beten "und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", wenn wir das nicht praktizieren." Da es aber 60 Voranmeldungen gab, wollte Holmer wiederum nicht Honecker vorziehen. So brachte er das Ehepaar in seinem Haus unter. Holmers haben zehn Kinder, 1990 wohnten nur noch zwei zu Hause.

Bis auf gelegentliche Proteste blieb es ruhig in Lobetal. Er habe mit dem kranken SED-Chef Spaziergänge unternommen, berichtet Holmer. "Ich habe ihm gesagt, dass die deutsche Wiedervereinigung nach 40 Jahren kein Zufall ist." Solche Zeitspanne nenne auch die Bibel für eine Läuterung. "Er sagte: Nun gut, wenn Sie das meinen." Darauf der Pastor: "Man hat immer nur für eine begrenzte Zeit die Macht."

Über politische Dinge habe Honecker nicht reden wollen. "Nur einmal, als ich Michail Gorbatschow einen "fantastischen Menschen" nannte, reagierte Honecker empört", erinnert sich Holmer. Er glaube, wie auch der letzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow, dass sich Honecker mit den falschen Leuten umgeben habe. "Er wollte nur immer das Positive hören, wer ihm negative Wahrheiten über die DDR sagte, wurde - wie Modrow nach Dresden - abgeschoben", meint Holmer. Zu Margot Honecker in Chile hat er noch sporadisch Kontakt - meist ein Kartengruß zu Weihnachten.  

Trotz negativer Erfahrungen ist für den gebürtigen Wismarer, der sich immer als "Partisan Gottes" in einem Land mit Atheismus als Staatsreligion fühlte, nicht alles an der DDR schlecht. Keines seiner Kinder durfte an Oberschulen Abitur machen, er erlebte in seiner Bekanntschaft Enteignungen mit, und acht Leute aus seinem Umfeld berichteten der Staatssicherheit über ihn. Trotzdem: "In der DDR gab es eine recht gute Familienförderung."  

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