Anlegerfrust im Urlaubsparadies

Gehört zu den Spitzenhäusern: Schlosshotel in Göhren-Lebbin
1 von 5
Gehört zu den Spitzenhäusern: Schlosshotel in Göhren-Lebbin

von
26. November 2012, 09:52 Uhr

Malchow | "Gut, dass es so gekommen ist", meint Hans-Werner Keller. Gerade erst hat der 74-Jährige im Garten die letzten Handgriffe erledigt. Vorn am Zaun zotteln zwei Golfspieler mit ihren Trolleys entlang, auf dem Weg von einem der fünf Golfplätze im Land Fleesensee zu ihrem Hotel in Göhren-Lebbin. Seit vor zwölf Jahren mit viel Brimborium Deutschlands einzigartiges Urlauberdorf rund um das Schloss Bücher von Ex-Kanzler Gerhard Schröder eröffnet wurde, hat sich aus dem einstigen Agrardorf eine der führenden Adressen in der Tourismusbranche entwickelt. Endlich Arbeit für die Jungen im Dorf, neue Straßen, jede Menge Freizeitangebote für die Alten: "Wo hat man das sonst auf dem Land", meint Keller und räumt das Werkzeug weg. "Ein Gewinn für das Dorf." Aber: Eines stört Keller dann doch. Mit dem Urlauberdorf ist es an manchen Tagen vorbei mit der Beschaulichkeit im Ort. Busse, Pkw, Lastwagen: Der Verkehr auf der schmalen Straße vor seinem Haus, "das ist manchmal nicht auszuhalten", sagt der Rentner. Trotzdem: "Nee, die Urlauber stören nicht", meint Gerfried Mantey. Der 83-jährige Architekt kam vor Jahren aus Berlin aufs Land, in ein Haus nur unweit des Nobelhotels Radisson SAS im Schloss Bücher - "um Ruhe zu haben", meint er. "Hier hab ich sie."

Das 200-Seelen-Dorf hat seinen Frieden gemacht mit dem bundesweit bislang einmaligen, mehr als 2000 Betten zählenden Urlauberdorf am Fleesensee, mit nach eigenen Angaben Nordeuropas größtem Ferien- und Golfresort. Doch die Ruhe an diesem Tag trügt. Seit Verkaufspläne für die Betreibergesellschaft der fünf Touristikunternehmen im Land Fleesensee die Runde machen, wächst die Sorge im Dorf.

Das Vorzeigeprojekt ist in Schieflage geraten: Zwar "brummt das Ding", versichert Fleesensee-Geschäftsführer Detlev U. Fricke. Die Auslastung der Hotels liege mit fast 60 Prozent leicht über dem Vorjahr. Zu Weihnachten und Neujahr seien alle drei Hotels seit Monaten nahezu ausgebucht. 2011 hätten die drei Hotels Radisson Schloss Fleesensee, Robinson Club und Dorfhotel ihr Betriebsergebnis um 1,3 Prozent auf 27,9 Millionen Euro steigern können. "Das ist noch nicht das, was die Eigentümer erwarten, aber alle Bereiche arbeiten wirtschaftlich und schreiben schwarze Zahlen", hatte Fricke vor Monaten noch erklärt.

Nur: Die Renditesucht der etwa 1800 Anleger holt das Vorzeigeprojekt jetzt ein. Seit Jahren sei die Finanzlage der finanzierenden Fondsgesellschaft "angespannt", meint Fonds-Chef Fricke. 80-jährige Rentner aus Süddeutschland, kleine Sparer: Etwa 100 Millionen Euro haben die Anleger seinerzeit für die 200 Millionen-Euro-Investition überwiesen. Weitere 47 Millionen Euro Fördermittel gaben die Steuerzahler zu. Ihnen war eine Rendite von fünf Prozent in Aussicht gestellt worden. Gezahlt wurde sie so gut wie nie - gerade mal die ersten Jahre, später weniger als ein Prozent. Zwölf Millionen Euro seien bislang ausgeschüttet worden, sagt Fricke. Seit 2009 stockt die Renditezahlung ganz - Ausschüttung: Fehlanzeige. Das Freizeitbad und die umfangreichen Golfanlagen sind Experten zufolge schwer renditeträchtig zu betreiben. "Wie häufig bei subventionierten Projekten ist wohl manches eine Nummer zu groß gebaut worden", hatte Thomas Rasmussen, Tourismus-Professor der Hochschule Stralsund, Anfang 2010 erklärt. Mindestens ein Dutzend Anleger klagt inzwischen gegen eine Vertriebsgesellschaft, die den Fonds seinerzeit angeboten hatte, sagt der Göttinger Rechtsanwalt Markolf Schmidt. "Die Ursprungserwartungen waren zu hoch und wurden deutlich unterschritten", gesteht Fricke heute. Manch einer sei möglicherweise die unternehmerische Beteiligung eingegangen "ohne durchzuschauen". Fricke: Oft habe die Steuerersparnis im Vordergrund gestanden.

Das hilft den Anlegern jetzt auch nicht weiter: Vor allem ein 1998 aufgenommenes Darlehen von etwa 52 Millionen Euro in Schweizer Franken fährt den finanziellen Spielraum im Ferienresort gegen Null. Da der Euro gegenüber dem Schweizer Franken im Wert verloren habe, sei der Kredit trotz Millionentilgung kaum gesunken. 16 Millionen Euro seien für die Tilgung überwiesen worden - "durch die Kursentwicklung alles für die Tonne", meint Fricke. Zwar erwirtschaftet jede der fünf Tochtergesellschaften des Fonds eigenen Angaben zufolge zufriedenstellende Ergebnisse, doch der nach 12 Jahren unverändert hohe Kapitaldienst für dieses Darlehen überfordere die Leistungskraft der Gesellschaft. Fricke: "Die zusätzlichen Zinsen fressen uns auf." Das Geld fehle für Millioneninvestitionen, z. B. in neue Zimmereinrichtungen oder in den Wellnessbereich im Schlosshotel.

Auf Druck der Banken zieht Fricke jetzt die Reißleine und will die Gesellschafterstruktur neu ordnen. Bis Ende 2013 soll das Gesamtresort an einen Investor verkauft werden - unbestätigten Informationen zufolge für 47 Millionen Euro, die Höhe der Darlehensschuld. Gespräche mit den Banken über eine Fortführung des Re sorts mit der bisherigen Gesellschaftsstruktur und verbesserter Kapitalstruktur waren zuvor ergebnislos verlaufen. Derzeit werde mit drei Interessenten verhandelt, erklärt Fricke.

Bei den Anlegern dürften die Pläne für Frust sorgen: Wenn Fricke ihnen heute auf einer Gesellschafterversammlung in Göhren-Lebbin Einzelheiten erläutern wird, müssen sich die Kapitalgeber auf das Schlimmste einstellen. Das wird "schmerzhaft werden", meint Fricke. Die Banken müssten Zugeständnisse machen - vor allem aber die Eigentümer, die auf ihre Anteile verzichten müssten. Die Kreditgeber seien zu Zugeständnissen in Höhe von fünf Millionen Euro bereit. Es gebe keine Alternative zum Verkauf, glaubt Fricke. Andernfalls müssten die Verhandlungen mit den Banken neu aufgerollt werden - Ergebnis offen. Auch sei eine Insolvenz dann nicht auszuschließen, sagte Fricke.

Trübe Stimmung: Bürgermeister Peter Becher schiebt die Sorge über die Zukunft des Urlauberdorfes weit weg. Verkauf heiße nicht, dass es dem Ferienresort schaden müsse. "Es geht um eine vernünftige Eigentümerstruktur." Die Unternehmen arbeiteten wirtschaftlich. "Jede andere Gemeinde wäre glücklich", meint Becher. Das Dorf hat keine andere Wahl: In Göhren-Lebbin ist in den vergangenen zwölf Jahren das entstanden, worauf andere Gemeinden im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern auch die nächsten Jahrzehnte vergeblich warten werden. Anfang der 90er-Jahre habe der Ort mit der Landwirtschaft gelebt und so gut wie kein Unternehmen gehabt, meint Becher. Inzwischen hat sich das Urlauberdorf zu einer Unternehmensschmiede entwickelt. Mehr als 80 Firmen hätten sich im Ort angesiedelt - Arbeit für die Dorfbewohner. Die Arbeitslosigkeit habe sich von 30 Prozent Anfang der 90er-Jahre auf drei bis vier Prozent im Jahresdurchschnitt reduziert, erklärt Becher - "viele in Vollzeit, andere als Saisonjobs". Das sich der Reisekonzern TUI in Göhren-Lebbin niedergelassen habe, "das ist das größte Glück". Einen "Ruck" habe es im Dorf gegeben. "Der Ort hat mit dem Land Fleesensee ein anderes Gesicht bekommen", meint Becher. Und noch immer wird gebaut - Ferienwohnungen an jeder Ecke. Mit der Millioneninvestition ins Feriendorf haben auch die Einwohner angefangen, in ihre Immobilien zu investieren, sagt Becher.

Einwohnerzuwachs, Wirtschaftsaufschwung, Jobwunder - und trotzdem herrscht Ebbe in der Gemeindekasse. 90 Unternehmen zähle der Ort, erklärt Becher. Gerade 40 000 bis 60 000 Euro bringen die an Gewerbesteuern in die Dorfkasse. Zu wenig, um die vielen Zusatzaufgaben im Urlauberdorf zu erledigen, erklärt der Bürgermeister. Durch die Abschreibungsmodelle habe Land Fleesensee bislang keine Gewerbesteuer gezahlt. "Das fällt schwer", sagt Becher: "Nur von Hundesteuer kann man nicht leben." Und so erhofft sich das Dorf vom Neuanfang im Ferienresort vor allem sprudelnde Einnahmen für die Dorfkasse.

Für Becher gibt es indes keine Zweifel: Verkauf hin oder her - "Land Fleesensee wird es immer geben".

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen