Angst vor einem neuen Lichtenhagen

Mobin Seddiqi ist zufrieden mit seinem Zimmer: 'Für einen Flüchtling ist es das Paradies, für einen normalen Menschen ist es natürlich nichts.'Tobolewski
Mobin Seddiqi ist zufrieden mit seinem Zimmer: "Für einen Flüchtling ist es das Paradies, für einen normalen Menschen ist es natürlich nichts."Tobolewski

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25. September 2012, 11:42 Uhr

Wolgast | Ausgelassen werfen sich vier Kinder auf dem Rasen einen Ball zu, tollen umher zwischen den Blöcken. Ihre älteren Geschwister haben ein Auge auf sie. Vor drei Wochen erst sind sie hier am Rande von Wolgast-Nord in einen Plattenbau eingezogen - Baustraße 40 bis 48.

Doch in der Stadt wurden sie nicht von jedem mit offenen Armen empfangen. Die ARD-Sendung "Panorama" berichtete sogar von ausländerfeindlichen Stimmungen. "Mit denen passiert hundertprozentig was", drohte ein Jugendlicher vor der Kamera. Parallelen zu Lichtenhagen drängten sich auf.

Rechtsextremismus-Experte Günther Hoffmann spricht gegenüber unserer Redaktion von Fehlern, die gemacht worden sind. "Ein Asylbewerberheim in einem sozialen Brennpunkt anzusiedeln, das ist ein Handwerksfehler par excellence", meint Hoffmann.

Das künftige Asylbewerberheim war ein Wohnblock mitten in der Plattenbaussiedlung, der extra frei gezogen und hergerichtet worden war. Die NPD versuchte die Stimmung mit Flugblättern und Parolen vor Ort zu befeuern. Sie fabulierten von Luxuswohnungen. Dabei sind die Zimmer für die Flüchtlinge mehr als karg: In den Räumen stehen schmucklose Doppelstockbetten und Spinde aus Metall als Schränke.

Die ARD-Sendung "Panorama" hatte die Debatte in der vergangenen Woche mit angeheizt. In dem Beitrag zeigen Anwohner offen ihre Ablehnung gegenüber den Neuankömmlingen, Asylbewerber berichten von Anfeindungen und dem Gerücht, dass das Heim angesteckt werden soll.

Vor dem Asylbewerberheim sitzt ein 19-jähriger Ghanaer alleine auf der Bank und schaut auf den Nachbarblock. Er genießt seine gewonnene Freiheit. Seine Flucht führte ihn quer durch Afrika nach Libyen - mitten in die arabische Revolution. Er erlebte den Kampf gegen Muammar al-Gaddafi. Mit einem Boot überquerte der Ghanaer zusammen mit anderen das Mittelmeer, strandete zunächst in Italien und gelangte dann nach Wolgast-Nord. Der Stadtteil ist ein Plattenbauviertel wie viele andere im Osten Deutschlands, entstanden in den 70er und 80er Jahren. Viele Wohnungen wurden bereits saniert. Aber einige Blöcke haben ihre grauen Fassaden und die alten Holzfenster behalten. Die Mieten sind günstig, viele der Bewohner sind arbeitslos und leben von Hartz IV.

Der Afghane Mobin Seddiqi ist zufrieden mit seinem Zimmer: "Für einen Flüchtling ist es das Paradies, für einen normalen Menschen ist es natürlich nichts." Der 62-Jährige Vater dreier Kinder arbeitete im afghanischen Landwirtschaftsministerium und später für die Vereinten Nationen vor Ort. Er half beim Wiederaufbau. Doch Anfang des Jahres setzte ihm die Taliban zu. Es gab Todesdrohungen. Man wollte seine Kinder kidnappen. "Sie bedrohten meine Familie und mich per Telefon, aber auch direkt", sagt er.

Wenige Aufgänge weiter wohnt Uwe Oelke bereits seit einigen Jahren. Er steht mit seinem Hund vor der Haustür. Mit seinen neuen Nachbarn kam er bisher noch nicht ins Gespräch. "Ich konnte sie noch nicht kennenlernen, weil sie noch kein Deutsch können", sagt er. Ihn treibt die Sorge um, dass Neonazis zum Block pilgern. "Hauptsache die kommen nicht her." Eine Eingangstür weiter regt sich hingegen Unmut - nicht über die Asylbewerber, sondern über den Beitrag der Sendung Panorama. "Sie haben nur die Dummköpfe gezeigt. Es ist okay, dass die Flüchtlinge hier sind", sagt der Anwohner während er zum Auto geht und nach einem kurzen Blick auf den Block einsteigt.

Schützenhilfe leistet für den Landkreis Vorpommern-Greifswald das Innenministerium. Alle in Frage kommenden Vor- und Nachteile seien dort sicherlich sorgfältig abgewogen worden. Auch Kreis-Sprecher Achim Froitzheim verteidigt die Entscheidung: Der Landkreis habe schnell eine geeignete Unterkunft finden müssen. Wolgast sei eine Kompromisslösung. Der Block habe sich geradezu angeboten. Er liegt zentral. Außerdem finden dort künftig alle 220 Flüchtlinge Platz und die Sicherheit kann besser gewährleistet werden. Zudem sei eine zentrale Unterbringung für den Landkreis und die Kommune günstiger, so Froitzheim.

Auch Wolgasts Bürgermeister Stefan Weigler (parteilos) verteidigt die Entscheidung: "Ich will nicht sagen, dass wir alles richtig gemacht haben. Wir sind ja auch absolute Neulinge auf dem Gebiet. Wir haben uns ja nicht dafür beworben." Die Fehler der Vergangenheit sollen ausgebügelt werden, damit Flüchtlinge wie der junge Ghanaer in die deutsche Gesellschaft finden.

Auch wenn es am Anfang so schien, dass die Flüchtlinge im Viertel zunächst nicht willkommen waren, fühlt Mobin Seddiqi sich inzwischen in Wolgast sicher.


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