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An den "Grenzen des Sagbaren"

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erstellt am 01.Dez.2011 | 08:57 Uhr

Berlin | Dieses Jahr ist ein trauriges für die deutsche Literatur. Zumal der ostdeutschen. Im Januar starb Eva Strittmatter, die große Dichterin. Gestern Mittag nun wurde bekannt, dass Christa Wolf am Vormittag in einem Berliner Krankenhaus mit 82 Jahren ihrer schweren Krankheit erlegen ist. Ihr Mann Gerhard war an ihrer Seite.

Mit dem Tod von Christa Wolf verlieren wir, ihre Verehrer, nicht nur eine große Schriftstellerin. Sie war mehr als das, mehr als die Autorin so erfolgreicher Bücher wie "Kindheitsmuster", "Kassandra" oder "Störfall". Sie galt Generationen von Lesern als Vertraute, als Gewissen in einem zu oft gewissenlosen Land, als eine Frau, die sie ein Leben lang begleitet, bestärkt, berührt hat. Und die dafür geliebt wurde wie keine zweite deutsche Gegenwartsautorin.

Eine Episode mag das belegen. Nach einer Lesung in Ostberlin, wie alle ihre Lesungen bis auf den letzten Platz besetzt, bestürmte das Publikum Christa Wolf mit Fragen, die kaum noch etwas mit Literatur zu tun hatten. "Kinder", seufzte die derart Bedrängte, "macht mich doch nicht zur Briefkastentante." Wie mag jemand das aushalten, ein Leben als Ikone führen zu müssen? Ohne Freundlichkeit, ohne große Liebe zu den Menschen kann das nicht gelingen.

"Täuscht euch nicht, sie ist wie ein wildes Tier"

Christa Wolf wurde und wird aus sehr verschiedenen Gründen geschätzt. Viele fanden sich und ihr Leben in ihren großen Frauengestalten wieder - in Christa T. und der Günderode, in Kassandra und Medea. Andere teilten den mutigen Blick ihrer Autorin auf die Dunkelstellen im offiziellen Wunschdenken der DDR-Oberen. Darf man, wie in "Kindheitsmuster", als Kind glücklich gewesen sein unter der Hakenkreuzfahne? Warum sprach in der Presse niemand so offen über die Tschernobyl-Katastrophe wie Christa Wolf in "Störfall". Ein Buch, bei seinem Erscheinen 1987 so aktuell wie heute nach dem jüngsten Störfall in Fukushima. Warum mussten wir zensierte Passagen aus "Kassandra", in denen es um das Wettrüsten ging, mühsam aus im Westen erschienenen Exemplaren abschreiben? Nicht zuletzt lieben ihre Leser diesen einzigartigen Christa-Wolf-Sound, das Ein- und Umkreisen, Hin- und Herwenden von oft moralischen Fragen, gleichsam ein literarisches Abschmecken in einer polyphonen, tief in der Psyche wurzelnden Sprache. Ihr Urwunsch, hat die Wolf gesagt, sei es, "sich kenntlich zu machen durch Schreiben" und "die Grenzen des Sagbaren" zu erkunden.

"Täuscht euch nicht", schrieb Volker Braun 2009 zum 80. Geburtstag von Christa Wolf, "sie ist wie ein wildes Tier." Diese sanfte Frau, die bei ihren Lesungen nahezu kühl Ungeheuerliches las? Man muss sie wohl 1965 erlebt haben, als sie auf dem heute berüchtigten 11. SED-Kultur-Plenum als Einzige dem mächtigen Zentralkomitee Paroli bot, oder als sie am 4. November 1989 auf dem Alex in Berlin zu Hunderttausenden sprach, um zu ermessen, dass diese Frau nicht nur am Schreibtisch brannte.

Die Meisterschaft Christa Wolfs wurde noch einmal im vergangenen Jahr offenbar, als sie ihr letztes Buch "Stadt der Engel" vorlegte. Es ist der Roman einer Epoche, in dem eine große Autorin weise, überraschend humorvoll und wie es bei Christa Wolf nicht anders sein kann, ehrlich bis in die letzten Winkel ihrer Seele, Abschied von einer Zeit nimmt, in der sie gern lebte - "und mir keine andere Zeit für mein Leben wünschen konnte. Trotz allem? Trotz allem." Auf den letzten Seiten dieses Romans fliegt die Ich-Erzählerin mit ihrem Engel Angelina über das Death Valley, das Tal des Todes, und spürt die unheimliche Anziehungskraft der Toten. Sie fragt sich, "ob die Toten mir vielleicht etwas sagen wollten". Nein, sagt der Engel. "Das sei ein Aberglaube der Lebenden, daß die Toten eine Botschaft für sie hätten." "Das fand ich traurig", sagt die Erzählerin.

Die vielen Leser Christa Wolfs in aller Welt werden heute sehr traurig sein. Dem Engel aber widersprechen. Denn die Bücher dieser großen Frau werden überleben und weiter zu uns sprechen.

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