Amt wird ausgemustert

Ab Freitag sind auch diese Schilder überflüssig.dpa
Ab Freitag sind auch diese Schilder überflüssig.dpa

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29. November 2012, 10:20 Uhr

Berlin | Schluss jetzt mit Hörtest, Reflex-Check, Hodengriff und "Einmal husten". Die letzten 52 Kreiswehrersatzämter schließen morgen. Von 1957 bis 2010 gab es mehr als 20 Millionen Musterungen. Als es vor 55 Jahren losging, berichtete ein Zeitungsreporter aus Hamburg: "Die ausgesuchte Nettigkeit der Musterer wurde von dem Gemusterten in tadelfreiem Benehmen erwidert." Der Journalist arbeitete den Unterschied zum Kommiss-Ton der NS-Zeit heraus. 1957 hat der Vorsitzende des Musterungsausschusses schon mal dem künftigen Waffenträger eine Zigarette angeboten.

Die Kreiswehrersatzämter haben das kreative Potenzial von Generationen offengelegt. Wenn es darum ging, eine schwache Konstitution vorzuschützen, kannte die Fantasie keine Grenzen. Der meistgehörte Tipp war, vorher zehn Tassen Kaffee zu trinken, um den Blutdruck nach oben zu jagen. Von größerer Raffinesse zeugte der Rat, Opa um eine Urinprobe zu bitten, dieselbe aufs Amt einzuschleusen und auf der Toilette in den Testbecher umzufüllen. Auf diese Weise hoffte man, den Beweis für vorzeitiges Altern zu erbringen.

Katzenhaar-Allergiker zogen es bisweilen vor, für einige Wochen das Tier eines Freundes zu versorgen - im Idealfall hatten sich bis zum Musterungstermin rote Hautflecken eingestellt. Manch pazifistisch angehauchter Hausarzt leistete Schützenhilfe, indem er Plattfüße, Ohrensausen und Farbenblindheit zu lebensbedrohlichen Risiken hochschrieb.

Es gab auch Kandidaten, die das Kreiswehrersatzamt als T-Einser verlassen wollten, weil sie von einer Karriere bei der Luftwaffe träumten. Auch für sie gab es die passende Horrorgeschichte: So hielt sich über Jahrzehnte die Mär, dass man mit zu vielen Pickeln im Gesicht nicht Kampfjetpilot werden dürfe. Viele von Amtsärzten vorgenommenen Entscheidungen stießen immer wieder auf Unverständnis. Da wurde das mit Bundesjugendspiel-Urkunden und höchsten Karate-Ehren bedachte Sport-Ass der Schule als nicht wehrdienstfähig ausgemustert, weil es auf einem Ohr taub war ("Als ob man auf dem Kasernenhof gute Ohren haben müsste"). Und den schmalbrüstigen Nerd, der in der Turnstunde beim Wählen der Fußballmannschaften immer bis zuletzt übrig geblieben war, den erwischte es doch: T3 und ab zum Bund!

Größe, Gewicht, Brustumfang, Hörvermögen - die bei den Musterungen gesammelten Daten dürften auch Statistikern über Jahrzehnte hinweg wertvolles Material geliefert haben. Zuletzt wurde fast die Hälfte als untauglich eingestuft. Das hatte weniger mit einem körperlichen Niedergang zu tun als mit einer Verschärfung der Tauglichkeitskriterien: Der Staat benötigte immer weniger Rekruten.

Und nun ist Schluss. Anstelle der Kreiswehrersatzämter treten Karrierecenter und Karriereberatungsbüros. Das ist die Sprache des 21. Jahrhunderts. Man könnte fast nostalgisch werden.

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