Ampel mit Weitblick

„Der ganz große Clou “: Der Spiegel an der Ampel kann Leben retten. Radfahrer im toten Winkel werden sichtbar.dpa
„Der ganz große Clou “: Der Spiegel an der Ampel kann Leben retten. Radfahrer im toten Winkel werden sichtbar.dpa

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15. März 2013, 08:05 Uhr

Münster/berlin | Die Idee klingt einfach und doch kann sie Leben retten: Ein Spiegel am Ampelmast soll Lastwagen-, Bus- und Autofahrern künftig Einblicke in den so genannten toten Winkel geben.

Die Fahrrad-Hauptstadt Münster testet das neue System aus den Niederlanden, das ähnlich auch anderswo in Deutschland schon eingesetzt wird. Gestern stellten Vertreter von Stadt und Polizei die Spiegel-Ampel vor.

Vorerst testet Münster den Spiegel an zwei Stellen. Darunter ist eine Kreuzung, an der 2009 ein zwölfjähriger Junge auf seinem Fahrrad ums Leben kam. "Er wollte noch schnell über die Straße fahren", erzählt Udo Weiss von der Polizei Münster. Ein Lastwagenfahrer übersah den Jungen beim Abbiegen - weil er mit seinem Rad im toten Winkel fuhr. Der Zwölfjährige geriet unter die Zwillingsreifen des schweren Fahrzeugs und starb. "Der Lkw-Fahrer hat sich mittlerweile das Leben genommen", sagt Weiss.

Solch dramatische Situationen soll die Neuerung in Zukunft vermeiden helfen. Mit einem kurzen Blick in den Spiegel unterhalb des Grünlichts können Lastwagen-, Bus- und Autofahrer sofort sehen, ob neben ihnen ein Fahrradfahrer oder ein Fußgänger steht. "Der ganz große Clou an der Sache ist, dass der Spiegel unter der Ampel angebracht ist. Jeder Lkw-Fahrer guckt sowieso auf die Ampel, ob sie grün ist", sagt Verkehrsplaner Andreas Pott von der Stadt.

Das System könnte Schule machen. Jährlich sterben deutschlandweit 400 Radfahrer bei Verkehrsunfällen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) schätzt, dass die Hälfte von ihnen schlicht übersehen wird.

In Münster suchte man schon seit längerem nach einer Lösung. Zufällig bemerkte Pott dann während einer Dienstreise in Amsterdam, dass unter einigen Ampeln Spiegel hängen. Er fragte bei seinen niederländischen Kollegen nach. Sie bestätigten, dass die Spiegel den toten Winkel einsehbar machen sollen. Für 750 Euro pro Stück schaffte Münster vorerst zwei Spiegel an. Jetzt werden Polizei und Stadt beobachten, ob sich das System bewährt. Wenn ja, will die Stadt weitere Spiegel kaufen. Es gebe noch genügend Stellen in Münster, an denen sich eine Spiegel-Ampel lohne, sagt Weiss.


Tempo 30, kein Schild und keine Ampeln

Mehr Rück-Sicht nicht nur durch Spiegel: In Berlin beraten Verkehrsfachleute an diesem Wochenende, wie Autofahrer, Radler und Fußgänger öffentliche Räume ganz ohne Ampeln und Verkehrsschilder gemeinsam besser nutzen können. Die Idee des so genannten Shared Space ist Thema eines bundesweiten Umwelt- und Verkehrskongresses. Bereits 40 Städte testen das Verkehrskonzept für mehr gegenseitige Rücksichtnahme.

"Natürlich ist nicht jede Durchgangsstraße dafür geeignet. Aber an platzähnlichen Situationen mit hoher Aufenthaltsqualität funktioniert es sehr gut", sagte Anja Hänel vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Tempolimit 30 sei jedoch Voraussetzung.

Wichtig sei, den gleichberechtigt genutzten Raum optisch von normalen Straßen abzutrennen. "Zum Beispiel durch einen anderen Pflasterbelag und den Verzicht auf klar abgetrennte Wege für Autos, Radler oder Fußgänger", sagte Hänel. So bewege sich jeder automatisch aufmerksamer. Am Berliner Alexanderplatz sei ein solcher Ort entstanden, auch in Aachen oder am Duisburger Opernplatz funktioniere das Konzept: "Es ist nicht nur für Kleinstädte gedacht."

Dennoch hat die Kleinstadt Bohmte bei Osnabrück bundesweit Vorbildcharakter: Sie erprobt Shared Space seit 2008. Dort stieg die Zahl der Unfälle mit leichtem Sachschaden zunächst zwar geringfügig an - aber es gab prozentual weniger Personenschäden.

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