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Als der Westen für den Osten tanzte

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erstellt am 02.Okt.2012 | 11:59 Uhr

Neubrandenburg | Zwei Fotoalben, zwei Welten: Ein Mädchen feiert Fasching im Kindergarten "Käthe Kollwitz". Ein Junge sitzt im Arm seiner Kinderfrau auf den Visaya-Inseln. Das Mädchen steht vor einem Strandkorb an der Ostsee. Der Junge posiert vor dem Schneegipfel des Mont Blanc. Das Mädchen spielt Handball mit Bubikopf. Der Junge segelt mit weißem Hemdkragen.

Die Fotos bezeugen eine Kindheit im Osten, die andere im Westen, in Schwarz-Weiß und Farbe, damals durch nichts Geringeres getrennt als einen Eisernen Vorhang. Heute liegen die beiden Alben im selben Regal in einem Haus am Tollensesee, dem Haus der Horstmanns. Gute zwölf Jahre sind sie verheiratet, haben einen Sohn und eine Tochter. Sie teilen die Vorliebe für Kunst und die Überzeugung: "Wäre das mit uns nicht passiert, das wäre schade gewesen."

Doreen Tessendorf, Anfang der 1970er-Jahre geboren und aufgewachsen in Neubrandenburg, der Vater ist Baustatiker, die Mutter Ökonomin. Christoph Horstmann, Anfang der 1970er-Jahre geboren in Hamburg, aufgewachsen in Cebu auf den Philippinen und in Kiel, Schleswig-Holstein, der Vater Meeresbiologe, die Mutter Künstlerin und Hausfrau mit drei Söhnen. Doreen überblickt von ihrem Kinderzimmer in der 9. Etage die Hochhäuser der Oststadt. Christoph hat den Westpazifik vor der Tür und die Kieler Förde. Sie macht ihr Abitur neben der Maurerlehre an der Berufsschule. Er dreht am Internatsgymnasium Schloss Plön eine freiwillige Ehrenrunde.

An den Schuhen erkennt er den "Ossi"

Die Deutsche Einheit ist genau acht Jahre alt, da kreuzen sich ihre Wege in Wismar. Doreen hatte dort von 1990 bis 1995 Bauingenieurwesen mit Schwerpunkt Statik studiert, allein unter Männern. Nach drei Jahren im Beruf kehrt sie 1998 an die Hochschule zurück, um noch Architektur dranzuhängen. Zur selben Zeit im selben Fach brütet Christoph über einem Modellprojekt. Das Statik-Problem kann er nicht allein knacken, sein Professor empfiehlt ihm "Reni Tessendorf, die hat doch früher schon Nachhilfe gegeben". Sie nimmt die Aufgabe übers Wochenende mit nach Hause. Dass "dieser nette Kerl" aus dem Westen kommt, interessiert sie nicht. Bei der Nachhilfe ist das ohnehin nichts Besonderes: "Es waren alles westdeutsche Jungs. Die Ostdeutschen haben das einfach nicht gemacht, die haben sich allein geholfen."

Christoph Horstmann revanchiert sich für die gelöste Aufgabe mit einer Einladung. "Aber ich bin doch mit dem Fahrrad…" Sie hat ihre Bedenken noch nicht ausgesprochen, da macht er schon die Kofferklappe auf und wirft ihr Rad in seinen alten, rostigen VW. Es geht ins "New Orleans". Er bestellt Cajun fries. Was denn für Cajun fries? Kann er nicht Kartoffelspalten sagen? Er behauptet, "Ossis" an den Schuhen zu erkennen, bei seinen eigenen hat er die Hacken runtergelatscht. Sie denkt: "Du Arsch." Gefallen hat ihr der Abend aber doch.

"Für mich war Ost-West überhaupt kein Thema", sagt sie. "Für mich schon, sehr sogar", sagt er. "Auf dem Absatz kehrtmachen, wenn ich hier fertig bin" will Christoph Horstmann, als er an einem Herbstabend zum ersten Mal in Wismar aus dem Zug steigt. "Eine graue Stadt, ein grauer Geruch und dazu dieses düstergelbe Licht der Straßenlaternen. Ich hab mich gefragt: Welchen Film drehen die denn hier." Den Satz "Ham we nich" hatte er zuvor noch nie gehört, fortan hört er ihn regelmäßig. "So was unfreundliches." Später kann er anerkennen: "Die waren dabei vor allem eines - ehrlich." Und eben nicht bereit, zu einer unbefriedigenden Auskunft zufrieden zu grinsen.

Die Hochschule immerhin hat einen guten Ruf. Kaum angekommen, löst der junge Mann aus Kiel ein Armdrücken aus zwischen Ost und West. Er hat eine Zulassung für das Bauingenieursstudium, will aber viel lieber Architekt werden und setzt sich kurzerhand in die entsprechenden Vorlesungen. Die alten Ost-Professoren dulden diese Eigenmächtigkeit nicht. "Einmal wurde ich aus dem Hörsaal geschmissen. Vor versammelter Mannschaft." Die neuen West-Dozenten sehen in dem hartnäckigen Studenten den unbedingten Willen für die Sache. Am Ende setzen sie sich durch, mit Mühe und dem Argument der außerordentlichen Begabung, die der junge Mann bei praktischen Arbeiten zeigt.

Ein gutes halbes Jahr nach dem Ausflug ins "New Orleans" sind sie ein Paar: die brave Studentin und der langhaarige Freak im Armeemantel. Ein Paar, das Kommentare provoziert. "Sag bloß nicht, dass der ein Wessi ist", heißt es bei ihr zu Hause. Sein Vater gratuliert dem Sohn mit zweideutigem Augenaufschlag. "Jaaa, die Ostfrauen…"

Christoph Horstmann findet seine Ost-Freundin "deutlich unkomplizierter", "nicht so körperbetont wie so ’ne Westbiene", beherzter und weniger verstiegen. Ihr gefällt sein Herangehen an die Welt, unbekümmert und in dem Glauben, dass alles gelingen kann, "sein Urvertrauen", das sie ihm im Streit durchaus schon mal als "Selbstgefälligkeit" um die Ohren haut.

Die Hochzeit entzückt den Westbesuch

Die Hochzeit in Neubrandenburg im Mai 2000 bringt ihre Familien zusammen. Zum ersten Mal begegnen sich die Elternpaare: Sein Vater aus Kiel mit junger Freundin, seine Mutter mit Partner aus Kanada einerseits - andererseits ihre Eltern, das gestandene Ehepaar, das die Silberhochzeit längst hinter sich hat. Seine Verwandtschaft fliegt aus aller Welt ein: Die Tante mit dem amerikanischen Ehemann lebt in Frankreich, die mit dem Inder in Afrika, eine dritte in der Schweiz. Bei Familientreffen sprechen sie aus Rücksichtnahme Englisch untereinander. Ihre Onkel und Tanten kommen vom Lande, aus Thüringen und Mecklenburg.

Seine Familie genießt die Bekanntschaft mit dem Osten Deutschlands. Entzückend, lautet das Urteil der Tanten. Das Kaffee-Büfett mit Bergen von selbstgebackenem Kuchen begeistert sie ebenso wie das Jagdschloss am Ufer des Sees. Die Natur, die Urwüchsigkeit, die gute Luft. "Nachmittags hat meine Tante ihre Yogamatte im Schlosspark ausgerollt", erzählt Christoph. Doreens Leute wundern sich über den Westbesuch, der sich morgens, mittags und abends umzieht. Anders als der "gelernte DDR-Bürger", wie Vater Tessendorf sich selbst gern nennt, der tapfer Schlips und Kragen trägt von früh bis spät.

Als am Hochzeitsabend die wilde Party beginnt, donnert die Spaß-Hymne "Deutschland, Deutschland, spürst du mich?" aus den Boxen. "Alle unsere Freunde waren sofort auf den Beinen, na und die Alt-68er aus meiner Familie sind natürlich auch voll abgegangen", sagt Christoph und zitiert den Kommentar seines Schwiegervaters: "Der Westen tanzt für den Osten."

Unterschiede? Gemeinsamkeiten

Als es darum geht, wo sich das Ost-West-Paar niederlässt, fällt die Wahl auf Neubrandenburg. Unter anderem, weil beide Kinder wollen, und sich das im Osten leichter machen lässt. Mit Hilfe ihrer Eltern sanieren sie eine Stadtvilla. Als nach dem Sohn 2001 die Tochter 2003 etwas zu früh auf die Welt kommt, wählt Doreen die Karriere ab zugunsten der intensiveren Kinderbetreuung. Heute arbeitet sie teilzeit für einen Bauträger, ihr Mann ist der Architekt eines renommierten Neubrandenburger Büros. Es war seine einzige Bewerbung. Da nur die Geschäftsführer seinen Lebenslauf kannten, hat Christoph Horstmann seine Herkunft nicht thematisiert. "Am zweiten Tag hatte der Letzte gemerkt, woher ich stamme."

Typisch Ost, typisch West, Proletarier hüben, Schaumschläger drüben, Jammer-Ossis, Besser-Wessis - Doreen und Christoph Horstmann sind allen Klischees begegnet, und sie sind ihnen gleichgültig. Unterschiede gibt es, aber viel mehr Gemeinsamkeiten. Sie beschreibt es so: "Dass du dich immer erwidert fühlst, dass es diesen Gleichklang gibt beim Schmecken, Fühlen, Wahrnehmen." Sie hat ihren Mann zu künstlerischer Arbeit ermuntert: Bilder, Collagen, Objekte und Etiketten für edlen Whisky entstehen im Kelleratelier von Christoph Horstmann. Gerade sägt er eine Frauenskulptur aus einem Baumstamm. "Wäre das mit uns nicht passiert, das wäre schade gewesen."

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