Als 25 Trabis einfach falsch abbogen

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14. Dezember 2010, 01:13 Uhr

Zwickau | Lebensmittel aus dem Delikat, Klamotten aus dem Exquisit, Auslandsreisen - acht Jahre lang hat es sich Peter Bachmann (Name geändert) gut gehen lassen. Eine Viertelmillion DDR-Mark hat er durchgebracht. Das Geld auszugeben, sei kein Problem gewesen, sagte er gegenüber dem Richter am Bezirksgericht in Karl-Marx-Stadt. Er habe mit seiner Familie einfach gut gelebt. Eine Viertelmillion, diese Summe war 1988 für sich schon spektakulär. Noch viel spektakulärer war, wie Bachmann an so viel Geld kam. Er hatte nicht weniger als 25 Trabis gestohlen und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Aber es sind keine normalen Autodiebstähle gewesen. Bachmann hat sie dort mitgehen lassen, wo er seit 20 Jahren arbeitete: als Schlosser im VEB Sachsenring. Die geklauten Trabis waren Neuwagen.

Aus den Betrieben ist viel mehr herauszuholen

Der Trabidiebstahl von Zwickau ruft ein Schlagwort in Erinnerung. Eines, das im Sprachgebrauch der DDR so sehr seinen Platz gefunden hatte, dass es kaum mehr auf seine Richtigkeit hinterfragt wird. Dass aus den volkseigenen Betrieben "noch mehr herauszuholen" sei, wird gemeinhin Erich Honecker in den Mund gelegt. Gesagt angeblich auf einem Parteitag. Nachweisen lässt sich das nicht, wohl handelt es sich eher um einen DDR-typischen Wortwitz. Doch klingt es auch so schön. Hier der sozialistische Appell zur Steigerung der Produktivität, dort die umgangssprachliche Aufforderung zum Diebstahl.

Geklaut wird in jedem System, auch in den Betrieben. Doch entfaltete die Mangelwirtschaft in der DDR ihre eigene Dynamik. Dass einige Werktätige in ihren Betrieben den Begriff des Volkseigentums auf ihre ganz eigene Weise interpretierten, war kein Geheimnis. Auch wenn nicht von einem Massenphänomen gesprochen werden kann, Mitarbeiterdiebstähle waren ein Problem im VEB. Das Strafgesetzbuch der DDR kannte den Tatbestand des Diebstahls "sozialistischen Eigentums". Die Sanktionierung reichte vom "öffentlichen Tadel" bis zu zehn Jahren Gefängnis in besonders schweren Fällen.

Doch Gesetze sind das eine und die Realität das andere. Für die DDR bedeutete das: Die Mangelwirtschaft zerstörte Loyalitäten zum Sozialismus und senkte damit so manche natürliche Hemmschwelle. Mangel erzeugte aber auch Nachfrage und die befriedigte mancher dann eben mit einem Griff ins betriebliche Inventar. Entweder dienten die mitgenommenen Waren und Materialien der Eigenversorgung, oder sie waren zur Veräußerung auf dem Schwarzmarkt bestimmt. Wenn jemand mit "Sprit von Honni" fuhr, dann war das Benzin eben nicht bezahlt, sondern kam aus der Betriebstankstelle.

Ein Symbol der DDR-Mangelwirtschaft war natürlich der Trabi. Stets produzierte man in Zwickau dem Bedarf hinterher. Schon Anfang der 1970er-Jahre belief sich der Bestellüberhang auf eine Million Fahrzeuge. "So kam es, dass für beschädigte oder sehr alte Gebrauchtwagen auf dem Schwarzmarkt zum Teil höhere Preise erzielt wurden, als ein neuer Trabi ab Werk kostete", weiß Sönke Friedreich vom Sächsischen Institut für Geschichte und Volkskunde in Dresden zu berichten. Intensiv wie kein anderer hat sich Friedreich mit dem VEB Sachsenring befasst. Neben Archivrecherchen bilden Dutzende Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern die Grundlage seines Buches "Autos bauen im Sozialismus", in dem Friedreich Arbeitswelt und Organisation des Großbetriebes mit zuletzt fast 12 000 Beschäftigten untersucht.

Sachsenring nahm wegen der allzeit hohen Nachfrage nach seinen Trabis in der Ökonomie der DDR eine besondere Stellung ein, nicht nur wegen der extremen Wartezeiten. Auch Ersatzteile waren rar, der Schwarzhandel blühte. Die Beschäftigten bei Sachsenring saßen damit an einer äußerst lukrativen Quelle, wobei die Endmontage als ein beson-ders diebstahlgefährdeter Punkt galt. Keinesfalls will Volkskundler Friedreich jedoch den Eindruck eines Generalverdachts gegenüber den Mitarbeitern des VEB Sachsenring erwecken. "Der Großteil der Beschäftigten ließ sich nie etwas zu Schulden kommen."

Der Diebstahl wurde sehr leichtgemacht

Weil Diebstähle aber vorkamen und teils erhebliche Ausmaße annahmen, rief der Betriebsdirektor 1986 eigens eine Konferenz ein, in der er die mangelnde "Sicherung unserer Fertigungserzeugnisse" kritisierte und auf die ungenügende Inventur hinwies, welche Diebstähle begünstigte. Dass selbst der Nachweis produzierter und eigentlich leicht zählbarer Trabis derart ungenügend war und Peter Bachmann 25 davon klauen konnte, daran dachte der Direktor wohl nicht einmal im Traum.

Auch wenn Peter Bachmann eine gehörige Portion krimineller Energie unterstellt werden muss, wurde es ihm in Zwickau doch leichtgemacht. Das betraf zunächst einmal die besondere bauliche Situation des VEB Sachsenring, der aus drei Werken bestand. Nachdem im Werk I die Karosserie gefertigt wurde, folgten im Werk III das Tauchbad und die Beplankung mit den Duroplastteilen sowie die Lackierung. Dann kam es im Werk II zur Endmontage. Die fertigen Fahrzeuge wurden dann von Mitarbeitern ganz normal auf der Straße in das Werk I gefahren, wo sich der Verladebahnhof befand. Für diese Strecke wurden den Trabis Nummernschilder anmontiert.

Niemand wusste genau, wieviel produziert wurde

Peter Bachmann war als Schlosser damit befasst, die fertigen Trabis auf ihre Qualität zu untersuchen und gegebenenfalls vorhandene Lackschäden auszubessern. Die von Sönke Friedreich eingesehenen Gerichtsakten schildern ausführlich, wie es Bachmann überhaupt gelingen konnte, solange unbemerkt fertig montierte Trabis zu stehlen. Wie auf der zwei Jahre zuvor stattgefundenen Sicherheitskonferenz bereits bemängelt wurde, lag es daran, dass offenbar niemand so genau wusste, wie viele Trabis eigentlich produziert wurden. Bachmann nutzte aus, dass die fahrbereiten Trabis erst registriert wurden, als sie im Verladebahnhof von Werk I eintrafen.

Als Peter Bachmann 1980 den ersten Trabi klaut, arbeitet er bereits seit zwölf Jahren an seinem Arbeitsplatz. Mit der Zeit hat er so die Sicherheitslücken erkannt. Bachmann schlägt immer dann zu, wenn auf dem Hof von Werk II gerade besonders viele Trabis stehen, weil einer weniger dann kaum auffällt. In der Pause der Spätschicht, zwischen 21.30 und 21.45 Uhr, wählt er einen Trabi aus und klemmt ein privates Kennzeichen an das Fahrzeug. Da in den fertigen Trabis die Zündschlüssel hingen, startet er ohne Probleme und fährt einfach zum Werkstor heraus.

Obwohl der Werksschutz am Eingang kontrolliert, fällt Bachmann dabei nie auf. Die Wachen lassen ihn in dem Glauben passieren, er gehöre zu den Mitarbeitern, die mit der Überführung der Trabis in das Werk I befasst sind. Doch Peter Bachmann stellt den Trabi dann in einer Seitenstraße ab. Nach Schichtende fährt er zunächst mir seinem privaten Auto die Strecke zu seiner Wohnung ab, um sicherzugehen, dass keine Polizeikontrollen stattfinden. Dann kehrt er zum Werk zurück und fährt den gestohlenen Trabi nach Hause.

So einfach wie der Diebstahl, so einfach gestaltet sich auch der Verkauf. Bachmann sucht sich seine Abnehmer unter Besitzern älterer Trabis. Dann trennt er die Fahrgestellnummer des gestohlenen Trabis heraus und ersetzt sie durch jene des bereits seit Jahren zugelassenen Fahrzeuges. Die Abnehmer fahren nun einen neuen Trabi, mit den alten Papieren. Bei abweichender Farbe wird einfach die Legende einer neuen Lackierung erzählt.

Dass Peter Bachmann so innerhalb von acht Jahren 25 Trabis klauen und verkaufen konnte, hängt für Sönke Friedreich nicht nur, aber eben auch mit den Besonderheiten eines sozialistischen Großbetriebes zusammen.

Einen Kaufhallendiebstahl hätte er sich nie getraut

"Laxe Arbeitsmoral und Kontrollen gibt es auch in vielen kapitalistischen Betrieben, ebenso wie die Möglichkeit zum Diebstahl, schließlich gibt es das Motiv der Bereicherung in jedem System. Aber die meisten kapitalistischen Betriebe haben doch Möglichkeit und Willen, Diebstähle in Grenzen zu halten." So wäre eine räumlich so zerstückelte Produktion im Kapitalismus kaum vorstellbar und würden Inventuren und Revisionen zumeist von außerbetrieblichen Beauftragten durchgeführt. Diese hätten kaum ein Interesse daran, Fehler zu übersehen oder gar zu verschleiern.

Peter Bachmann wird 1988 zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Außerdem muss er Schadenersatz in Höhe von genau 258 668,35 Mark leisten. Das entspricht dem von ihm erzielten Verkaufserlös. Soweit noch vorhanden, wurden die gestohlenen Trabis beschlagnahmt und dem VEB Sachsenring zurückgegeben. Wie einfach es Bachmann gemacht wurde, hat ihn selbst wohl am meisten gewundert. "Wenn ich das Risiko bei einem Autodiebstahl im VEB Sachsenring und bei einem Diebstahl in irgendeiner Kaufhalle vergleiche, so muss ich sagen, dass die Gefahr des Erwischtwerdens bei einem Kaufhallendiebstahl bedeutend größer ist. Ich hätte nie den Mut gefunden, irgendeinen Kaufhallendiebstahl auszuführen."

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