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„Ältere Menschen sind immer stärker gefährdet"

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erstellt am 17.Nov.2011 | 11:41 Uhr

Suchtforscher Michael Klein forscht schon seit Jahren zum Thema Abhängigkeit. An der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen ist der 57-jährige Professor für Klinische und Sozialpsychologie. Benjamin Piel sprach mit dem Leiter der Kompetenzplattform Suchtforschung über Tablettenberge und süchtige Ärzte.

Warum werden Menschen medikamentenabhängig?

Klein: Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Manche haben zu viel Stress im Beruf. Andere wollen im Sport - auch im Freizeitsport - Höchstleistungen bringen. Wieder andere sind depressiv, werden falsch behandelt und geraten dadurch in eine Sucht.

Apropos falsch behandelt: Gehen Ärzte vorsichtig genug mit Medikamenten um?

Das lässt sich natürlich nicht pauschal sagen. Aber oft ist es nicht der Fall. Statt alternativer Behandlungsmethoden gibt es dann Pillen. Allerdings muss ich die Ärzte auch in Schutz nehmen. Es handelt sich vor allem um ein Problem unseres Gesundheitssystems.

Das Dilemma der Drei-Minuten-Behandlung.

Exakt. Das Gespräch zwischen Arzt und Patient kommt viel zu kurz. Alles muss schnell gehen. Oft haben auch die Patienten nicht die Zeit, sich um die wahren Ursachen ihres Problems zu kümmern. Die schnelle Pille ist ihnen manchmal lieber. So bleiben die wirklichen Ursachen im Dunkeln und die Behandlung von Symp tomen durch Medikamente mit Suchtpotenzial führt zu großen Problemen.

Ist die Einstellung von Ärzten gegenüber Medikamenten kritisch genug?

Oft nicht. Da ist auf jeden Fall mehr Information und Senisibilisierungsarbeit gefordert, die oft auch im Studium zu kurz kommt.

Vielleicht auch deshalb gehören Ärzte zur Risikogruppe, selbst abhängig von Medikamenten zu werden.

In erster Linie gehören sie zur Risikogruppe, weil sie Zugriff auf Medikamente haben. Griffnähe heißt das im Fachjargon. Außerdem haben die Menschen, die im medizinischen Bereich tätig sind, besonders harte Arbeitsbedingungen: Stress, Wochenenddienste, wenig Schlaf, manchmal harte körperliche Arbeit. Mitarbeiter im Gesundheitswesen leiden ironischerweise besonders häufig an gesundheitlichen Störungen.

Wer ist außerdem noch besonders gefährdet?

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass alte Menschen verstärkt zur Risikogruppe gehören. Das liegt zum einen natürlich an der Alterung der Gesellschaft. Zum anderen aber auch daran, dass ältere Menschen immer häufiger allein leben und sich dadurch auch allein fühlen. Viele werden deshalb depressiv. Statt diese Depressionen therapeutisch zu behandeln, werden oft Tabletten verabreicht. Manchmal fehlt diesen Menschen vor allem die Zuwendung - da müsste man ansetzen. Tabletten sind oft überhaupt keine Lösung.

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