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Bundesland Schlusslicht - und Rügen Spitze des Eisberges : Ackern für den Billiglohn

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61,3 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten auf Deutschlands größter Urlaubsinsel arbeiten für Niedriglöhne. Der Landkreis Rügen ist damit bundesweites Schlusslicht.

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erstellt am 11.Jul.2011 | 08:32 Uhr

Schwerin/Rügen | Eine Suite für 716 Euro pro Nacht und Nase und ein Rinderfilet - ohne Beilagen - für 24,50 Euro sind Rügens eine Seite. Die andere: 61,3 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten auf Deutschlands größter Urlaubsinsel müssen für Niedriglöhne arbeiten. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor, die unserer Redaktion vorliegt.

Besonders junge Leute betroffen

Der Landkreis Rügen ist damit bundesweites Schlusslicht - und innerhalb Mecklenburg-Vorpommerns nur die Spitze des Eisberges. So betrug der entsprechende Anteil zum Stichtag 31. Dezember 2009 im Nordosten 44,5 Prozent. Damit aber nicht genug: Anstatt zu sinken, stieg die Zahl. So zählten die Statistiker im Jahr 2000 noch 40,8 Prozent und 2005 dann schon 42,1. In absoluten Zahlen heißt das, dass 2009 von 375 414 Vollzeitbeschäftigten in MV sage und schreibe 163 746 Niedriglöhne - weniger als zwei Drittel des Durchschnittsentgelts - erhielten. Innerhalb der Landesgrenzen folgen Uecker-Randow (56) und Ostvorpommern (53,9) auf den Plätzen. Besonders drastisch gestaltet sich das Bild bei den jungen Leuten - auf Rügen müssen 89,7 Prozent der Unter-25-jährigen Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnsektor ackern, auf Landesebene sind es noch ebenfalls stolze 75,7 Prozent.

"In dieser wirtschaftlichen Gemengelage werden dann die letzten noch verbliebenen jungen Leute zerrieben, wenn Betriebe dazu neigen, den Bogen zwischen den Polen extensive Arbeitszeiten und Zahlung niedrigster Löhne zu überspannen", warnt denn auch Uwe Driest, Vorsitzender des Ortsverbandes Rügen der Grünen. Driest schlägt deshalb einen Runden Tisch mit Vertretern des Hotel- und Gastgewerbes und der Gewerkschaft vor, um branchenspezifische Mindestlohnlösungen zu erarbeiten. Laut Driest verdienten Vollzeitbeschäftigte auf der Insel durchschnittlich 1500 Euro Brutto - im Bund sind es gut 2500.

Landrätin Kerstin Kassner (Linke) hält von der Idee eines Runden Tisches aber nur wenig. "Wir können schlecht in die Tarifpolitik eingreifen. Das müssen die Unternehmer schon selber machen." Die Zahlen der Bundesregierung selbst überraschten sie keineswegs, so Kassner. Die Insel sei nun mal vorrangig vom Tourismus geprägt: "Da sind die Löhne niedrig." Dennoch versuche der Landkreis gegenzusteuern, etwa mit der Ansiedlung von Industrie im Hafen Mukran. Die Einschätzung der Links-Politikerin deckt sich da sogar mit der der Vereinigung der Unternehmensverbände für Mecklenburg-Vorpommern (VUMV). "Unser Land ist keine Indus trieregion. In der Masse gibt es keine hochbezahlenden Unternehmen. Deshalb kann eine Lösung nur darin bestehen, die wirtschaftliche Basis zu vertiefen, also Unternehmen anzusiedeln und vor allem solche, die innovativ sind", sagt VUMV-Sprecher Jens Matschenz. Die Niedriglöhne hierzulande jedenfalls gingen nicht "auf den Unwillen der Unternehmer, entsprechende Löhne zu zahlen zurück".

Sellering fordert Mindestlohn

Vielleicht aber auf den Unwillen, einem flächendeckenden Mindestlohn zuzustimmen. Den forderte gestern Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) gegenüber unserer Redaktion: "Ich setze mich in Berlin für einen bundesweiten Mindestlohn von 8.50 Euro ein. Das ist das wirksamste Mittel gegen Niedriglöhne." Obwohl Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen fünf Jahren mit einem Plus von 25 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt bilanzieren könne, zeigten die Zahlen aus der kleinen Anfrage aber doch, "dass jetzt etwas bei den Löhnen passieren muss", fordert der Regierungschef.

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